«Ich bin immer fremdbestimmt.» Elisabeth Lüthi bringt so die Situation vieler Menschen mit Behinderung auf den Punkt. Sie müssen ständig für Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen. Sie müssen aber auch lernen, Grenzen zu akzeptieren. Elisabeth Lüthi vertraut auf die Zusage Gottes: «Ich bin bei euch alle Tage!» und überträgt sie auf ihr Leben als MS-Patientin.
Elisabeth und Hanspeter Lüthi sitzen am Esstisch und erzählen. Sie berichten von ihrer Liebe, wie sie jung heirateten, bald zwei Kinder bekamen und immer wieder erkennen, wie Gott Wege plant. Hanspeter war Sportler. Er nahm an vielen Laufwettkämpfen teil und radelte tausende von Kilometern. Was er macht, das macht er richtig! Elisabeth leidet manchmal am Charakter ihres Mannes. «Du findest nie das Mass!» Sie ist oft allein. Heute zwar weniger, denn sie ist auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. Vor 21 Jahren erkrankte sie an Multipler Sklerose (MS). Viele Krankheitsschübe schwächten ihren Körper. «Aber ich kann noch gehen! Mit steifen Beinen und breitspurig. Aber es geht noch.»
Eine energische Frau
Der Arzt, der ihr die Krankheit diagnostizierte, brachte sie in Rage. Er wollte ihr nicht klipp und klar sagen, was mit ihr los ist. Deshalb musste sie es ihm sagen: «Ich habe MS. Ich weiss es!» Der Arzt war irritiert und zeigte ihr Statistiken, wie MS verlaufen könne. «Die Ärzte sollten psychologisch besser geschult werden», ereifert sich Elisabeth. «Was helfen Zahlen? Ich musste mit dem Schock zurechtkommen.» Wie es wirklich wird, weiss niemand vorher.
Im Rollstuhl ist man fremdbestimmt.
Auch wenn die Schmerzen stark sind und Schonung angesagt wäre, kämpft sie weiter. Mit dem Cortison steht sie auf Kriegsfuss. «Ich weiss, dass ein kleiner Teil gute Wirkungen sind. Aber ich kenne auch die vielen Nebenwirkungen. Etwa 30 zu 70 Prozent.» Sie schluckt die Tabletten trotzdem. Mit Cortison übersteht sie einen MS-Schub besser.
Wünsche und Hoffnungen
Sie merkt immer wieder, dass sie eigene Wünsche nur hegt, aber nicht formuliert. «Mein Mann nimmt mich oft mit zum Fischen. Stundenlang. Es ist ja auch schön draussen in der Natur. Aber ich würde vielleicht lieber in einem schönen Restaurant ein Glace essen und plaudern.» Oft sagt Elisabeth nichts und ist dann innerlich ‘empört’. Vielleicht aus Angst, Hanspeter könne nicht auf ihren Vorschlag eingehen. Vielleicht, weil sie selber nicht recht weiss, was gerade für sie gut wäre. Die Krankheit ist ein Kampf.
Am liebsten würde sie auf einem grossen Motorrad sitzen und durch die Gegend brausen. «Ich werde dies nie können! Hinten aufsitzen will sie nicht. Selber lenken und den Fahrtwind im Gesicht spüren, das ist ihr Traum…
Die Realität sieht anders aus. Sie fährt Rollstuhl. Man sagte ihr, das sei der Anfang vom Ende. Die Mitmenschen sind oft hilflos. Sie spüren nicht, wie ihr Reden und Handeln auf Behinderte wirkt.
Mit der Krankheit umgehen
Hanspeter Lüthi hat sich Strategien zurechtgelegt und will sich damit schützen. Er muss Wege finden, wie er mit der Krankheit seiner Frau zurechtkommt. Er hilft ihr viel, aber er sucht auch den eigenen Ausgleich. «Ich arbeite 100 Prozent und brauche mein eigenes Leben.»
Sollte er bei schweren MS-Schüben teilweise der Arbeit fernbleiben und seiner Frau beistehen? Wie oft? Was geschieht, wenn es ihr dann noch schlechter geht? Auch er vertraut auf Gott. Trotz all den Spannungen, die Elisabeths Krankheit mit sich bringt. «Wenn wir zurückblicken, hat Gott unseren Weg sehr gut geplant.» Die Krankheit brach aus, als die Kinder nicht mehr so klein waren. Ich konnte davor noch intensiv Sport treiben. Die Einschränkungen kamen schrittweise, sonst wäre es sehr schwer für mich gewesen.»
Dass es Elisabeth nach 21 Jahren MS noch so gut geht, ist für beide ein Geschenk Gottes, sagt er. Viele, die sie kennen, sind schneller pflegebedürftig geworden oder schon gestorben. Elisabeth hat ein starkes Gottvertrauen. «Fast etwas naiv», sagt sie selber. Sie weiss, dass Gott sie begleitet und beschützt, ist sie überzeugt. Deshalb fürchtet sie sich nicht. Natürlich ist sie im Rollstuhl hilflos. «Aber ich würde schon um mich schlagen, wenn ich ausgeraubt würde», versichert sie und fuchtelt dabei mit den Händen.
In Gottes Hände
Die Zukunft nimmt Elisabeth erstaunlich gelassen. «Gott wird schon für uns sorgen.» Die Predigten in der reformierten Kirche stärken ihren Glauben immer wieder. Im Gespräch am Tisch tritt aber dennoch immer wieder die Spannung hervor, die eine solche Krankheit auslöst. Gottvertrauen und Enttäuschung. Verstehen und doch nicht begreifen, was geschieht. Lieben und doch einander immer wieder verletzen. Helfen und doch nicht das Richtige tun.
Auf Gott vertrauen.
Spannung und Hoffnung
Beide leiden. Beide sind betroffen. Beide hoffen. Beide sind manchmal am Verzweifeln. MS ist unberechenbar. Lüthis haben gelernt, einen Tag nach dem anderen zu nehmen – aus Gottes Hand. Einfach ist es nicht. «Ich kann nicht voraussagen, wie es mir in einem Jahr geht», gesteht sie.
Lüthis haben sich jedoch einen Traum erfüllt: Ein Fahrrad-Rollstuhl! Damit fahren sie im Sommer weite Strecken. Dann spürt Elisabeth den Fahrtwind im Gesicht. Auf einer Strecke schaffen sie 75 km/h! Elisabeths Augen leuchten, wenn sie davon erzählt. «Es ist ein herrliches Gefühl! Dann vergesse ich alles.» Loslassen, in der Gegenwart leben und Gott vertrauen. Nur so meistern die beiden diese Krankheit auf ihrem Lebensweg.
Autor: Hans Ueli Beereuter Quelle: Bordzeitung - Texte zum Leben
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