«Erfolg war das Allerheilmittel für mein verunsichertes Ego», sagt Philip. Mit 26 ist er bereits stolzer Eigenheimbesitzer, hat eine Garage voll toller Autos, und seine Frau ist mit dem dritten Kind schwanger. Doch innerhalb eines Jahres hat er alles verloren: die Familie, den Wohlstand, die finanzielle Sicherheit und auch den damit aufgebauten Selbstwert.
Heute ist Philip frei – vor allem frei von sich.
Es gibt die Momente, da ist die Zeit vorbei und ich habe gar nicht gemerkt, dass sie schon weg ist. Zum Beispiel, wenn mich Tamara, meine Frau, was fragt, während ich gerade konzentriert an etwas arbeite. Was eigentlich fast immer der Fall ist. Mir fällt dann jeweils nicht auf, dass meine Antwort im Vergleich zur Frage in einer anderen Zeitzone liegt.
Bei der Freiheit läufts genauso. Wir leben uns irgendwo hinein und plötzlich ist sie weg – ohne es zu merken. Verschoben, irgendwie in eine Ich-freie-Zone. Diese Freiheit dann wiederzuerlangen ist oftmals nicht ganz einfach. Doch der erfolgreiche Versuch fühlt sich an, als würde man sich nach einem eisigen Winterspaziergang zu Hause ins warmblubbernde Sprudelbad schmeissen.
Blubberbad und Straussenteller
Als ich Philip zum ersten Mal traf, war es genau das, was wir taten. Nein! Nicht das gemeinsame Blubberbad – den Winterspaziergang. Unterwegs durch die eisige Kälte mit Aussicht auf einen feinen Straussenteller in einem Restaurant, dass unerklärlicherweise auch in einer anderen Zeitzone zu liegen schien. Unser Gespräch drehte sich über seinen neuen Job, seine erfolgreiche Vergangenheit, Gott und den kürzlich verstorbenen Vater.
Etwas an Philip faszinierte mich. Wie ich später herausfand, war es die Kombination aus reifer Lebensweisheit und einer Gelassenheit, die nur einer haben kann, der seine Träume bereits verwirklichen konnte. Gleichzeitig spürte ich bei ihm aber auch diesen ungebrochenen Durst nach mehr und die Bereitschaft, Neues in seinem Leben zu entdecken.
Rückblick
Heute sagt er über seine Vergangenheit: «Ich war abhängig vom Zuspruch und der Anerkennung anderer. Diese Faktoren haben mein Leben bestimmt. Bedingt durch meine Biographie, in deren Verlauf ich mich nie wirklich angenommen und geliebt gefühlt habe, unternahm ich einiges, um dieses Manko aufzufüllen. Es ging soweit, dass ich kaum mehr ich selber war.»
Philip erkämpfte sich während Jahren die Gunst anderer. Es war, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, «ein Motor, der kaum zu bremsen war». Und der Erfolg blieb nicht aus. Weder sportlich, noch beruflich, noch privat. Um Philip kam man nicht herum. Er spielte im nationalen Fussballteam, machte nebenbei Radio und stand mitten im steilen Steigflug seiner Finanzkarriere.
Kaum 26 Jahre alt, war er bereits stolzer Eigenheimbesitzer – mit Pool im Garten, versteht sich – und tollen Autos, die sich in der Garage beinahe stapelten. Seine Frau war mit dem dritten Kind schwanger, und der Bankkontostand liess Zukunftssorgen schon gar nicht erst aufkeimen. Ein «gutes Leben», wie er selbst es zurückhaltend nennt, die Freiheit der Eigenständigkeit hart erarbeitet.
«Erfolg war das Allerheilmittel für mein verunsichertes Ego, der Korrekturstift, um mein kaputtes Selbstbild zu korrigieren. Ich war auf dem Weg aufwärts und nahm mir keine Zeit, nachzudenken – worüber auch? Es lief ja alles bestens. Ich gehörte zur ersten Generation der Juppies – und genoss meine Freiheit!»
«Die neuentdeckte Freiheit liegt darin, dass ich nie alleine bin, nichts alleine machen muss.»
Der Zerbruch
Doch wie in jeder guten Hollywoodromanze blieb auch bei Philip der grosse Zerbruch nicht aus. Mit 28 Jahren wollte seine Frau unerwartet die Scheidung. Ein anderer Mann war der Grund. Und plötzlich brach das feinsäuberlich aufgestapelte Kartenhaus zusammen. Unzimperlich grausam und völlig unsensbibel wie das Leben manchmal sein kann.
«Innerhalb eines Jahres hatte ich alles verloren: die Familie, den Wohlstand, die finanzielle Sicherheit und auch den damit aufgebauten Selbstwert. Mein Motor kam ins Stocken und lief schlussendlich nur noch auf Standgas. In meiner damaligen erfolgsorientierten Welt ein Todesurteil.» Vom Juppie wurde er zum Sozialfall. Irgendwie auch eine Karriere, einfach in die falsche Richtung. Mit dem Erfolg schwanden auch all die damit verbundenen Privilegien und Freiheiten. Als wäre all das, wofür er gelebt hatte, plötzlich ausser Reichweite, meilenweit entfernt – und seine Freiheit: in einer anderen Zeitzone eben!
Neuorientierung
Philip, der selbst als Scheidungskind aufgewachsen war, zog einen sauberen Schlussstrich und gleiste sein Leben komplett neu auf. Der Privatwirtschaft und dem grossen Geld hatte er abgeschworen. Ein Jobwechsel in die soziale Branche war dann auch der Grund für unseren gemeinsamen Winterspaziergang, anlässlich der Teamtage der Jugendstation, in welcher wir beide arbeiteten.
Mittlerweile war er 38 Jahre alt und vieles war wieder im Lot. Manche alte Geschichte war ausgegraben und bereinigt, auch seinen Eltern hatte er vergeben können, die er jahrelang für sein kaputtes Selbstbild mitverantwortlich gemacht hatte. Viele Wunden waren verheilt – und doch: «Genau in diese Phase hinein spürte ich, dass ich mich trotz allem immer noch nicht ganz annehmen konnte.»
Schlüsselerlebnis
Der endgültige Durchbruch zur inneren Freiheit, zur Erlösung von allen Zwängen von aussen und denen, die Philip sich selber auferlegte, geschah an einem Abend, auf der Nachtwache. Er brütete über Gedanken für einen Teaminput. «Ich arbeitete seit zwei Monaten in einer christlichen Institution, hatte mich aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit meinem Herzen für den Glauben entschieden.
Ich blätterte in der Bibel, obwohl ich keine Ahnung hatte, wonach ich da eigentlich suchen musste und stiess dabei plötzlich auf Bibelstellen, welche mir immer wieder die gleiche Botschaft aufzeigten: „Du bist gewollt!“ und „Du bist geliebt!“. An diesem Abend endete meine Suche nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Sie endete in den Armen des himmlischen Vaters, der schon immer da war und der auf mich gewartet hat – fast 40 Jahre lang.
Mittagessen mit dem verlorenen Sohn
Klar und deutlich habe ich vor Augen, wie Philip mich kurz darauf anlässlich eines unserer bereits rituellen gemeinsamen Mittagessen die alles entscheidende Frage stellte: «Boppi, ist es möglich, dass nicht Gott von mir davon läuft, sondern ich schon ein Leben lang vor ihm?» Ich bejahte und erzählte ihm voller Enthusiasmus die Story vom verlorenen Sohn*.
Sein erstaunt-begeistertes Gesicht sehe ich noch vor mir, als wäre es gestern gewesen, als er mir am Ende der Geschichte fast über die beiden halbgefüllten Teller entgegensprang und rief: «Das ist meine Geschichte! Das ist genau meine Geschichte!»
Heute
Heute ist Philip frei – vor allem frei von sich. «Das Leben ist seither nicht immer nur Friede, Freude und Eierkuchen. Oft ist es auch Kampf und Krampf. Besonders oder gerade mit Gott trage ich immer wieder meine Fights aus. Seit ich ihn kenne, ist mein Leben einiges herausfordernder geworden und auf keinen Fall einfacher.
Die neuentdeckte Freiheit aber liegt für mich darin, dass ich, wo immer ich auch stehe, nie alleine bin, nichts alleine machen muss und vor allem nichts alleine kann. Vielleicht klingt das in einigen Ohren eher nach Gefangenschaft, aber ich habe es erlebt – freier kann man wirklich nicht sein!»
Der Zürcher Pfarrer Ernst Sieber hat am Dienstag das erste Obdachlosen-Dorf der Schweiz eingeweiht: «Brothuuse» in Zürich-Affoltern bietet Platz für...