Flo

„Ich bekam eine zweite Chance!“

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Flo Zimmermann: „Anderen Menschen Mut zu machen, ist meine Lebensaufgabe geworden.“
Es war ihr alles zuviel. Sie wollte nur noch eines: sterben. Beziehung kaputt. Probleme in der Ausbildung. Diagnose Diabetes. Tödlicher Unfall eines Freundes. Einbruch in die Wohnung – und immer diese Angst. Sie hatte das Leben satt. Flo, 21 Jahre alt, stand an der Aare. Sie spritzte sich eine Überdosis Insulin und fiel ins Koma – aber nicht ins Wasser.

Spaziergänger fanden sie und brachten sie ins Spital. Als Flo aufwachte, war sie verärgert und verzweifelt. „Jetzt habe ich erst recht die Zwei am Rücken“, sagte sie sich. Ein paar Tage später bot sich ihr nochmals eine Gelegenheit zum Suizid. Alles lag bereit: Insulin, Tabletten, ein Messer. Doch dann durchfuhr sie der Gedanke: „Gott hat dir eine zweite Chance zum Leben gegeben. Jetzt nutze sie!“

Es ist der 19. April 2007. Ich sitze in einer hellen, gemütlichen Wohnung in der Altstadt Berns. Vor mir sitzt Flo Zimmermann, 32 Jahre alt, die mich mit ihren dunklen Augen erwartungsvoll anschaut. Sie lächelt. Eigentlich sieht sie ganz fröhlich und gelassen aus. Wenig lässt äusserlich auf eine so ereignisreiche Lebensgeschichte schliessen, wie sie sie mir eben erzählen wird. Die Katze kratzt ein wenig an ihrem Katzenbaum und schaut skeptisch auf den Gast herunter. So friedlich und gelöst wie jetzt war die Stimmung im Leben von Flo bis vor vier Jahren nicht. Umso mehr möchte die Frau heute Menschen, die es schwer haben und ihrem Leben am liebsten ein Ende machen wollen, mit ihren Erfahrungen helfen. Die Wohnung hier in Bern ist ein Zufluchtsort für Frauen geworden, die Ähnliches durchmachen wie Flo. Hier lebt sie mit ihrem Mann und zurzeit vier weiteren Menschen, die sie durch ihre Schwierigkeiten hindurch begleitet. Die Hip Hop-Gruppe „Intentions“, die sie zwei Mal pro Woche trainiert, möchte junge Menschen von der Strasse holen und sie sinnvoll in der Freizeit beschäftigen. Eine Tanzschule ist im Aufbau – und immer wieder ist Flo unterwegs, um in Schulen, Jugendgruppen und Religionsklassen von ihren Erlebnissen zu erzählen. Sie hat Verständnis für Menschen, die von ständiger Todessehnsucht in dunkle Abgründe ihres Lebens gerissen werden. „Ihnen Mut zu machen, ist meine Lebensaufgabe geworden – die zweite Chance, die ich in meinem Leben erhalten habe“, sagt sie in breitem Berndeutsch.

Im Tschador bei den Islamisten

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Am 10. März 1975 wird sie in Beirut geboren. Ihre Eltern sind muslimische Libanesen. Mit drei Jahren kommt sie mit ihrer Mutter nach Deutschland. Der Vater war schon vorausgegangen. Die Ehe der Eltern geht in die Brüche und wird geschieden. Mit ihrer Mutter lebt sie zunächst in Ostberlin, dann gelingt die Übersiedlung in den Westen nach Gelsenkirchen. Die Frau eines Schweizer Pastors, der dort in einer Kirche der Bergmannsmission wirkt, kümmert sich um die überforderte Mutter mit der kleinen Flo. Eine enge Verbindung zu dieser Familie mit den drei Kindern entsteht. Als die Mutter von Flo, keine strenggläubige Muslimin, eine Arbeit findet, wird das Libanesenmädchen etwa vier Jahre als Pflegekind von der Schweizer Familie aufgenommen. Doch dann entschliesst sich Flos Mutter, in den Libanon zurückzukehren. Die Siebenjährige ist nun in Beirut viel allein. Die Schweizer Familie fehlt ihr. Der Kontakt bricht ab. Etwa 1984 kommt Flo in Kontakt mit der islamistischen Gruppe Amal, einer Vorläuferin der Hisbollah. Die Vorgänge dort faszinieren sie. Der Einfluss des strengen Islam auf das Mädchen wird stärker. Sie ist mit andern Kindern bei den Übungen der Gruppe dabei, lernt schiessen, schiebt Wache, zieht den Tschador an und beginnt das Leben einer strenggläubigen Muslimin zu führen. Der Mutter missfällt die extreme Haltung der Tochter und sie überlegt sich, ob es nicht besser für sie wäre, wieder nach Deutschland in jene christliche Familie zurückzugehen. Sie nimmt Kontakt mit den Pastorenleuten auf, die aber mittlerweile wieder in die Schweiz gezogen sind. Zwar darf die Mutter nicht in die Schweiz einreisen. Dank einer Bürgschaft des Predigers kann Flo aber mit zehneinhalb Jahren nach Bern ziehen, wo sie in dieser Familie lebt, bis sie 21 Jahre alt ist.

Im Tunnel und „im freien Fall“

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„Ich hatte wahrscheinlich schon als Kind Depressionen“, erzählt Flo. Schon mit sechs Jahren habe sie ein Messer genommen und sich vorgestellt, wie es wäre, sich umzubringen. Als Teenager droht sie oft mit Suizid, ist oft traurig, hat viel Angst, leidet unter Verfolgungswahn. Im April 1996 stellt man ihr die Diagnose Diabetes. Nun muss sie fünf Mal pro Tag Insulin spritzen. Eine Beziehung geht nach drei Jahren in die Brüche, während sie in einen andern unglücklich verliebt ist. Das Praktikum als Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik setzt ihr zu. Ein Mitarbeiter, den sie sehr gut mag, kommt bei einem Autounfall ums Leben. Gleich darauf, als sie eine Nacht alleine zuhause ist, versucht man bei ihr einzubrechen. In ihrer Abteilung muss sie kämpfen, in der Schule geht es bergab. „Es kam so viel zusammen, es war einfach zuviel für mich“, sagt Flo. Im Herbst hat sie keine Kraft mehr. Alles ist dunkel. Sie fühlt sich wie in einem Tunnel, der nie aufhört. Sie versucht sich im Schreiben von Gedichten Luft zu verschaffen. Aber nichts hilft. Flo: „Ich fühlte mich wie im freien Fall!“

Der „Megachlapf“

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Sie geht an die Aare, will sich eine Überdosis Insulin spritzen mit dem Vorhaben, „wenn ich in die Aare falle, ist es aus – oder dann halt nicht.“ In ihrem Kopf klingt ein Lied nach, das sie gehört hat: „Du wirst immer bei mir bleiben, auch wenn ich vor dem Todesstoss stehe.“ Sie will einfach Frieden. Sie glaubt, ihn auf der Erde nicht zu finden. Sie sagt sich: „Ich bin für dieses Leben nicht geschaffen. Ich bin zu sensibel.“ Sie spritzt sich die Überdosis Insulin und fällt ins Koma, aber nicht ins Wasser. Fussgänger finden sie am Ufer und die Ambulanz bringen sie ins Spital auf die Überwachungsstation, wo sie am gleichen Abend wieder erwacht. „Jetzt wird es erst recht schwierig“, denkt sie, „nun hast du die Zwei am Rücken.“ Sie rebelliert, will auf ihr Zimmer, um dort endgültig Schluss zu machen. Insulin, Medikamente und ein Messer liegen auf dem Bett bereit. Drei Stunden hat sie Zeit. Doch dann durchfährt es sie wie ein Blitz: „Gott hat dir eine zweite Chance zum Leben gegeben. Jetzt nutze sie!“

Nicht, dass sie sich besonders freut. Aber sie fällt den Entscheid, weiterleben zu wollen. Flo setzt sich hohe Ziele: tanzen, klettern, Motorrad fahren. Bei der Entlassung aus dem Spital sagt der Arzt: „Sie hängen doch viel zu fest am Leben.“ Dieser Satz ist für sie wie ein „Megachlapf an Gring“ (Schlag an den Kopf). Sie empfindet, man nehme sie nicht ernst.

Wo war Gott?

Aber Flo war doch den grössten Teil ihres Lebens in einer christlichen Familie aufgewachsen. Wo war denn ihr Glaube? Wo war Gott? „Ich glaubte an Gott, aber ich dachte, ich genüge ihm und den Menschen nicht“, sagt Flo nachdenklich. Die bedingungslose Liebe im Herzen habe sie nicht gekannt. Durch den Suizidversuch sei ihr aber bewusst geworden, dass Gott eine Beziehung mit ihr persönlich möchte. „Aber ich musste meinen Teil auch dazu beitragen, ihm meine Liebe geben.“ Es sei eine erste tiefe Begegnung mit Gott gewesen. Zwar habe sie sich mit 13 Jahren schon für ein Leben mit Gott entschieden gehabt und es ernst gemeint. Aber sie habe ein falsches Gottesbild gehabt. „Ich vermischte den Gott der Bibel mit dem Gott des Islam“, stellt sie heute fest. Dennoch habe ihr Gott nach dem Suizidversuch einen unglaublichen Liebesbeweis erbracht: Sie sei immer eine Musikliebhaberin gewesen. Als sie damals im Spital lag und sich mit dem Kopfkissenradio zu trösten versuchte, betete sie: „Lieber Gott, ich möchte so gerne mein Lieblingslied „Lean On Me“ hören.“ Sie spielte mit den Sendern herum – und plötzlich kam es im Radio. Etwas später betete sie erneut: „Gott, wenn du mich wirklich liebst, lass es nochmals spielen!“ Und es kam. Und aller Unverschämtheit zum Trotz: Am Abend war der Song nochmals auf ihre Bitte im Kopfkissenradio zu hören. „Das war ein Wahnsinnserlebnis! Ich spürte Gottes Gegenwart.“ Ähnliches erlebte sie später auf einer Velotour. Ja, Gott habe den Suizidversuch nicht gelingen lassen, weil er ihr eine zweite Chance geben wollte. Flo: „Er hat einen Plan.“

Neuer Tiefschlag: Verletzungen aus der Kindheit

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Sie hat zwar überlebt und eine wichtige Entscheidung getroffen, doch in den folgenden Jahren geht es Flo nicht gut. Sie wohnt zunächst in der WG einer christlichen Familie, wo sie auch seelsorgerlich betreut wird. Nach der Lehre als Krankenschwester tritt sie eine Stelle im Spital Thun an, wird aber plötzlich krank: Spontane Lungenembolien treten auf mit der Folge, dass sie sich für diesen Beruf nicht eignet. Sie lernt einen jungen Mann kennen, den sie zwei Jahre später, 1999, heiratet. Mit ihm zusammen lebt sie weiter innerhalb der WG, aber in einer eigenen Wohnung. Sie arbeitet nun als Hörgeräte-Akustikerassistentin. In der Ehe läuft es immer schlechter, weil es Flo nicht gut geht. Die Angstzustände nehmen zu. In der psychologisch-seelsorgerlichen Beratung stellt sich heraus, dass Flo offenbar als Kind mehr sexuell missbraucht wurde, als ihr bewusst war. An vieles kann sie sich nicht mehr erinnern doch einiges ist noch in ihrem Gedächtnis. Filmrisse, in denen sie die Tat sieht, und schmerzliche Gefühle der Penetration kommen hoch. Heute ist sie überzeugt, dass in früher Kindheit ein sexueller Missbrauch stattgefunden haben muss.

Der junge Ehemann zeigt zwar Verständnis und Geduld bei Flos sexuellen Schwierigkeiten. Beide hoffen, dass es mit der Zeit besser wird. Doch im Jahr 2002 fühlt sich die immer depressiver werdende Frau so schlecht, dass sie die Trennung will. Sie bricht innerlich zusammen. Einweisung in eine Klinik in der Ostschweiz. Burnout.

„Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: ich lebe!“

Im September 2002 verlässt sie die Klinik, wird aber weiter seelsorgerlich begleitet. Zwar hat sie zunächst nochmals Hoffnung für einen Neustart in der Ehe, aber die Beziehung gelingt nicht mehr. 2003 kommt es zur Scheidung. Endlich erfährt Flo in der Seelsorge einen tiefgründigen Heilungsprozess. „Ich konnte die Angstbilder überwinden, die Dämonen zurückweisen, Nähe zulassen“, erzählt sie. „Zum ersten Mal konnte ich atmen, langsam durfte ich richtig leben. Zum ersten Mal konnte ich die Vaterliebe Gottes annehmen.“ Sie habe gelernt, auf Gott zu hören – und auch auf sich selbst. Nähe kann sie jetzt auch dem neuen Mann gegenüber zulassen, mit dem sie schon lange befreundet ist, sich nun aber in ihn verliebt und ihn später heiratet. Im September 2004 besuchen die beiden ihre Mutter im Libanon und nehmen sie ein halbes Jahr später in die Schweiz, nachdem sie feststellen, dass sie von ihrem Mann unterdrückt und misshandelt wird. Seit Sommer 2005 besucht das Ehepaar eine kleine christliche Gemeinde in Bern und arbeitet seit November 2006 ehrenamtlich mit. Im August 2006 startet die Wohngemeinschaft „Offnigs Huus“.

„Huuh…“: Flo beendet ihren Lebensbericht mit einem Seufzer. Die fast zwei Stunden des Gesprächs sind wie im Flug vorbeigegangen. „Die lange Geschichte möchte ich nicht missen, aber auch nicht mehr erleben. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Sie hilft ihr heute, andere Menschen zu verstehen und ihnen zu helfen.

Flo: Meine Botschaft an dich

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- Du meinst, diese trüben Gedanken hören nie auf. Aber es gibt einmal ein Ende dieses Tunnels. Sei gewiss, dass es eines Tages vorbei geht und du wieder Licht siehst.
- Die Todessehnsucht hat damit zu tun, dass du ein falsches Bild von dir hast. Lass dir sagen: Du bist ein Original. Sag ja zu dir selbst. Der Gedanke „Ich genüge nicht“ ist eine Lebenslüge.
- Wenn du am tiefsten Punkt warst und später auf dem Berg stehst, dann merkst du, dass es sich gelohnt hat, durch die Tiefe gegangen zu sein. Sterben wäre aber feige gewesen.
- Niemand kann dich hindern, dich umzubringen. Aber sei dir bewusst, dass du vielen Menschen etwas bedeutest. Es gibt mehr Menschen als du denkst, die dich lieben und für die du etwas bist. Sterben ist keine Lösung für dein Problem.
- Man meint natürlich, dass man selbst das Problem ist. Nicht für dieses Leben geschaffen, zu sensibel für die Welt. Doch ich und viele andere haben erlebt, dass da Einer ist, der deine Sensibilität in Stärke verwandeln kann und der dich mit genau deinen Gaben und Fähigkeiten für diese Welt brauchen will. Gott hat einen Plan mit dir. Lerne ihn kennen.


Autor: Fritz Herrli
Quelle: SEA

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