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Weltraum-Bestattung: Sehnsucht nach der Verschmelzung mit dem Unendlichen

Hannover/Nienburg. Seit einem halben Jahr blickt Heike Wulfes oft in den Himmel. Denn irgendwo dort oben, so weiss die 40-Jährige aus Ilten bei Hannover, ist ihr verstorbener Sohn Leif-Lennart. Und das im wörtlichen Sinn: Ein Teil der Asche des Jugendlichen, der mit 16 Jahren bei einem Fahrradunfall ums Leben kam, wurde Ende September mit einer Rakete zur Weltraum-Bestattung ins All geschickt.

 
weltraum
„Er hat immer andere Wege gesucht, als nur der Norm zu entsprechen“, sagt Heike Wulfes über ihren Sohn. „Es war klar, dass wir auch hier einen anderen Weg wählen.“ Möglich ist dieser ungewöhnliche Weg seit genau fünf Jahren: Am 21. April 1997 brachte die US-amerikanische Rakete „Pegasus XL“ von Gran Canaria aus erstmals 24 Mini-Urnen ins Weltall. Ein Flugzeug vom Typ Lockheed L-1011 Tristar trug die dreistufige Rakete zunächst auf 11.000 Meter Höhe. Dort klinkte sie sich aus, stürzte fünf Sekunden in die Tiefe und wurde dann gezündet. Auch zwei prominente Amerikaner liessen auf diese Weise ihre sterblichen Überreste in unendliche Weiten bringen: der Psychologe und „Drogen-Guru“ Timothy Leary (1920-1996) und - Jahre nach seinem Tod - der Erfinder der Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“, Gene Roddenberry (1921-1991).

Inzwischen läuft die Weltraum-Bestattung über bodengestützte „Taurus“-Raketen, die vom amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Vandenberg in Kalifornien aus starten. Diese nehmen neben einem Satelliten auch einmal pro Jahr rund 30 mit Aluminium ummantelte Glaskapseln mit an Bord, so gross wie ein Lippenstift und gefüllt mit etwa sieben Gramm Asche. Der Behälter mit den Kapseln löst sich in mehreren hundert Kilometern Höhe vom Satelliten. „Er kreist dann Jahrzehnte lang elliptisch um die Erde, bis er irgendwann in die Atmosphäre eintaucht und verglüht wie eine Sternschnuppe“, erzählt Manfred Lessing aus dem niedersächsischen Nienburg. Der 59-jährige Kaufmann ist seit 1997 in einem Nebengewerbe Europa-Repräsentant der Firma „Celestis“ („das Himmlische“). Diese wurde 1985 von Raumfahrt-Veteranen in Houston (Texas) gegründet und organisiert als bisher einzige Weltraum-Bestattungen. Sieben Bestattungen hat Lessing bisher vermittelt, unter ihnen fünf Deutsche, ein Niederländer und ein Österreicher - drei von ihnen Jugendliche.

Jeden Monat gebe es etwa zwei Anfragen, erzählt Lessing. 45 Menschen hätten sich für den Fall ihres Todes bereits vormerken lassen. Weltweit sind es bisher rund 180 Bestattungen, davon zwei Drittel US-Amerikaner. Jede Urnen-Kapsel trägt einen eingravierten Sinnspruch. „Ich denke, also bin ich“, lautet er bei Leif-Lennart Wulfes. Leif war ein forschender, fragender junger Mann mit viel Fantasie, der in der Schule gute Aufsätze schrieb und ebenso gute Noten mit nach Hause brachte. Als er mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Zahnarzt war, prallte er auf einem asphaltierten Feldweg mit einem Auto zusammen. Einen Tag später erklärten ihn die Ärzte für tot. Seine Urne wurde auf dem Friedhof beigesetzt, ein Teil der Asche über „Celestis“ nach Kalifornien gesandt. 11.000 Euro kostet eine Bestattung im Weltraum. In Leifs Fall übernahm die amerikanische „Celestis“-Stiftung mehr als die Hälfte der Kosten. Um den Rest zu begleichen, riefen die Eltern anlässlich der Bestattung zu Spenden für Leifs „Reise zu den Sternen“ auf.

Der evangelische Oberlandeskirchenrat Hans Christian Brandy aus Hannover sieht in einer solchen Reise die „Sehnsucht nach der Verschmelzung mit dem Unendlichen“. Das christliche Verständnis des Himmels sei aber ganz anders und nicht geographisch oder lokal bestimmt, wendet er ein: „Wir wissen, dass der Leib verwest, und vertrauen darauf, dass der Mensch bei Gott ist. Diese Hoffnung am Grab zu bezeugen, an dem die Trauer einen Ort hat, erscheint mir sinnvoller als immer ungewöhnlichere Bestattungsarten.“ Leifs Eltern dagegen bedeutet das irdische Grab momentan wenig: „Wir finden ihn dort nicht.“ Seit dem Tod ihres Sohnes ist für sie nichts mehr so, wie es war. Am liebsten, erzählen sie, würden sie ins Ausland gehen und neu anfangen. Auch dort, so die Mutter, wäre Leif ihnen nahe: „Den Himmel hat man überall.“


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