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Kässmann im Kreuzfeuer der Kritik

 
Margot Kässmann
Margot Kässmann
Wirbel um Margot Kässmann. Die Bischöfin kritisierte den Bundeswehr Einsatz in Afghanistan. Seither steht sie im Kreuzfeuer der Kritik, findet aber auch Zuspruch.

Ihre Worte in der Dresdener Frauenkirche polarisierten. «Auch nach den weitesten Massstäben der Evangelischen Kirche in Deutschland ist dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen», sagte Margot Kässmann, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Die gewalttätige Auseinandersetzung müsse möglichst rasch beendet werden. «Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden.»

«Radikalpazifistische Position»
Ihre Worte wurden als Forderung verstanden, die deutschen Truppen möglichst rasch aus Afghanistan abzuziehen. Kässmann erntete massive Kritik, eine «radikalpazifistische Position» verhindere die Durchsetzung von Menschenrechten in Afghanistan, sagte Philipp Missfelder, aussenpolitischer Sprecher der CDU/CSU.
In Afghanistan leiden gerade Zivilisten unter der Taliban, die nicht davor zurückschreckt, Kinder zu rekrutieren und zu indoktrinieren.

Kässmann habe sich gegen die Mehrheit des Bundestages gesetzt, befand SPD-Aussenpolitiker Hans-Ulrich Klose, sie sei im Unrecht und vertrete «die Position der
Linkspartei». Ein Scheitern würde mit Sicherheit in eine neue Terror-Welle münden.

«Gut gemeinte Banalitäten»
Ralf Flücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung wirft Kässmann vor, sie vermehre mit ihren Äusserungen «die Inflation politischer Stellungnahmen von Kirchenoberen, die selten über gut gemeinte Banalitäten hinauskommen». So
werde die Abwesenheit einer religiösen Botschaft mit politischen Stellungnahmen übertüncht: «Tagespolitik statt Transzendenz.» Es gebe unter Kirchenfunktionären eine «zur Routine gewordene Unart, im Brustton der höheren Moral
politische Handlungsanweisungen zu erteilen».

«Wichtige Diskussion»
Die Ärzteorganisation IPPNW verteidigte Kässmann. Gründer Horst-Eberhard Richter sagte, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung spreche sich seit Jahren bei allen Umfragen eindeutig gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan aus, so der renommierte Psychoanalytiker aus Giessen. Krieg schaffe keinen Frieden. IPPNW begrüsse deshalb die «Aufforderung an die Politik, die Logik des Krieges zu durchbrechen».
Und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) erklärte, Kässmann führe eine wichtige Diskussion.
Terrorismus sei noch kein Grund für einen solchen Einsatz, sagte der Friedensbeauftragte der EKD, Renke Brahms (Bremen).

«Ich bin schockiert»
«Ich bin schockiert, was so aus meiner Predigt gemacht wird», zeigte sich Margot Käßmann entsetzt über die Kritik an ihren Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und wies die Kritik zurück. Nie habe sie den sofortigen Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan gefordert, aber für die Kirche sei klar: «Wir brauchen einen erkennbaren Plan für den Abzug.» Als «perfide Unterstellung» bezeichnete die Ratsvorsitzende den Vorwurf, sie lasse die deutschen Soldaten im Stich. Aussenminister Guido Westerwelle (FDP) begrüsste die Klarstellung.

Auch die Leserkommentare bilden ein breites Spektrum: «Eigentlich ist die Sache ganz einfach. „Du sollst nicht töten" steht da in schonungsloser und auch beim schlechtesten Willen nicht umzuinterpretierender Klarheit im Grundgesetz der Christen. Das war so und das wird so bleiben, da hilft auch keine Zweidrittel-Mehrheit, selbst wenn der Papst und die evangelische Kirche eine grosse Koalition bilden würden.» Ein anderer schreibt, Kässmann solle «anstatt politisch daherkommend über den Afghanistaneinssatz der Bundeswehr zu schwadronieren, einmal das ungeheurliche Abtreibungsdilemma der BRD ansprechen. Pro Jahr werden über 100‘000 Ungeborene in Deutschland im Bauch ihrer Mütter umgebracht, ohne dass sich ein Vertreter der evangelischen Kirche zu diesem unglaublichen Verbrechen äussert.»

Kässmann trifft Guttenberg
Kässmann hat erneut aufgerufen, dem Afghanistan-Konflikt vorrangig mit zivilen Mitteln zu begegnen. «Ich bleibe dabei: Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen»
Möglich, dass sich die Wellen bald glätten: Am 11. Januar will sich Kässmann nun mit Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg treffen. Sie wolle mit dem CSU-Politiker über die friedensethische Position der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Afghanistanpolitik der Bundesregierung sprechen.

Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch
Datum: 08.01.2010

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