| |
 |
 |
 |
|
 |
Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann. |
 |
Der Protestant Jürgen Moltmann (82) und der Katholik Johann Baptist Metz (79), die grossen alten Männer der neuen politischen Theologie, haben Theologen und Kirchen zu stärkerer gesellschaftlicher Einmischung aufgefordert.
Moltmann beklagte am 20. Mai im westfälischen Althaus einen Rückzug der Theologen auf die Kirchenlehre. "Wir brauchen wieder prophetische Theologie." Diese kritische Dimension sei verschwunden. Nach wie vor bleibe die Bergpredigt Jesu eine "gefährliche, revolutionäre Botschaft". Auch Metz mahnte, die Privatheit von Religion zu durchbrechen. Die beiden weltbekannten Theologen prägten seit den 1960er-Jahren mit der "Theologie der Hoffnung" (Moltmann) bzw. der "neuen politischen Theologie" theologische Denker in allen Teilen der Dritten Welt. Moltmann und Metz begegneten einander erstmals 1965 beim Philosophen Ernst Bloch.
Forderung nach politischer Theologie
Beide warnten vor weiter wachsender Distanz zwischen Gesellschaft und Politik. Theologen müssten an der Überwindung dieser Kluft mitarbeiten. Denn Subjekt politischen Handelns sei nicht einfach der Staat, "sondern wir, die Gesellschaft", mahnte Metz. Wenn die Gesellschaft ihre Rolle als politischer Akteur nicht sehe, komme sie selber in die Krise. Um dem entgegenzuwirken, solle Theologie "Fesseln abreissen" und wieder stärker politisch werden.
Bis heute gehe es – wie bei den Propheten des Alten Testaments – um Götzenkritik, so Moltmann. Zu den Götzen der Moderne zähle, neben der Nation oder Ideologien, das Kapital. Wirtschaft kontrolliere zum Teil politische Prozesse. Dabei habe die "Option für die Armen" der politischen Theologie bleibende Geltung. Von diesem Ansatz her könne es um die Ausformulierung einer ökonomischen Theologie gehen.
Fehlende Gerechtigkeit
Wirtschaftliche, technische und wissenschaftliche Entwicklung hätten Politik "als Geisel genommen". Demgegenüber stehe das Wort "politisch" im Begriff "politische Theologie" für die Pflicht zur Einmischung, der sich die Kirchen stellen sollten, so Metz." Er äusserte sich auch zur 2006 veröffentlichten ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. "Deus caritas est" (Gott ist Liebe). Das Kirchenoberhaupt spreche beeindruckend von der Liebe. Das Thema Gerechtigkeit spiele aber gar keine Rolle. Das erschrecke ihn, so der Fundamentaltheologe.
Opfer und Täter
Schon immer in der Geschichte habe sich Kirche "mit Tätern leichter getan als mit Opfern". Tätern begegne sie mit den Gedanken von Schuld und Vergebung. "Mit Sündern können wir gut umgehen, aber mit Opfern nicht", sagte Metz. Gerade die Opfer stellten aber die Frage nach Gerechtigkeit. "'Gott ist Liebe', heisst es in der Enzyklika. 'Gott ist Gerechtigkeit' müssen wir also nachformulieren", meinte Metz.
Vor zehn Jahren diskutierte aus Anlass des 70. Geburtstages von Metz an gleicher Stätte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, mit Moltmann. Beide lehrten in den 1960er-Jahren zu gleicher Zeit an der Universität Tübingen.