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Da wurde ich richtig wütend!

 
Ein scheinbar harmloser Kinderfilm.
Ein scheinbar harmloser Kinderfilm.
Zugegeben - ich weiss aus meiner Arbeit in den elektronischen Medien, worauf es ankommt. Nicht von ungefähr war ich als Fernsehkind jahrelang von Albträumen, Ängsten und scheinbar unauslöschlichen inneren Bildern geprägt.

Mag sein, dass ich halt ein besonderes Sensibelchen war. Wie auch immer, ich hatte mir geschworen: Zeige deinen Kindern keinen Film, ohne ihn nicht vorher gesehen zu haben! Traue weder einer aufgedruckten FSK-Angabe (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) noch einer familienfreundlich gehaltenen Inhaltsangabe! Mache dich buchstäblich auf alles gefasst, bevor du dich nicht vom Gegenteil überzeugt hast! Nimm dir die notwendige Zeit - sowohl um deine Kinder auf bestimmte Inhalte vorzubereiten, als auch diese Inhalte nachzubearbeiten! Lasse deine Kinder nicht mit unverarbeiteten Bildern zu Bett! Lass die Kinder nicht unbeaufsichtig vor die Röhre oder den Screen sitzen!

Was konnte schon schief gehen?
Das alles weiss ich. Aber dann kam jener Abend, wo wir ganz unerwartet einfach Zeit hatten. Zeit, als Familie etwas miteinander zu erleben. Verschiedene Möglichkeiten wurden diskutiert. Zuletzt landeten wir beim Thema Film. Also gut, warum nicht!? Da lagerte doch schon seit einem Jahr eine Videocassette im Schrank, unglaublich günstig an einer Kinderkleiderbörse erworben: "Wolfsblut". Wie hiess es doch auf der Videohülle? "…grandioser Abenteurroman, ...Filmunterhaltung vom Feinsten in bester Walt Disney - Tradition. FSK: ab 6 Jahren" Nicolas ist 12, Noel 7. Wir Eltern zusammen 88 Jahre - was konnte also schief gehen? Also Film ab!

Verschneites Alaska, Goldsucherlager, kautzige Typen. Junger Mann sucht seinen Vater. Aufbruch in die Wildnis. Etwas mulmig die Tatsache, dass der ältere Jack einen Sarg mit auf die Reise nimmt. Kommt das gut? Wir Eltern blicken uns etwas verstohlen und fragend an. Aber alles im grünen Bereich. Die beiden Jungs starren gebannt in die Röhre. Dann greifen Wölfe an. Ziemlich brutal. Abschalten, weitermachen?

Ab 6 Jahren?
Etwas später rast der Schlitten mit dem Sarg zu Tal, der Sarg bricht auf. Die starre, grünlich scheinende Leiche wird aus dem Sarg geschleudert und schlittert aufs Eis. Absolut scheusslich! Fassungslose Blicke der Eltern: ab 6 Jahren?? Die Leiche soll wieder eingepackt werden. Der Junge will sie holen und bricht im Eis ein. Brutal! Jetzt hilft nur noch der abrupte Druck auf den Knopf. Es dauert einen Moment, bis die Kids in die Realität zurückkommen. Zuerst Protest, dann Diskussionen. Papa hofft, dass der Siebenjährige gar nicht so richtig mitbekommen hat... - was natürlich Illusion ist. Da werde ich richtig wütend. Auch beim Zwölfjährigen bricht der Zorn durch. Das soll ein Disney-Kinderfilm sein?! Unverzüglich setzt er sich an sein Pult und schreibt einen wütenden Brief an Disney.

Mama bremst den Eifer und mahnt zu anständigen und durchdachten Worten. Aber in der Elternseele kocht es. Was sind das für Menschen, die 6jährigen derartige Inhalte zumuten? Haben die überhaupt Kinder? Natürlich geht es einmal mehr nur ums Geschäft. Familienfilme verkaufen sich besser und einfacher. Ein FSK-Hinweis "ab 6 Jahren" ist so etwas wie ein Persilschein - zumindest bis zur Kasse. Und steht das nicht auch so bei Amazon, bei Weltbild und überhaupt überall?

Wer stellt sich dem entgegen?
 
Bruno Waldvogel-Frei.
Bruno Waldvogel-Frei.
Wer schützt unsere Kinder vor diesem Müll? Wer bewahrt sie vor ungefilterter multimedialer Gewalt? Natürlich nicht die Industrie, sondern wir Eltern! Wie dringend nötig wäre ein Konsortium, ein Forum oder sonst eine Institution, welche die unglaublich lasche und geldgeile Industrie diszipliniert! Die einen goldenen Kompass an wirklich gelungene und familientaugliche Inhalte verteilt und mit einem rostigen Kaktus die fragwürdigen Produktionen abstraft und damit Familien indirekt zum Filmboykott animiert.

Ich träume von einer Institution, wie sie Ted Baehr in den USA etabliert hat. Ein Forum, an der die Unterhaltungsindustrie nicht mehr vorbeikommt, weil Eltern und Pädagogen nicht länger gewillt sind, dass Kinder und Jugendliche mit schlechten Inhalten zugemüllt werden! Und die..., irgendwann bin ich in meinem inneren Wüten zur Ruhe gekommen. Wie sagte doch schon Gottfried Keller: Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland!

Trau keiner FSK-Angabe
Wie auch immer: der verunglückte Filmabend war lehrreich. Also werde ich wieder noch bewusster darauf achten: Zeige deinen Kindern keinen Film, ohne ihn nicht vorher gesehen zu haben! Traue weder einer aufgedruckten FSK-Angabe noch einer familienfreundlich gehaltenen Inhaltsangabe! Mache dich buchstäblich auf alles gefasst, bevor du dich nicht vom Gegenteil überzeugt hast! Nimm dir die notwendige Zeit - sowohl um deine Kinder auf bestimmte Inhalte vorzubereiten, als auch diese Inhalte nachzubearbeiten! Schicke Kinder nicht mit unverarbeiteten Bildern zu Bett! Lass die Kinder nicht unbeaufsichtig vor die Röhre oder den Screen sitzen! Denn es lohnt sich!

Und wer weiss, vielleicht entsteht dieses Medienforum eines Tages doch noch. So nebenbei: Mein Zwölfjähriger hat seinen Brief an die korrekte Disney-Adresse in Zürich geschickt. Auf eine Antwort warten wir vom familienfreundlichen Produzenten bis heute noch. "Wolfsblut" wird weiterhin 6jährigen zugemutet - in bester Disney-Manier!

Autor: Bruno Waldvogel
Quelle: Livenet.ch
Datum: 13.12.2007

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