Die Not verfolgter Christen rückt neuerdings immer wieder in das Blickfeld internationaler Menschenrechtsbeobachter. Damit verbunden ist auch die verstärkte Aktivität von Organisationen mit religiösem Hintergrund, die den Anhängern ihrer Glaubensrichtung zu Hilfe kommen.
Der Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Oklahoma, Allen Hertzke, untersuchte verschiedenste Initiativen von religiös geprägten Organisationen in den USA, die sich der verfolgten Gläubigen in allen Teilen der Welt annehmen. Sie tun dies mit einer äusserst komplexen Strategie: Mit Hilfe von Petitionen, Protesten, internationalen Kampagnen und Kapitalentzug bei Firmen, von denen bekannt ist, dass sie Regime unterstützen, in denen Menschen unterdrückt werden und bemühen sie sich Gesetzgebungen zu beeinflussen.
Eine Allianz für Verfolgte
Den Anfang einer solchen Entwicklung sieht Hertzke in der Mitte der 90-iger Jahre bei christlichen evangelikalen Gruppen. Das Interesse an der Verteidigung der Religionsfreiheit habe in der Folge Gemeinschaften zusammengeschweisst, die sich ansonsten nicht viel zu sagen hätten.
In der Vergangenheit, so Hertzke, habe es bei weltlichen Menschenrechtsorganisationen, Pressevertretern und Politikern kein so grosses Interesse an den Verfolgungen religiöser Gemeinschaften gegeben. Dadurch seien religiöse Organisationen entstanden und hätten die Behauptungen jener Lügen gestraft, die eine zunehmende Säkularisierung der amerikanischen Gesellschaft diagnostizierten.
Amerikaner entscheidend
Ebenfalls eine grosse Rolle in dieser Entwicklung habe die geographische Verschiebung des Christentums gespielt, das nun vor allem in Entwicklungsländern präsent sei. Der "typische" Anglikaner ist nach Ansicht des Buchautors somit nicht mehr der Tee trinkende englische Pfarrer, sondern die junge afrikanische Mutter. In vielen Entwicklungsländern gebe es zudem noch keinerlei staatliche Garantie für etwaige Religionsfreiheit. Hinzu komme der Trend zur Globalisierung, der es den westlichen Aktivisten erleichtere, weltweite Kampagnen zu organisieren, um ihre verfolgten "Brüder im Herrn" zu verteidigen.
Einige der Erfolge dieser Organisationen führt Hertzke auf den grossen Einfluss der Religion in den Vereinigten Staaten zurück. Über die Hälfte aller US-Amerikaner gehören einer Kirche an – keine andere Vereinigung hat also so viele Mitglieder wie die Kirchen. Und bei Kirchenmitgliedern sei bewiesenermassen die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie sich für eine gute Sache ins Zeug legen und sich im öffentlichen Leben engagieren. Durch ihre Aktivitäten innerhalb ihrer religiösen Gemeinschaften hätten sie ausserdem genug Gelegenheit, Übung und Know-how im Organisieren von Initiativen zu gewinnen.
Christen in der Gesellschaft
Eine von religiösen Organisationen angewandte Methode besteht nach Hertzke darin, mit Hilfe einer Lobby auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen: Dadurch erhalte auch die US-Regierung Rückendeckung und könne auf gewisse Länder Druck ausüben, damit die Religionsfreiheit respektiert werde. Zu diesem Thema führt Hertzke einige konkrete Beispiele an:
Gary Haugen, ein auf Menschenrechte spezialisierter Anwalt, der als so genannter "Investigator" im Auftrag der UNO Nachforschungen über den Genozid in Ruanda vorgenommen hat, ist evangelikaler Christ und Gründer der Organisation "International Justice Mission" ("Internationale Mission für Gerechtigkeit"). Eine Dokument, das von dieser Gruppe in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten erstellt worden war, bewog den US-Kongress im Jahr 2000 dazu, das Gesetz zum Schutz der Opfer des Menschenhandels ("Trafficking Victims Protection Act") zu verabschieden.
Charles Jacobs rief die "American Anti-Slavery Group" ("Amerikanische Organisation gegen Sklaverei") ins Leben, um gegen die Sklaverei in Ländern wie dem Sudan und Mauretanien vorzugehen. Der starke Druck, den die Menschenrechtsgruppen ausübten, führte im Jahr 2002 schliesslich zum "Gesetz zur Befriedung des Sudan" ("Sudan Peace Act").
Die Informationen des deutschen Arztes Norbert Vollersten über Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea gelangten über christliche Organisationen in den USA an die Öffentlichkeit. Dadurch kam es im Jahr 2003 zur Vorlage eines Gesetzentwurfs im US-Kongress.
Zu weiteren Gesetzesinitiativen aus naher Vergangenheit gehört unter anderem das Gesetz über internationale Religionsfreiheit ("International Religious Freedom Act") von 1998, in dessen Folge sowohl die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit als auch das internationale Amt für Religionsfreiheit im US-Aussenministerium eingesetzt wurde.
Kritik an der Kritik
Hertzke kennt die Kritik an der Zusammenarbeit von US-Aussenministerium und religiösen Organisationen zur Sicherstellung einer grösseren Religionsfreiheit. Sie werde zuweilen als einseitig, selbstgerecht oder inkonsequent bezeichnet. Dieser Kritik hält er jedoch entgegen: "Diese Stossrichtung der Aussenpolitik spiegelt das Einzigartige am charakteristischen historischen Erbe der Nation wieder, nämlich dass für sie freie religiöse Gemeinschaften eine entscheidende Grundlage für eine pluralistische Demokratie sind."
Manche würden die Vorstellung der Vereinigten Staaten als eine Art moralische Musternation überhaupt ablehnen oder befürchten, dass Amerika versuche, sein eigenes kulturelles Model anderen aufzuzwingen. Demgegenüber bemerkt Hertzke, dass ein gewisses Mass an Führerschaft angesichts der überlegenen Wirtschafts- und Militärmacht der USA unumgänglich sei. Er weist auch den Vorwurf zurück, die Verbindung von Religionsfreiheit und Aussenpolitik folge lediglich den Ansichten religiöser Konservativer. Die Initiativen auf diesem Gebiet würden im Gegenteil von sehr vielen verschiedenen Gruppierungen unterstützt, etwa von Anglikanern, Buddhisten, Bahais und Juden.
Einzige ernstzunehmende Gegenkraft
Es sei unbedingt notwendig, dass kirchliche Gruppen sich in aussenpolitischen Angelegenheit engagieren, um ein dringend notwendiges Gegengewicht zum Einfluss der grossen Wirtschaftskonzerne zu schaffen, betont der Amerikaner in seinem Buch: "Heute stellt die Mobilisierung von kirchlichen Gemeinschaften die einzige ernstzunehmende Gegenkraft gegen die regelmässige Einflussnahme der Wirtschaft auf die Aussenpolitik dar, die die zuweilen katastrophale Menschenrechtssituation der Handelspartner völlig ignoriert."
Juden helfen Christen
Hertzke hebt in seinem Werk auch die wachsende Beteiligung von Juden an der Einforderung der Religionsfreiheit und dem Schutz und der Verteidigung der verfolgten Christen hervor. Die Zusammenarbeit zwischen jüdischen und christlichen Gruppen gehe auf die 70-er Jahre zurück, als sich die beiden zusammentaten, um Juden vor der Verfolgung in der Sowjetunion zu schützen.
In der jüngsten Vergangenheit hätten sich Juden durch ihre Hilfe für Christen hervorgetan. So habe zum Beispiel Charles Jacobs, die Christen im Sudan aktiv verteidigt. Abe Rosenthal, früherer Redakteur und Journalist der "New York Times", habe sich nicht gescheut, für den Schutz der unter dem Kommunismus und unter islamischen Regimes leidenden Christen einzutreten. Auch Michael Horowitz vom Hudson-Institute in Washington habe die Christen und andere Gläubige in Schutz genommen und seinen Einfluss für ihre Interessen geltend gemacht.
Hertzke behandelt in seinem Buch ausführlich die komplizierten Vorgänge, die zur Bildung einer Lobby für verfolgte Christen führen und entsprechende Gesetzesinitiativen im US-Kongress bewirken. Der Autor betont, dass es zuerst nötig sei, sich bewusst zu machen, wie wichtig die Religion im Leben der US-Amerikaner sei, wenn man die gegenwärtige US-Menschenrechtspolitik verstehen will.
Das stärkere Einbringen des Religiösen in die politische und diplomatische Sphäre habe auch den Trend, die Bedeutung der Kirchen und Gläubigen zu schmälern, zum Positiven gewendet.
Hinweis: Dieses Phänomen wird in dem kürzlich erschienenen Buch "Freeing God’s Children: The Unlikely Alliance for Global Human Rights" ("Befreiung der Kinder Gottes: Über eine überraschende Allianz, die für weltumspannende Menschenrechte eintritt") von Allen Hertzke beleuchtet.