Die wiedervereinte Familie

Ein abgesondertes Volk (1. Mose 46,28)

Als Joseph hörte, dass sein bejahrter Vater nicht mehr weit von Gosen entfernt war, eilte er, ihm zu begegnen. Das war ein wunderbares Wiedersehen! Er fiel dem Vater um den Hals und weinte lange. Israel (Jakob) war überglücklich. Er hatte das Gefühl, nichts sei herrlicher als bei Joseph, seinem lange verlorenen Sohn, zu sein. So meinte er, nun sterben zu können.

Dann erarbeitete Joseph einen Plan, seiner Familie Gosen als Besitz zu sichern. Nachdem er seine Verwandten in den Palast gebracht hatte, berichtete er dem Pharao, sein Vater und seine Familie seien eingetroffen, wobei er Wert darauf legte, sie als Schafhirten zu bezeichnen. Das war äusserst wichtig. Bevor er fünf seiner Brüder dem Pharao vorstellte, schärfte er ihnen ein, sie sollten das Wort Schafhirte gebrauchen, wieder als Stichwort; denn Schafhirten waren den Ägyptern ein Gräuel, so dass man froh sein konnte, wenn sie ganz für sich lebten. Und da schien Gosen, das schönste Weideland, der geeignetste Ort zu sein. Warum verachteten die Ägypter Schafhirten? Vielleicht behagten ihnen Schafe nicht, weder als Nahrung noch als Opfertiere, und ihr »schafsköpfiges« Verhalten liess sie weder Bewunderung noch Achtung gewinnen. Weil aber die Hirten mit diesen Tieren zu tun hatten, standen sie ganz unten in der gesellschaftlichen Rangordnung.

Er schämt sich ihrer nicht (1. Mose 47,2)

Josephs Brüder waren einfache Leute vom Lande, die eine fremde Sprache redeten und von Hofsitten wenig Ahnung hatten. Auch wenn Joseph ihnen einiges gesagt hatte, fühlten sie sich wahrscheinlich nicht nur unwohl am Hof des heidnischen Königs, sondern völlig fehl am Platze. Joseph aber schämt sich ihrer nicht und stellte fünf seiner Brüder dem Pharao vor.

Von Natur waren wir weder weise noch stark noch edel, vielmehr töricht, schwach, niederträchtig – kurz: »Nichtse.« Trotz-dem schämt sich der Herr Jesus nicht, uns »Brüder« zu nennen (Hebr. 2,11). Auch wenn wir in den ewigen Wohnungen ankommen, wird Er sich unser nicht schämen, wenn Er uns dem über alles erhabenen Gott, dem Herrn des Weltalls, vorstellt. Hat Er nicht versprochen: »Jeder nun, der sich vor den Menschen zu mir bekennen wird, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist« (Matth. 10,32)? Denkt immer daran!

Jakob segnet den Pharao (1. Mose 47,10)

Joseph brachte seinen Vater zu dem Pharao. Der alte Patriarch segnete den König sowohl am Anfang als auch beim Ende der Begegnung (die Verse 7 und 10). Pharao begann damit, Jakob nach seinem Alter zu fragen. Der Hebräer antwortete:

Der Tage der Jahre meiner Fremdlingschaft sind 130 Jahre, wenig und böse waren die Tage meiner Lebensjahre, und sie erreichen nicht die Tage der Lebensjahre meiner Väter in den Tagen ihrer Fremdlingschaft.

Traurig ist es, dass Jakob in einem der glücklichsten Augenblicke seines Lebens meinte, klagen zu müssen. Welche gute Gelegenheit wäre es doch gewesen, ein Bekenntnis von der Liebe, Gnade und Barmherzigkeit des Gottes Abrahams und Isaaks abzulegen. Aber wer sind wir, dass wir ihn kritisieren? Wir brauchen nur daran zu denken, wie viele Gelegenheiten zum Zeugnis wir ausgelassen haben.

Nun seht den Jakob an, wie er einen König segnet! Ein uralter, wenig beeindruckender Hebräer segnet in grossartiger Manier einen König. Aber was sagt die Schrift? Der Schreiber des Hebräerbriefs erinnert uns daran: »Ohne jeden Widerspruch aber wird der Geringere von dem Besseren gesegnet« (Hebr. 7,7). Der Pharao war der Geringere und Jakob der Bessere. Das mag nicht die Betrachtungsweise der Menschen sein; Gott aber sah es so.

Trennung (1. Mose 47,11)

Trotz ängstlichen Zögerns liess sich Jakob in Gosen nieder. Die Israeliten waren dadurch vorsorglich von den übrigen Ägyptern abgesondert. Gott wollte immer »ein Volk, das abgesondert wohnt und sich nicht zu den Nationen rechnet« (4. Mose 23,9). Er wollte sie vor der Infizierung mit dem Götzendienst bewahren.

Auch unser himmlischer Joseph will heute ein abgesondertes Volk. Es lebt zwar in der Welt, gehört aber nicht dazu (Joh. 17,14). Christus war ganz und gar nicht »von der Welt«, und Er ist unser Vorbild. Wir sind den Menschen dieser Welt ein Gräuel, oder wie Paulus sagt: »wie ein Auskehricht der Welt sind wir geworden, ein Abschaum bis jetzt« (1. Kor. 4,13). Wir sollten froh darüber sein. Du Christ, gewöhne dich daran!

Ein Fremdling braucht nichts als den Wanderstab Hier,
wo für Dich nichts war als nur ein Grab.
Dein Kreuz zerschnitt, was uns auf Erden band;
Du bist der Schatz im wahren Vaterland
(J.G. Deck).

Völlige Hingabe (1. Mose 47,25)

Joseph wendete danach seine Aufmerksamkeit der Hungersnot zu. Als sie sehr stark wurde, versorgte er die Leute in Ägypten im Tausch gegen ihre Herden. Er kaufte das Land auf und versorgte die Leute mit Saatgut, wobei sie 20 Prozent der Ernte an die Regierung abzuliefern hatten. Die Menschen erwiderten darauf: »Du hast uns am Leben erhalten, finden wir Gunst in den Augen meines Herrn, dann wollen wir die Knechte des Pharao sein!«

Das Gegenstück im Neuen Testament besagt, dass wir alles, was wir haben und sind Dem ausliefern, der uns eine so grosse Errettung bereitet hat. Wie der hebräische Knecht sollten wir sagen:
»Ich liebe meinen Herrn … ich will nicht als Freier ausziehen!« Wir sollen unsere Leiber als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer darstellen – welches unser vernünftiger Gottesdienst ist (Röm. 12,1). Wie Isaac Watson sagt: »Göttlicher Liebe, so wunderbar schön, muss ich mit allem zu Diensten nun steh´n.«

Erst das Natürliche, dann das Geistliche (1. Mose 48)

In 1. Mose 48 finden wir die interessante Szene, in der Israel (Jakob) Josephs zwei Söhne segnet. Joseph hielt es für einen Missgriff, dass der fast blinde Vater Ephraim, den Jüngeren, dem Manasse vorzog. Als er das monierte, sagte der Vater sinngemäss: »Nein, es soll auf diese Weise geschehen!« Er hatte Recht. In Gottes Vorsehung wird der Jüngere oft über den Älteren gestellt. Das sehen wir bei Abel und Kain, bei Isaak und Ismael, bei Jakob und Esau und bei Joseph und Ruben.

Und das gilt auch in höchstem Masse für Jesus und Adam:

So steht auch geschrieben: Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele, der letzte Adam zu einem lebendig machenden Geist. Aber das Geistliche ist nicht zuerst, sondern das Natürliche, danach das Geistliche. Der erste Mensch ist von der Erde, irdisch; der zweite Mensch vom Himmel (1. Kor. 15,45-47).

Liebe zum Vater

Joseph liebte seinen Vater leidenschaftlich. Bei der ersten Ägyptenreise der Brüder fragte er wiederholt nach ihm: »Lebt euer Vater noch?« (1. Mose 43,7) »Geht es eurem alten Vater wohl, von dem ihr spracht? Lebt er noch?« (43,27). Nachdem er sich selbst seinen Brüdern zu erkennen gegeben hatte, sagte Joseph:

Eilt und zieht hinauf zu meinem Vater und sagt ihm: ›So spricht dein Sohn Joseph: Gott hat mich zum Herrn von ganz Ägypten gemacht. Komm zu mir herab, zögere nicht!‹ (1. Mose 45,9).

Als Jakob endlich ankam, reiste Joseph ihm entgegen (1. Mose 46,29). Später stellte er seinen Vater dem Pharao vor (1. Mose 47,7), gab ihm alles. was er brauchte (47,12) und schwur ihm, seinen Wunsch zu ehren, in Kanaan begraben zu werden (47,29-31). Als Jakob starb, »fiel Joseph auf das Angesicht seines Vaters und weinte über ihm und küsste ihn« (1. Mose 50,1).

Nachdem er sieben Tage getrauert hatte, reiste er nach der Einbalsamierung mit dem kostbaren Körper zu dessen Ruhestätte in der Höhle von Machpela bei Hebron (1. Mose 50,13-14). Niemals wird ausdrücklich gesagt, dass Joseph seinen Vater liebte, doch redeten seine Taten lauter als alle Worte.

Das Leben unseres Herrn Jesus Christus berichtet ununterbrochen davon, dass Er den Willen Seines Vaters tat. Er unterwarf sich den Plänen Seines Vaters und tat, was Er befahl. Niemals sehen wir Ihn im Eigenwillen handeln. Aber nur einmal redete Er von Seiner Liebe zum Vater. Das finden wir in Johannes 14,31:

... aber damit die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und so tue, wie mir der Vater geboten hat – Steht auf, lasst uns von hier fortgehen!

Am nächsten Tag zeigte Er wie unermesslich diese Liebe war, indem Er ans Kreuz ging, um für Sünder zu sterben – aus Gehorsam gegen Seinen Vater!

Wer könnte gröss´re Liebe haben,
als wenn er stirbt für seinen Freund?
Anbetungswert ist Christi Liebe,
Der für mich starb, als ich Sein Feind!
(Joseph Stennet)

Fortsetzung: Der Segen des Patriarchen (1.Mose 49,22)


Autor: William Mac Donald
Quelle: Joseph erinnert mich an Jesus

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