...aber vor allem die Liebe!

Früher – das waren noch Zeiten! Alles war viel einfacher und verständlicher. Da konnte man sofort merken, was gut oder schlecht, echt oder falsch war. Aber heute...!

Wenn ich von «früher» spreche, meine ich nicht meine Jugendjahre. Das wäre viel zu kurz gegriffen. Ich denke da in Jahrhunderten! Ja, früher, da gab es das «entweder-oder». Da gab es sozusagen fast immer nur die Gegensatzpaare: Mann und Frau, Alt und Jung, Arm und Reich, Gläubige und Ungläubige, Juden und Heiden, Schafe und Böcke. Erst mit dem Christentum kam dann die Vielfalt. Plötzlich gab es Juden, Heiden und Christen. Aber es kam noch schlimmer!

Beschränken wir uns auf den Bereich der Christen. Keine Angst, ich halte jetzt keine Vorlesung über Kirchengeschichte. Aber ohne ein paar Grundkenntnisse geht es halt nicht. Am Anfang bemühte man sich noch, alles einfach und eindeutig zu machen. Da gab es nur die Urchristen-Gemeinde. Und sie hat später in ihrem Bekenntnis klar formuliert: «...eine heilige, katholische, christliche Kirche...» Aber das war ja nicht durchzuziehen, das mit dem «katholisch». Es fehlte das Gegensatzpaar. Und schon war die orthodoxe Kirche geboren. Das blieb ein paar Jahrhunderte so. Aber dann überschlug sich die Entwicklung fast. Luther, Calvin, Zwingli – und was da im Gefolge noch so alles mitschwamm. Nun hatte man endlich die Vielfalt! Und was die paar Grossen können, das können eine Menge Kleine schon lange! Es ergab sich so etwas wie eine «christliche Kernspaltung». Täufer, Pietisten, Methodisten, Baptisten und wie die «isten» alle heissen.

Verstehen Sie jetzt, warum ich der Meinung bin, dass früher alles viel einfacher war? Nicht nur, dass man alle diese Namen von Denominationen und Bewegungen kennen sollte. Zu jeder Bewegung kommen ja schliesslich ganz spezifische Lehren und Sondererkenntnisse dazu. Da gibt es gruppenspezifisches Liedgut und Vokabular, exklusive Verhaltensweisen und Kleidervorschriften.

Jede dieser Gruppen hat selbstverständlich auch ein spezifisches Symbol auf seinem Banner. Ich meine jetzt nicht nur das «Blut und Feuer» der Heilsarmee. Da kann man den Täufer Johannes sehen, Mose mit den Gesetzestafeln, den tanzenden König David, den Seher Johannes, Maria mit Jesuskind, Luther mit Bibel, Petrus mit Schwert. Erwarten Sie jetzt nicht von mir, dass ich diese Banner-Symbole auch noch den Denominationen zuordne. Etwas Eigeninitiative erwarte ich schon von Ihnen! Ausserdem möchte ich mich auch schützen vor Angriffen, Verleumdungen und möglichen Prozessen. Wer etwas auf Zack ist, braucht den Namen einer Bewegung gar nicht zu erfahren. Er kann an diesen speziellen Merkmalen die Gläubigen zielsicher dem «richtigen Stall» zuordnen.

Klar, im Grunde genommen glauben alle diese Menschen an den einen Herrn und Gott. Sie haben alle die gleiche Bibel (in ihrer jeweils spezifischen Übersetzung). Die wesentlichen Unterschiede zwischen diesen Bewegungen erfahren Sie bei Nachfrage nur indirekt. Das funktioniert nämlich so: Man nennt eine biblische Grundwahrheit und fährt dann fort: «...aber vor allem...» Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen!
— «Das Wort der Schrift ist für uns wegweisend, aber vor allem sollte man auf die Stimme des Geistes hören.» — «Wir sind überzeugt, dass allein der Glaube rettet, aber vor allem sollte man die Glaubenstaufe als Erwachsener empfangen haben.»
— «Wir glauben, dass Jesus unsere Krankheiten heilen kann und will, aber vor allem möchte er die Seele heil machen.»
— «Die Gnade genügt, aber vor allem sollte man seine Seligkeit schaffen mit Furcht und Zittern.»

Die «aber vor allem»- Christen sind nicht so leicht «Reich-Gottes-kompatibel»! Ist doch klar: Wenn wir nicht unser ganz individuelles «aber vor allem» hervorheben und daran festhalten, verfallen wir einem verwässerten Wischiwaschi- Christentum. Und wer möchte das schon? Vor einiger Zeit sah ich eine Karrikatur. Der Zugang zum Himmel bestand aus einer langen Wand, in der unzählige Türen angebracht waren. Auf jeder Tür stand der Name einer christlichen Denomination. Hinter diesen vielen Türen aber befand sich nur ein Raum: der Himmel. Können Sie das Erschrecken vieler Christen nachempfinden? Und das Durcheinander? Da ist man ja plötzlich aller spezifischen Merkmale beraubt!

Übrigens, ich habe auch bei Paulus ein «aber vor allem» gefunden: «Aber vor allem die Liebe!» (1.Korinther 13,13) Wäre das eventuell ein spezifisches Merkmal?

Datum: 23.08.2002
Autor: Dieter Theobald
Quelle: Chrischona Magazin

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