Fliessende Energieströme statt Vaterunser

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Über Zen-Lehrer auf Kirchentagen wundert sich kaum noch jemand. In einer Lübecker Altstadtkirche gab es nun bei einem Gottesdienst astrologische Ausführungen über Planetenkonjunktionen. Die Predigt entfiel.


In Hamburg wurde vor gut einem Jahr streng nach den Regeln des Feng Shui ein nicht mehr benötigtes Gotteshaus zur Meditationskirche umgebaut. Dort, so versprach es die Architektin, sollen die stärksten Energieströme sich nicht mehr am ausgebauten Altar, sondern an der Stelle bündeln, wo sich die Besucher zum Meditieren auf den Boden setzen.

Naiv und unkritisch

Bei Deutschlands Protestanten, so scheint es, stehen vielerorts die Kirchentore für Anbieter fernöstlicher Weisheiten und Esoterikern sperrangelweit offen. «Ich bin erstaunt, wie naiv und unkritisch Christen manchmal ihre Räume zur Verfügung stellen», meint Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin zu esoterischen Angeboten im kirchlichen Umfeld. «Es ist fatal, dass der theologische Grundwasserspiegel so niedrig ist.»

Nur eingebürgerte Techniken?

Isa Mann von der evangelischen Erwachsenenbildung in Mainz versucht seit Jahren den Spagat, ein attraktives Programm aufzustellen, das weder zu kirchenfern noch zu fromm ist. Wer sich für «Therapeutische Aspekte des Yoga» oder «Gesundheitsschützendes QiGong» interessiert, kommt auf seine Kosten. Yoga, sagt Isa Mann, sei inzwischen sehr «europäisiert». Längst gehe es «mehr um bestimmte Techniken als um ein geistliches Erbe».

Esoterik-Skeptiker halten auch die «Häuser der Stille» mancher Landeskirchen für eine Grauzone. Dasjenige der Hessen-Nassauischen Kirche liegt am Rand des Westerwaldes. Auf dem Waldhof Elgershausen sollen bei Meditationskursen und Workshops verschüttete Formen frühchristlicher Spiritualität und Mystik vermittelt werden. «Wir verstehen uns als Haus, das in einer christlichen Tradition steht», versichert Johannes Sell, theologischer Leiter der Einrichtung. «Aber wir scheuen uns auch nicht vor Methoden, die nicht aus den letzten 500 Jahren stammen.»

Esoterik-Workshops

So können Interessierte im «Haus der Stille» neben einer Einführung in das Heilen durch Handauflegen auch ein Seminar zum Thema «Die Heilkraft des Atems» buchen, das von der Inhaberin einer Heidelberger «Praxis für Ganzheitliche Atem- und Leibtherapie» geleitet wird. Auf ihrer Webseite weist sie als besondere Qualifikationen Weiterbildungen in Anthroposophie, «schamanischem Heilwesen» und «spiritueller Medizin» aus.

Christen hätten eigene Spiritualität

Workshops am Rande oder jenseits der Grenze zur Esoterik auf dem Markt der Religionen verkaufen sich besser als Bibel-Exerzitien; das wird selbst von kirchlicher Seite offen eingestanden. Für den EZW-Experten Utsch ist es dennoch der falsche Ansatz. Christen sollten sich auf ihren eigenen spirituellen Fundus konzentrieren, etwa Abendmahlsfeiern oder Segnungsgottesdienste.

«Auch wir haben Schätze, die wir heben können», urteilt er. «Wenn das christliche Profil nicht mehr erkennbar ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die Leute aus der Kirche austreten.»

Wie geht die Kirche damit um?

Selten erheben sich kritische Stimmen aus den eigenen Reihen der Kirche. In der Rheinischen Landeskirche gab es jahrelanges Hickhack um eine Pfarrerin, die sich zur Feng-Shui-Beraterin ausbilden liess und schliesslich auch den örtlichen Gemeindebrief mit ihrem spirituellen Namenszusatz «Lalinea» unterschrieb. Im Herbst 2009 wurde sie aus ihrer Gemeinde abberufen. Die frühere Sprecherin des «Worts zum Sonntag» erhält aber weiter Bezüge und kann sich auf freie Pfarrstellen bewerben.

Populärster «Problempfarrer» im Rheinland war aber wohl der Fernsehmoderator Jürgen Fliege. «Es hat immer wieder Beschwerden gegeben», berichtet Jens Peter Iven, Pressesprecher der Rheinischen Kirche. Fliege hatte im Fernsehen auch schon für Hellseher und Geistheiler geworben. Wenn zur Kirchenleitung einbestellt wurde, sei es so manches Mal zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Disziplinarrechtliche Konsequenzen konnte der Träger des Bundesverdienstkreuzes, der inzwischen das Ruhestandsalter erreicht hat, jedoch stets vermeiden.

Datum: 07.05.2010
Quelle: Epd

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