Kolumne: HorroRskop

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«Wenn ich wissen will, was mir passiert, dann frage ich den, der die Sterne und den Mond persönlich geschaffen hat!»
Ich sitze wie schon so oft mit meiner Freundin im Zug und unterhalte mehr oder weniger das ganze Abteil. Natürlich ist Mr. «20 Minuten» auch dabei - die einzigen News, die ich als vielbeschäftigte und absolut multiinteressierte Person von einer Zeitung in mein Hirn quetsche.

Natürlich hängt meine Neugier viel mehr an den neusten Geschichten meiner Kollegin, an den Sörgelchen der schlaftrunkenen Gymnasisten, dem ersten Adrenalinschub des Tages im Leben des Hippies, der mir gegenüber sitzt und so weiter und so fort.

«Hast du dein Horroskop schon gelesen?», fragt meine Sitznachbarin.

«Wieso sollte ich?», frage ich zurück.

Sie schaut mich etwas perplex an. «Na weil man das eben so macht...»

Hoioioi, solche Themen stacheln mich an. «Sag nicht, du glaubst im Ernst, was die hier verzapfen?»

«Ja, glauben wäre übertrieben. Aber es ist halt spannend zu lesen. Und manchmal passiert eben wirklich etwas...», meint sie fast entschuldigend.

Ich schaue sie scharf an. «Du liest es nur, weil du da drin Sicherheit für dein Leben siehst, stimmt's? - Schau mal, ich kann das nicht als Wahrheit akzeptieren, wenn da irgendwelche Leute irgendwelche Sternkarten und Mondstände studieren und dann für tausende von Leuten die gleichen Ereignisse und Situationen voraussagen. Wenn ich wissen will, was mir passiert, dann frage ich den, der die Sterne und den Mond persönlich geschaffen hat! Die erste Quelle. Was über hundert Steine geplätschert ist, stellt oft nicht mehr wirklich die Wahrheit dar. - Du machst dich und dein Leben von solchem Brei abhängig. Findest du das gut?»

Ich merke, wie sich nicht nur ihre Ohren nach meinem Mund ausrichten. Scheinbar habe ich da wirklich ein heisses Thema angeschnitten. Alle denken natürlich, man sehe es ihnen nicht an, dass sie mitlauschen. Sorgfältig schaue ich um mich, und im selben Moment sitzen alle wieder steckengerade auf ihren Zugsesseln. Hm.

«Also ehrlich gesagt, macht es mir manchmal schon ein wenig Angst. Aber du kommst halt so in eine Routine, wo du's einfach liest», gibt sie offen zu. Es ist toll, wie sie sich nicht davor scheut, mit mir über solche Themen zu sprechen. Sie weiss, dass ich sie nicht runtermachen will. 

«Beeinflusst es dich?», frage ich weiter. Sie nickt. «Also, meine Liebe, was hälst du davon, wenn wir eine ganze Woche lang zusammen die Seite überspringen, in der das HorroRskop steht? Und sag jetzt nicht, du willst die Witze lesen, die unten dran stehen!»

Sie lacht und schlägt ein. «Ok. Versuchen wir's. Schaden kann's ja kaum.»

Während wir in Bern einfahren, denke ich einmal mehr darüber nach, wie sinnvoll es doch ist, unsere Verantwortung gegenüber anderen wahrzunehmen und auf eine angenehme Art zu versuchen, unsere Mitmenschen von solchen Dingen abzulenken, die sie fesseln, ohne dass sie es wollen. Wir sollten uns bewusst sein, wie effizient wir anderen unter die Arme greifen können, wenn wir gemeinsame Wege einschlagen, die durch Erfahrung überzeugen!

Datum: 03.10.2009
Autor: Nadine Zaugg

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