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Bundesrat Merz über prägende Werte: «Die Bibel bedeutet mir sehr viel»

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„Ich fühle mich glücklich.“
Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag am 16. September bietet Gelegenheit, sich mit einem Gebet an Gott zu wenden. Für den Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz ist das Gebet der Ausdruck des Wünschens und der Hoffnung.

"ideaSpektrum Schweiz" sprach diesen Sommer anlässlich des Schweizer Nationalfeiertags mit Bundesrat Merz. Im Interview äusserte er sich unter anderem auch zum Thema Gebet. Livenet.ch publiziert nachfolgend einige Ausschnitte des Gesprächs.

Wie oft singen Sie die Nationalhymne?
Bundesrat Hans-Rudolf Merz: (schmunzelt) Eigentlich singe ich sie nicht, aber ich summe die Melodie und empfinde so mit. Jedes Mal, wenn ich sie höre, nehme ich sie als eine sehr schöne und würdige Melodie wahr. Aber der Text kommt mir doch ein bisschen schwülstig daher.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie einen Text wie "Betet, freie Schweizer, betet!" hören?
Hier werden zwei Begriffe miteinander verbunden: Das Gebet ist der Ausdruck des Wünschens und der Hoffnung. Und "freie Schweizer" bedeutet, dass wir ein unabhängiges Land sind. Wenn man so zum Gebet auffordert, dann ist einerseits der Dank angesprochen für das, was wir in unserem freien, unabhängigen Land haben, und andererseits die Hoffnung, dass es so bleiben möge.

Was hat die Schweiz geprägt?
Es sind Werte, die uns prägen. Wir hatten Erfolg, weil wir gründlich, pünktlich, zuverlässig, arbeitsam, sparsam gewesen sind. Das hat unser Land, das arm an Rohstoffen ist, reich gemacht. Dann gibt es einen Wertebereich, der über das Individuelle hinausgeht. Ich denke an das Zusammengehörigkeitsgefühl. Lange Zeit war es klar: Man ist ein Eidgenosse, und man weiss, was darunter zu verstehen ist. Unter dem verbindenden Schweizerkreuz gab es die Regionen mit ihren verschiedenen Mentalitäten, Kulturen, Sprachen. Die Gewissheit, dass man zusammengehört, die gemeinsame Identität, das ist das Spezielle, das die Schweiz geprägt hat.

Welchen Stellenwert haben die christlich-abendländischen Werte heute noch?
Ihre Bedeutung hat sich geändert. Aber es ist ganz klar, dass die christlichen Werte wichtig waren in Europa. Seit der Reformation bis hin zur Französischen Revolution waren die Gebietsstreitigkeiten in Europa ja Religionsauseinandersetzungen. Christliche Werte haben also das Staatengefüge in Europa stark geprägt. Mit der Französischen Revolution kamen die Menschenrechte und die Grundrechte dazu und beeinflussten das Zusammenleben: Liberté, Egalité und Fraternité. Sie hätten Stabilität und Frieden bringen, das Zusammenleben der Nationen erleichtern sollen. Das ist nur teilweise gelungen. Was es aber bedeutet, wenn man diese Werte nicht lebt, sieht man zum Beispiel in Nordirland oder am ETA-Terrorismus in Spanien. Wäre es uns gar nicht gelungen, unsere christlich-abendländischen Werte umzusetzen, dann hätten wir heute in Europa und in der Schweiz kein Einvernehmen auf dem aktuellen, hohen Niveau.

Fühlen Sie sich als glücklicher Mensch?
Ja, ich fühle mich glücklich. Mein Werdegang war ein harter. Ich bin auch heute immer hart am Kämpfen, auch zeitlich. Aber ich bin gesund, ich darf an dieser Welt in einer privilegierten Position teilnehmen. Ich darf beeinflussen, mitgestalten. Ich habe eine Familie mit drei Söhnen. Allen dreien geht es gut, meiner Frau und mir ebenso. Also, wer da nicht glücklich ist, ist selber schuld!

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Hans-Rudolf Merz über die Bibel: „In diesem Buch ist einfach alles drin!“
Man konnte lesen, Sie hätten immer eine Bibel im Gepäck. Was bedeutet Ihnen die Bibel?
Mir bedeutet sie sehr viel. Sie ist das umfassendste Buch, das es überhaupt gibt. Darin finden Sie nun effektiv alles. Sie finden den Kriminalroman, die Liebesgeschichte, die Sittenbilder. Das Alte Testament ist ein absolutes Faszinosum. Oder im Neuen Testament: der Umgang mit der Ehe, auch mit dem Ehebruch, der Umgang mit der Wahrheit, mit dem Betrügen. In diesem Buch ist einfach alles drin!

Wie wurde die Bibel zu Ihrer ständigen Begleiterin?
Ich habe ja in Südamerika gearbeitet. Dort war es gang und gäbe, Unternehmer zu entführen, Lösegeld zu verlangen und die Opfer nach unbestimmter Zeit wieder freizulassen. Ich hatte einen Bekannten, dem das in Kolumbien passiert ist. Er hat mir nachher anvertraut, das Schlimmste sei gewesen, dass er sich während dieser Zeit der Ungewissheit mit nichts habe befassen können. Da sagte ich mir: Wenn es einmal mir passieren sollte, dass man mich verschleppt, dann brauche ich eine Bibel. Und ich habe damals wirklich beschlossen, immer eine Bibel mitzutragen. Ich habe sie in der Mappe dort auf dem Pult, ich könnte sie gleich holen. Seit 30 Jahren habe ich immer die Bibel und Goethes Faust dabei. Wenn ich aussagekräftige Literatur brauche, mit der man sich unendlich lange befassen kann, dann sind es diese beiden Bücher.

Sie sind jetzt nicht in Entführungsgefahr. Wie oft kommt die Bibel trotzdem zum Zug?
Ich lese regelmässig darin. Es gibt stets Gelegenheiten, sei es im Flugzeug, auf einer Reise oder wenn ich irgendwo warten muss. Ich staune immer wieder, worauf man stösst, wenn man sich offenen und sehenden Auges mit diesem Buch beschäftigt.

Gibt es ein biblisches Wort, das Sie stark anspricht?
Das ist noch immer mein Konfirmandenspruch. Er stammt aus dem Römerbrief: "Ich bin gewiss, dass uns weder Tod noch Leben, weder Engel noch Teufel, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Himmel noch Hölle kann trennen von der Liebe Gottes." Mit anderen Worten: Wenn man glaubt, dass es eine Macht gibt, die uns das Leben ermöglicht, die uns darin begleitet und die es uns auch wieder nimmt, wenn man diese Macht als Gott anerkennt und ihr vertraut, dann hat man dafür im Brief des Paulus an die Römer im Kapitel 8, Vers 38 eine sehr schöne Beschreibung.

Wer ist der Gott, dem Sie vertrauen, für Sie?
Gott ist für mich keine Institution, die alles perfekt macht. Es gibt auf der Erde nichts, was perfekt ist. Aber es gibt bestimmte Grundlagen des Daseins. Das können wir schon im Kleinen sehen, zum Beispiel in der Verhaltensforschung. Warum verhält sich ein Mensch oder ein Tier nun so und so? Da stecken übergeordnete Ideen oder Instinkte dahinter. Da muss es doch eine Instanz geben, die all das ermöglicht hat. Die das Zusammenwirken all dieser Reize und Gedanken mit einem Körper steuert. Die aber auch dafür sorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Als Menschen sind wir beschränkt, enorm beschränkt, obwohl wir in der Wissenschaft immer wieder vorwärtskommen. Aber wir gelangen nie bis zum Letzten. Das erste Mal habe ich den Begriff "Gott als Schöpfer" von einem Kantonsschulprofessor gehört. Wir haben bei ihm im Biologieunterricht Pflanzen mit einer Rasierklinge zerkleinert und unter dem Mikroskop betrachtet. Da sagte er, wir könnten jetzt runter und runter und runter gehen, bis wir nichts mehr sähen. Dann komme irgendwann das Atom - "und dahinter kommt Gott". Das hat mich ungeheuer beeindruckt. Die Wissenschaft forscht auch immer weiter, aber sie stösst nie zu den allerletzten Dingen vor. Die bleiben uns verborgen. Dahinter ist Gott.

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„Wir müssten beten, dass die Schweiz das Land bleiben kann, das es geworden ist.“
Inwiefern hilft Ihnen die Kirche, das Bodenpersonal Gottes, im Leben?
Ich gebe zu, ich gehe nicht regelmässig in den Gottesdienst. Die Kirche ist ja nicht bloss eine Institution, sie lebt und wirkt durch ihre Vertreter, und das sind Menschen. Ich habe es zum Beispiel immer sehr geschätzt, dass wir im Militärdienst Feldprediger hatten. Mit denen pflegte ich beste Beziehungen, weil ich gesehen habe, dass sie Menschen wie du und ich sind. Sie waren einfach da und verbreiteten Mut, Hoffnung, lebten Nächstenliebe. Auf der anderen Seite haben sie sich in den Dienst einer Armee gestellt. Ich erinnere mich gut daran, wie in einem Regimentsstab der Feldprediger jeden Morgen ein kurzes Bibelwort lesen und eine Interpretation dazu abgeben musste. Er musste! Das war Befehl des Kommandanten. Ein protestantischer Feldprediger aus Winterthur wählte einmal das Bibelwort "Jaget den Frieden!". In seinem Kommentar stellte er das Jagen als etwas Militärisches, als etwas Aggressives dar. Der Frieden war der Gegenpol. Damit wollte er uns zu verstehen geben: "Das, was ihr macht, ist eigentlich nicht unbedingt ein Widerspruch. Es gibt auch die Jagd nach dem Frieden. Und wenn ihr euren Militärdienst als eine solche Jagd betrachtet, dann seid ihr in eurem Tun vor Gott gerechtfertigt." Da musste ich sagen, wenn die Kirche derart bodenständig daherkommt, dann macht sie es richtig.

Welches ist die zentrale Aufgabe der Kirche heute?
Die Kirche sollte die Menschen besser "abholen". Es ist ja bezeichnend, dass ich mich an einzelne Personen, an Erlebnisse erinnere. Begegnungen sind sehr wichtig. Das lässt sich im Gottesdienst bewerkstelligen, das kann aber auch ausserhalb der Kirche stattfinden, durch das Auftreten von Exponenten der Kirche. Sie sollten dabei ihre Überzeugungen so vermitteln, dass ich sie aufnehme, dass ich sie mitnehme. Das Vermitteln ihrer Botschaft ist der Kernauftrag der Kirche. Sie muss dabei auch auf meine Bedürfnisse eingehen.

Wofür müssten die Schweizer intensiv beten?
Ich denke an die Dankbarkeit für das, was wir in unserem freien Land haben, und an die Hoffnung, dass es in Zukunft so bleiben möge.

Wo sehen Sie in der Schweiz Probleme, bei denen Sie seufzen: "Gott, hilf uns jetzt endlich"?
Das ist schwer zu sagen, weil es vielen, den meisten, eben sehr gut geht. Jene, denen es schlecht geht, sollten wir ins Gebet einschliessen. Wir leben heute in einem Land, das absolut einmalig ist in Bezug auf die Vielfalt von Sprachen, von Kulturen, von Mentalitäten. Ich war oft und während längerer Zeit im Ausland. Ein richtiger Fan dieses Landes bin ich erst dort geworden! Wenn wir schon beten, dann müssten wir beten, dass die Schweiz das Land bleiben kann, das es geworden ist.

Bearbeitung: David Sommerhalder, Livenet.ch

Datum: 14.09.2007
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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