Liebe, Geborgenheit und trautes Familienglück wünscht man sich an Weihnachten. Das stellt Chefarzt Christian Schäfer von der Klinik SGM in Langenthal gegenüber der Zeitschrift «ideaSpektrum Schweiz» fest. Doch die Realität ist oft ganz anders. Gefordert ist darum auch die christliche Gemeinde. Und oftmals auch der Psychiater.
Staunt über Gottes Gnade: Christian Schäfer in der Klinik SGM.
«idea Spektrum»: Was wäre ein Jahr ohne Weihnachten für Sie?
Christian Schäfer: Mir würde einer der grossen Höhepunkte des Jahres fehlen. Weihnachten ist für mich vor allem durch die Adventszeit geprägt. Für mich ist dies eine Zeit der inneren Erwartung, in der ich von mir wegschauen will. Ich trage das Bild von Maria und Joseph mit dem Jesuskind in mir und verharre beim Betrachten dieses Bildes. Das gibt mir Ruhe und Ausgeglichenheit. Für mich sind es auch nicht die Silvestertage, an denen ich Entscheidungen für ein neues Jahr treffe. Ich nutze die Weihnachtszeit, um mich neu auszurichten.
Welches sind Ihre schönsten Weihnachtserinnerungen?
Gerne erinnere ich mich an viele Begegnungen an Weihnachten. Viele meiner Freunde sind in ganz Deutschland verstreut. Seit Jahren treffen wir uns am ersten Weihnachtstag in Schweinfurt zu einem Wiedersehenstreffen. Es sind dies Freunde aus meiner Jugendzeit, als ich im CVJM tätig war. Diese Zeit hat mich geistlich und auch im Umgang mit andern Menschen stark geprägt.
Wie wirken die vielen zauberhaften Lichter in den Geschäftsstrassen auf Sie?
Ich habe diese Lichter lange Zeit überhaupt nicht gemocht. Ich sah vor allem den Kommerz dahinter. Seit ein paar Jahren kann ich mich nun über diese Lichter freuen. Ich geniesse diese Helligkeit in einer dunklen, abweisenden Jahreszeit. Dabei kommt mir immer wieder der Gedanke, dass ja auch Christus als Licht in eine dunkle Welt kam.
Die Lichter werden immer zahlreicher - die Bedeutung von Weihnachten schwindet immer mehr. Wozu die vielen Lichter?
Ein spannendes Phänomen! Obwohl viele meiner Patienten mit Weihnachten an sich nichts anfangen können, ist ihnen Weihnachten als Fest doch sehr wichtig. Vielen Menschen ist es immer noch wichtig, Weihnachten zu feiern, obwohl sie die christliche Botschaft ausklammern. Keiner will an Weihnachten alleine sein. Schon seit einigen Wochen taucht in meinen Gesprächen mit Patienten immer wieder die Frage auf: «Was mache ich nur an Weihnachten?»
Warum ist den Menschen Weihnachten als festlicher Anlass so wichtig?
Weihnachten hat viel mit Emotionen zu tun. Viele Menschen haben Weihnachten früher nicht positiv erlebt. Sie erinnern sich an Streit und Enttäuschungen. Doch der Wunsch nach einem friedlichen Fest, nach Versöhnung, ist überall da. Gerade an Weihnachten verstärkt sich der Wunsch, aufgehoben, geborgen zu sein.
Was macht Weihnachten für viele Menschen so belastend?
Die Anforderungen an das «Produkt» Weihnachten sind hoch: kein Streit, keine Konflikte, Versöhnung, Liebe, trautes Familienglück und und und … Realistisch gesehen kann das nicht geschehen: Anspruch und Realität klaffen weit auseinander. Weihnachten ist durch die vielfach erzwungene Reisetätigkeit und das schlechte Wetter für viele Menschen ein stressiges Fest. Dann soll man sich mit Angehörigen treffen, denen man lieber aus dem Wege geht. Man lebt mit vielen Menschen in zu engen, überhitzten Wohnungen zusammen. Man isst viel, bewegt sich nicht. Da soll man dann noch friedvoll sein!
Welches sind die zentralen Bedürfnisse der Menschen in der Weihnachtszeit?
Einige sehen die Weihnachtszeit als Gelegenheit, mit wenigen Urlaubstagen viel Freizeit zu bekommen. Andere wollen ruhige, friedvolle Tage haben und gute Gespräche führen. Und dann gibt es auch Menschen, die einfach hoffen, dass die Tage bald vorüber sind...
Welche Menschen haben denn am meisten Mühe mit Weihnachten?
Das sind die Menschen im mittleren Alter, so zwischen 35 und 55 Jahren. Junge Menschen feiern Weihnachten anders. Sie gehen an Christmas-Partys oder in den Urlaub. Sie fühlen sich den Verwandten nicht mehr so stark verpflichtet. Menschen im mittleren Alter haben meist Kinder, müssen diese unterhalten, sind vielfach an den Feiertagen unterwegs, fahren lange Strecken. Sie kommen als Familie vielfach nicht zur Ruhe.
Ältere Menschen kennen diese Probleme weniger?
Wenn sie in christlichen Gemeinden oder anderen Gruppen sozialisiert sind, kennen sie diese Probleme weniger. Sie sind oft in ihrem Umfeld engagiert und haben ein Kontinuum wie regelmässige Gruppentreffen. Junge Menschen sind mehr vom Event-Gedanken geleitet und haben weniger Rückhalt in Gemeinschaften.
Was beschäftigt Sie in Ihrer Klinik derzeit besonders?
Wir überlegen uns, wie wir die Weihnachtstage für unsere Patienten gehaltvoll gestalten können. Wir wünschen uns, dass die Patienten auch an Weihnachten gerne in der Klinik sind. Sie sollen sich nicht unter Druck fühlen, unbedingt nach Hause zu gehen, denn dort warten oft gerade in der Weihnachtszeit nur neue Konflikte. Wir werden zusammen mit Therapeuten und Patienten die Weihnachtstage so gestalten, dass auch die christliche Botschaft ihren gebührenden Platz findet. Hier bin ich für die vielen Mitarbeiter dankbar, die tief im christlichen Glauben verwurzelt sind.
Worüber reden Sie mit Ihren Patienten in der Adventszeit?
Gerade in dieser Zeit können sich interessante Gespräche über frühere Konflikte oder Leiderfahrungen ergeben. Da Weihnachten sehr emotional belegt ist, können sich die Menschen gut an solche Situationen erinnern. Wir können den therapeutischen Prozess nutzen, damit alte Verletzungen geheilt werden.
Weihnachten als therapeutische Chance?
Das kann man so sagen. Auch die Weihnachtsgeschichte hat an sich viel mit Leid und Problemen zu tun. Denken wir nur daran, wie ausgestossen Maria und Josef waren. Sie mussten fliehen, wurden verfolgt, hatten ein «uneheliches» Kind und waren nicht sehr begütert. Alles Dinge, die auch viele unserer Patienten durchgemacht haben. Ich nehme die Familie von Jesus gerne als Vorbild: In allem Leid hat sie zusammengehalten und ist daran nicht zerbrochen.
Gibt es für Sie so etwas wie eine Weihnachtsdepression?
Als Fachbegriff gibt es das nicht, doch es gibt die Winterdepression. Sie kommt nicht selten vor. Man ist gereizter, unruhiger, hat laufend Hunger nach Süssigkeiten. In einer solchen Situation empfehle ich eine Lichttherapie. Oder man kann ganz pragmatisch sagen: Gehen Sie an die Sonne und fahren Sie Ski, oder fahren Sie in ein südliches Land!
Was verstehen Sie unter einer Lichttherapie?
Ich denke an spezielle Lampen, die auch von der Krankenkasse bezahlt werden. Man setzt sich zweimal am Tag eine halbe Stunde einer bestimmten Lichtstärke aus und lässt sich beleuchten. Das hilft oft gut gegen Winterdepressionen. In Norwegen, wo im Winter die Sonne oft nur ein paar Stunden scheint, gibt es darum sogenannte Lichträume oder Lichzimmer für depressive Menschen.
Wann ist es ratsam, ärztliche Hilfe zu beanspruchen?
Betroffene Menschen bemerken Anzeichen einer Depression oft erst später als ihr Umfeld: Deshalb: Achten Sie auf Hinweise von Personen, denen Sie vertrauen, und dann handeln Sie: Gehen Sie lieber einmal zu viel zu Ihrem Hausarzt oder zu einem Psychiater! Eine Depression hat Auswirkungen auf die Partnerschaft, auf ihre Freunde und auf ihr Verhalten am Arbeitsplatz. Leider sind diese Auswirkungen meist nicht positiv.
Wo sehen Sie die besondere Aufgabe der christlichen Gemeinde in der Adventszeit?
Ich wünsche mir Gemeinden, die allen Generationen ein frohes Weihnachtsfest bieten. An Weihnachten darf es in der christlichen Gemeinde keine einsamen Menschen geben. Ich bin nicht glücklich, wenn «Weihnachtsfeiern für Einsame» angeboten werden. Weihnachten muss ein gemeinsames Freudenfest sein. Die Gemeinde soll darum in diesen Tagen ganz verschiedene gemeinschaftsfördernde Angebote machen.
Was raten Sie einem Menschen, der sich vor der Einsamkeit an Heiligabend fürchtet?
Dieser Mensch soll sich einen Zeitplan für Weihnachten machen. Er soll aber auch seine inneren Erwartungen herunterschrauben. Er soll diese Tage füllen mit Dingen, die er auch sonst gerne macht, zum Beispiel mit Sport oder einem Film. Ich empfehle konkret auch christliche Häuser, die an Weihnachten geöffnet sind und wertvolle Angebote für meditative Tage machen. Man kann auch in ein Kloster gehen.
Ihre Weihnachtsbotschaft an bekümmerte Menschen?
Gott führt uns häufig in schwere Zeiten. Sie sind oft belastende Herausforderungen und hinterlassen Narben. Doch sie helfen uns auch, uns wieder zu uns selbst zu entlassen. Nicht in den guten Zeiten des Lebens, sondern in den «Wüstenzeiten» werden wir zu reifen und erwachsenen Persönlichkeiten. Dieses Wissen gibt mir immer wieder Freude und Hoffnung in meinem beruflichen Alltag.
Christian Schäfer, 44, verheiratet, zwei Kinder (8 und 10 Jahre), wohnt in Lörrach. Aufgewachsen in Schweinfurt (Bayern), Studium in Würzburg, dann Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Regensburg, acht Jahre in der Klinik Sonnenhalde in Riehen, dort stellvertretender Chefarzt, seit Anfang 2010 Chefarzt der Klinik SGM in Langenthal (Stiftung für ganzheitliche Medizin), einer christlichen Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik.
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