Geborgenheit und Heimat

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Andrea Vonlanthen
"Du und deine Gemeinde waren für mich ein Stück Heimat!" Das schrieb mir der Zürcher Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber neulich nach einem Besuch in unserer Gemeinde. Ein schöneres Kompliment habe ich kaum je gehört - auch für meine Gemeinde nicht. Dabei hatte ich mich Grippe geschwächt zur Begegnung mit dem 75-jährigen "Knecht Gottes", wie er sich selber nennt, aufgerafft. Was ich an diesem Abend hörte, konnte ich gleich selber erleben: "Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!" (2.Korinther 12,9) Gott schenkt dort ein Stück Heimat, wo wir uns in all unseren Schwächen aufmachen zu ihm.

Der Philosoph und Gottesleugner Friedrich Nietzsche hat die Not vieler Menschen erkannt: "Weh dem, der keine Heimat hat!" Wie befreiend wirkt doch diese Aussicht: "Ich darf nach Hause!" Welche Erlösung im Krankenhaus, in der Fremde, im Militärdienst - auch in der Schule! Nach Hause, Heimat - das bedeutet Geborgenheit, Sicherheit, Freiheit. Ein Raum, der mich aufnimmt und abschirmt. In dem ich verstehe und verstanden werde. In dem ich erwartet und erwärmt werde. Doch wenn keiner wartet? Wenn mich niemand in die Arme nimmt? Wenn ich mir nur verlassen und verloren vorkomme? Das Heer der Heimatlosen wächst und wächst! Wie finden wir zurück zur Heimat? Heimat muss offensichtlich mehr sein als das Haus, in dem ich die Socken wechsle. Mehr als die Stadt, in der ich Steuern bezahle. Mehr als die Familie, mit der ich "Wetten, dass...!?" verfolge. Kirchenvater Augustinus brachte es auf den Punkt: "Du hast uns auf dich hin geschaffen, o Herr, und unser Herz ist ruhelos, bis es Ruhe findet in dir."

Erstaunliches entdeckt, wer in den eiligen Tagen dieser unheiligen Welt statt im Luxuskatalog bei Lukas nachschlägt: "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!" (Lukas 2,10+11) Weihnachten! Freude ist in Sicht, Geborgenheit, Frieden! Was nützt aller Lichterzauber in den Strassen, wenn es im Herzen kalt und dunkel bleibt? Was helfen alle kostbaren Geschenke, wenn unsere Seelen leer und trostlos bleiben? Weihnachten finden wir nicht im Kaufhaus, sondern in der Krippe von Bethlehem. In der kalten Armut eines Stalles schenkt uns Gott seinen grossen Reichtum. Jesus ist geboren! Der Erlöser, der Heiland! Wer zur Krippe kommt, kehrt als Beschenkter zurück. Beschenkt mit Liebe, Frieden, Wärme. Aus dem Tiefpunkt der Einsamkeit kann der Höhepunkt der Geborgenheit werden.
Pfarrer Sieber erzählt von einem Aidskranken, der sein Ende ahnt. Der junge Mann verlangt nach dem Seelsorger: "Pfarrer, bring mir bitte ein Kreuz!" Sieber holt das kunstvolle Kreuz, das über dem Bett seiner Frau hängt, und gibt es ihm. Der Kranke stirbt kurz danach, das Kreuz fest umklammert. Er hat sich dem Gekreuzigten anvertraut. "Wenn ich solche Sterbende begleite", sagt Pfarrer Sieber, "spüre ich etwas von der Auferstehung." Wer bewusst zur Krippe geht, kann getrost mit dem Kreuz sterben.
"Du und deine Gemeinde waren für mich ein Stück Heimat." Viel mehr als ein schönes Kompliment - ein Auftrag! Pfarrer Sieber lebt ihn mit 75 Jahren unermüdlich und unerschrocken vor. Gott mache unsere Gemeinden zu einem "Stück Heimat"! Gott mache mich zu einem "kleinen Pfarrer Sieber"! Damit für einige Heimatlose, Hoffnungslose, Obdachlose etwas mehr Geborgenheit werden kann. Jetzt, in der Advents- und Weihnachtszeit. Aber auch im Alltag des neuen Jahres.


Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: Chrischona Magazin

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