Fasten ist mehr als Weglassen

Vor dem leeren Kühlschrank tanzen

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Es ist kein Geheimnis: Die Fastenzeit hat begonnen. Und damit die Frage, was ich als Christ dieses Jahr einmal weglassen kann. Denn beim Fasten geht es doch um Verzichten, oder? Verzicht kann ein Teil des Weges sein, das Ziel ist es nicht. Die Zeit vor Ostern soll nicht so sehr eine Zeit ohne Schokolade sein, als vielmehr eine besondere Zeit mit Gott.

Dieses «mit» statt «ohne» ist keine neue Erfindung. Es ist kein Verwässern des alten Fastengedankens. Im Gegenteil. Augustinus stellte bereits im 5. Jahrhundert klar: «Glaube nicht, dass Fasten genügt. Das Fasten strengt an, aber es stärkt nicht deine Brüder.» Damit setzt er einen deutlichen Akzent weg von der Aktion des Fastens hin zu geistlichen Folgen. Kein Wunder, dass die Bibel Fasten praktisch nur im Zusammenhang mit Beten nennt.

Wer alles hat, braucht keinen Gott

Weglassen hat seinen Sinn, es sollte nur nicht im Fokus stehen. Gerade heute, wo die meisten im Westen in einer «satten» Gesellschaft leben, also alles haben, was sie brauchen, ist es ein besonderer Akzent, sich einmal Selbstverständliches zu entziehen. Ich kann Alkohol fasten oder Fernsehen, ich kann Süssigkeiten weglassen oder Facebook. Aber so richtig an den Kern des Fastens komme ich, wenn ich das Essen reduziere oder aussetze. Nicht um abzunehmen, sondern um mir klarzumachen, dass ich nicht alles im Griff habe, um meine alltägliche Routine zu durchbrechen, um mir die eigene Schwäche bewusst zu machen. Dieses «Fasten im Kopf» lässt mich eine besondere Offenheit für Gott erleben, für sein Reden, für geistliche Dinge. Heilfasten kann sehr sinnvoll und hilfreich sein. Doch Fasten als Christ ist mehr: Es ist das Warten auf Gott, die Umkehr zu ihm. Die geistige Aufnahmefähigkeit wächst und die Sinne werden frei für Gottes Reden.

Vor dem leeren Küchenschrank tanzen

Das mittelhochdeutsche Wort «vasten» bedeutet «halten, festhalten, beobachten, bewachen». Zunächst stand in der Kirche dieses Festhalten am Fasten im Mittelpunkt, auch wenn es von vornherein um Essensverzicht ging. Je nach Prägung fanden Christen zu allen Zeiten unterschiedliche Umschreibungen für die Fastenzeit. Im Deutschen gibt es die Redensart «Vor leeren Schüsseln sitzen». Hier wird klar der Verzicht betont. Die Franzosen sprechen mit einem Augenzwinkern von «Danser devant de buffet» (Vor dem [leeren] Küchenschrank tanzen). Hier klingt durchaus an, dass Fasten keine Trauerzeit ist. Manche gehen dann noch einen Schritt weiter. So kursiert in der rheinischen katholischen Kirche der Spruch: «Wer schon fasten muss, soll wenigstens gut essen!» Damit wird auf die zahlreichen Tricks und Kniffe angespielt, mit denen Menschen das Fasten nach dem Buchstaben erfüllen, sich in Wirklichkeit aber elegant darum gedrückt haben. Wo die Fastenzeit Gesetz ist, möchte man sie umgehen, wo sie Selbstzweck wird, geht es plötzlich nur noch um Äusserlichkeiten.

Selbsterkenntnis statt Abnehmen

Doch was soll und kann bei echtem Fasten geschehen? Zunächst einmal gewinne ich Selbsterkenntnis. Ich lasse Ablenkungen beiseite und Dinge, die sonst meine Zeit füllen. Dadurch sehe ich mich in einem neuen Licht: Ich sehe mich so selbstsüchtig, vergnügungsorientiert, erfolgsverwöhnt wie ich bin. Ich sehe, dass mein kurzfristiges Streben nach Glück einem langfristig gesegneten Leben im Wege steht. Aber diese Selbsterkenntnis hat nicht nur negative Seiten. Ich sehe mich auch in den Augen Gottes als geliebtes Kind, als sein Ebenbild, so wie ich bin – und so, wie ich einmal sein werde. Der Theologe Henry Karlson drückte dies folgendermassen aus: «Uns selbst zu erkennen heisst, die Liebe erkennen, uns selbst geben, jede ungute Bindung durch Selbstverleugnung zurückweisen, aber nicht in einer nihilistischen Weise, die auch das Gute in uns zerstört, sondern so, dass wir frei werden von geistlicher Täuschung und Verschwendung durch Sünde und dann im Geist der Liebe leben und atmen.» Doch ich lerne nicht nur mich im Fasten kennen. Wenn ich mich darauf einlasse und Gott suche, werde ich ihn neu kennenlernen.

Gott im Blick

Neben einem wohltuenden und manchmal vielleicht erschreckenden Selbstbild gewinne ich im Fasten auch einen neuen Blick auf Gott. Sicher ist es zu kurz gedacht, die Fastenzeit zu verzwecken: «Ich faste, um etwas zu erreichen…», aber Christen aller Zeiten bezeugen so etwas wie einen offenen Himmel durch Fastenzeiten. Charles Spurgeon, der bekannte englische Erweckungsprediger, erklärt: «Unsere Fasten- und Gebetszeiten sind in der Tat grosse Tage. Nie steht des Himmels Tor weiter offen; nie sind unsere Herzen der Herrlichkeit näher als dann.» Warum das geschieht, lässt sich nicht leicht erklären. Ich besteche Gott nicht mit Fasten, ich verstärke mein Gebet damit nicht, aber (meistens) begegne ich ihm auf eine besondere Weise. Ein konzentriertes, lebendiges Ausrichten auf Gott hat Folgen. Ich habe Gott wieder ganz neu im Blick, er gewinnt an Raum in meinem Leben und meine Beziehung zu ihm gewinnt. Das bleibt übrigens kein tiefinnerliches Geschehen, denn echtes Fasten hat eben doch Auswirkungen auf meine Umgebung.

Zum Thema:
Interessante Fakten: Warum Christen fasten
Unterschiedliche Motive: Warum fasten Menschen überhaupt?
Beten und fasten: «Geistesgegenwärtig reagieren»

Datum: 07.03.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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