Bei einer Mittagsrast auf seinem Weg von Jerusalem nach Galiläa begegnete Jesus einer samaritischen Frau.
Wenn es über die Religion hinaus noch etwas gab, was das Selbstverständnis der Juden prägte, dann war es das Streben, ihre Abstammung, ihr Blut, rein zu erhalten. Ihr ganzes ziviles Leben unterlag einer sozialen Rangordnung.
Zuoberst standen die Priester, dann kamen die Leviten und die Vollisraeliten. Sie bildeten das eigentliche Israel, die "Söhne und Töchter Abrahams". Das Heiraten untereinander war ihnen erlaubt.
Als Nächstes kamen die Israeliten mit einen "leichten Makel", z. B. Proselyten oder (israelische) Sklaven und Freigelassene. Ihnen war die Verschwägerung mit Leviten oder Vollisraeliten noch gestattet, aber bereits nicht mehr die mit Priesterfamilien.
Und so ging es in der Standesordnung Stufe um Stufe nach unten. Am geringsten achtete man uneheliche Kinder, Vaterlose und Findelkinder. Und natürlich die Samaritaner. Denn sie repräsentierten genau das, was die Juden unbedingt vermeiden wollten: ein rassisches Völkergemisch.
"Gibst du mir etwas zu trinken?" sagte Jesus. Sie antwortete: "Du bist Jude, ich Samaritanerin."
Daraus klang eine gewisse Unsicherheit, ein leichter Vorwurf. Zuerst einmal entsprach es nicht der Sitte, wenn ein Mann unter vier Augen eine ihm unbekannte Frau ansprach. Aber noch viel ungewöhnlicher war, dass ein Jude, dazu noch ein Rabbiner, eine Samaritanerin um Wasser bat. Die Samaritaner waren verachtet.
Sie stammten zwar von den zehn israelitischen Nordstämmen ab, aber auch von den Völkern, welche die Assyrer im siebten Jahrhundert v. Chr. nach Samarien zwangsumgesiedelt hatten.
Entsprechend war der Glaube der Samaritaner eine synkretistische Mischung aus jüdischem und heidnischem Glaubensgut. Deshalb verweigerten die Juden den Samaritanern, am Tempelleben in Jerusalem teilzunehmen. Vermutlich gab es Phasen, wo man den samaritanischen Männern nicht einmal gestattete, den Tempelvorhof der (israelitischen) Frauen zu betreten. Mit einem Samariter zu essen, so lehrten die Rabbiner, machte automatisch unrein.
Das Gespräch nahm seinen Lauf. "Wenn du wüsstest, wer ich bin und was ich dir geben kann, dann wärst du jetzt am Bitten, nicht ich", sagte Jesus.
Die Frau verstand das zuerst einmal als Frechheit. Da kam also wieder so ein arroganter Jude, hatte keine Verpflegung und spielte sich trotzdem gross auf statt, was angebracht gewesen wäre, bescheiden zu bitten.
"Moment mal", sagte sie. "Dieser Brunnen wurde von Jakob persönlich gegraben. Er selber trank daraus. Und übrigens sind auch wir Samariter Nachkommen Jakobs. Meinst du etwa, du bist etwas Besseres als er?"
Jesus verstand es, ihren aufkommenden Zorn zu besänftigen. "Ich kann dir Dinge schenken, die ewiges Leben bringen. Aber ich möchte es noch mehr Menschen als dir allein geben. Geh und hole auch deinen Mann."
Damit hatte er den schmerzlichsten Punkt im Leben dieser Frau berührt. Fünfmal hatten ihr Ehemänner den Scheidebrief in die Hand gedrückt und sie zum Haus hinausgejagt. Der sechste hatte sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, sie zu heiraten. Jesus wusste das, und die Frau sah, dass er es wusste.
"Du bist ein Prophet!" Sie kam sich so klein vor. Vielleicht wünschte sie sich einen Segen von ihm oder ein Gebet. Aber auch das hielt sie für unmöglich. Sie war eine vielfach geschiedene Frau, und da war noch diese Geschichte mit dem einzig wahren Tempel ... "Unsere Vorfahren, die haben Gott auf diesem Berg hier verehrt. Aber wie könntest du hier beten? Ihr Juden behauptet ja, dass Jerusalem der einzige Ort sei, wo Gott verehrt werden will."
Ständig von den Juden abgelehnt, hatten die Samaritaner einst ihren eigenen Tempel auf dem Berg Garizim gebaut. Das wiederum empörte die Juden, denn Gott hatte gesagt, er werde nur in dem einen Heiligtum zu finden sein, im Tempel von Jerusalem. Unter ihrem König Johannes Hyrkan hatten sie das Heiligtum auf dem Garizim angegriffen und zerstört. Natürlich berief man sich dabei auf das Gesetz. Allerdings nahm es Hyrkan mit demselben nicht durchgehend so genau. Er war nämlich König und Hohepriester in einer Person.
Jesus kannte diese Hintergründe und beschönigte nichts. Die Samaritaner, sagte er, würden Gott eigentlich gar nicht kennen, und die Rettung müsse tatsächlich von den Juden ausgehen. "Aber eine Zeit wird kommen", fuhr er fort, "da wird der Geist, der Gottes Wahrheit enthüllt, Menschen befähigen, den Vater an jedem Ort anzubeten. Gott ist ganz anders als diese Welt, er ist machtvoller Geist, und die ihn anbeten wollen, müssen vom Geist der Wahrheit neu geboren sein. Von solchen Menschen will der Vater angebetet werden."
Das war eine Schau der Zukunft, die so lebhaft mit den bestehenden Verhältnissen kontrastierte, dass die Frau sie nicht fassen konnte.
Das geschehe wohl erst, wenn der versprochene Retter komme, meinte sie. "Du sprichst bereits mit ihm", sagte Jesus. "Ich bin es."
In einem einzigen Gespräch - das nach der geltenden Konvention nie hätte stattfinden dürfen - hatte Jesus einer Frau die Hoffnung zurückgegeben und ein gesellschaftliches Weltbild gesprengt. Auf die Erzählung dieser Frau hin lud man Jesus ins Dorf ein. Er blieb zwei Tage. Menschen setzten ihr Vertrauen auf Gott. Juden und Samaritaner wurden Freunde.
Jesus griff das gesellschaftliche Klassen- und Standesdenken wiederholt an. Als er ein Gleichnis erzählte, das Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft veranschaulichen sollte, liess er drei Figuren darin auftreten: einen Priester, einen Leviten, einen Samariter. Die beiden Angehörigen der sozialen Spitzenklasse versagten total. Einer verhielt sich wie ein Mensch - der verachtete Ausländer.
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