Eine seltsame Begegnung

Auf den ersten Blick ein Reggae-Typ. Farbig, Rastafrisur, Stirnband, Jeans, Franseljacke, Ohrringe. Gitarre um den Hals.

Zoom
So stand er in der Fussgängerzone der Stadt und sang seine Songs. Ein bisschen vergessen. Die Leute machten eher einen Bogen um ihn. Hörten von weither zu, so dass es keiner merkte. Er sang nicht schlecht, aber eher zurückhaltend, fast schon leise. Merkwürdige Texte. Eine Message wie aus einer versunken Welt oder aus einer fernen Zeit - Atlantis? Was meinte er eigentlich mit Himmelreich?
Er machte Pause und nippte an seinem Isolierbecher, den er mit etwas Heissem aus der Thermosflasche gefüllt hatte. Ich ging zu ihm hin.

Wer bist du?

Der Typ: Jesus.

Du spinnst doch.

Der Typ: Jesus, der Sohn Gottes.

Ich glaub, ich bin im falschen Film. Oder doch eher du!

Der Typ: Warum findest du das so ungewöhnlich?

Also, sag mal. Jesus lebte vor bald zwei Jahrtausenden in Israel.

Der Typ: Und heute hier in diese Stadt.

Du bist verrückt. Der sah doch ganz anders aus.

Der Typ: Wie anders?

Ja, halt wie die Leute damals aussahen. Wie man das aus den Jesus-Filmen kennt.

Der Typ: Mit einem Tuch umwickelt und Sandalen würde ich ja hier glatt erfrieren.

Okay. Du sagst also, du bist Jesus Christus - der aus der Bibel. Also, eine Art Wiedergeburt?

Der Typ: Nicht so, wie es sich heute einige Leute vorstellen.

Wie denn?

Der Typ: Ich war nie wirklich weg.

Moment. Man hat dich damals beseitigt. Deine Fans sagten, du wärst nochmals kurz gesehen worden, lebend, und dann seist du endgültig verschwunden. Stimmt das nicht?

Der Typ: Jein. Sichtbar, in der damaligen Gestalt bin ich verschwunden, ja. Aber ich lebe und bin immer und überall da, wo man will, dass ich da bin.

Wie soll man sich das vorstellen?

Der Typ: Kann man sich nicht. Das muss man erleben.

Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr.

Der Typ: Schau, ich kam damals vom Himmel, habe als Mensch auf der Welt gelebt und bin wieder zurück zu meinem Vater in den Himmel. Aber im Geist bin ich bei den Menschen, die an mich glauben.

Du meinst, wie jetzt als Strassensänger an der Ecke?

Der Typ: Nein, normalerweise unsichtbar in den Herzen der Menschen

Und heute machst du eine Ausnahme?

Der Typ: Ja, ich wollte einigen Menschen begegnen - wie zum Beispiel dir.

Ahh. Und weshalb diese Aufmachung?

Der Typ: Du hast mich bisher nie gesucht. Du gehst ja nie in eine Kirche.

Da hast du recht. Und warum gerade ich?

Der Typ: Ich bin für jeden Menschen da - auch für dich. Nur hast du's bisher nicht gemerkt.

Du wusstest, dass ich auf Rasta-Typen abfahre? Und dass ich hier durch die Gasse komme, heute?

Der Typ: Ja. Ich begegne den Menschen dort, wo sie mich finden können.

Und dass ich dich anspreche? Auch das hast du gewusst?

Der Typ: Ich habe es gehofft. Die Menschen sind frei, sich für mich zu interessieren oder nicht.

Gut. Wie soll es nun weitergehen?

Der Typ: Das liegt in deiner Hand. Kennst du meine Message?

Du meinst, die Bibel und so? Nein, nicht wirklich.

Der Typ: Ich meine, was ich für die Menschen getan habe. Weißt du, was das bedeutet?

Die Pfarrerin hat da früher schon einiges erzählt ... Aber du, ich glaub, ich muss jetzt gehen.

Der Typ: Okay, niemand hält dich auf.

Also, war total spannend, dich getroffen zu haben. Bist du noch lange hier?

Der Typ: Ich bin immer in dieser Stadt, aber nicht immer als Strassenmusiker an dieser Ecke.

Man sieht sich.

Der Typ: Das hoffe ich. Achte auf die Message.

Na, dann will ich dich nicht länger aufhalten. Du singst jetzt sicher weiter. Tschau.

Der Typ: Tschau. Vergiss nicht. Ich hab dich gern.

Dann liess ich den Rasta-Sänger stehen. Er trank den letzten Schluck aus seinem Becher und stieg in ein neues Lied ein. Irgendetwas von einer Perle, die war so wertvoll, dass einer hinging und alles verkaufte, was er hatte, um die Perle zu kriegen. Verrückter Kerl. Ich hörte noch ein Weilchen zu. Andere Leute blieben auch stehen. Dann ging ich weiter, ein sonderbares Gefühl in meinem Innern. Was hatte dieser Jesus damals eigentlich für eine Message? Ich nahm mir vor, bei Gelegenheit mal nachzuschauen ...

 
Datum: 22.04.2002
Autor: Fritz Herrli
Quelle: Jesus.ch

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