Freikirchen in Europa - Die Initialzündung

Drei Männern wird das Verdienst zugeschrieben, die gesamte protestantische Christenheit zur Umkehr und Neubesinnung gerufen zu haben: den Brüdern John und Charles Wesley und ihrem Freunde George Whitefield. Der Historiker Günter S. Wegener beschreibt dies in seinem Buch "Die Kirche lebt" anschaulich.


George Withefield

Alle drei sind zu Beginn des 18. Jahrhunderts geboren, alle drei leiden unter der zunehmenden Verweltlichung dieser Kirche. Schon während des Studiums in Oxford gründen die beiden Brüder Wesley einen kleinen Studentenverein "zur Förderung der Frömmigkeit". Man schreibt das Jahr 1729. Die Mitglieder des Vereins geloben strenge Zucht, fleissiges Gebet, regelmässige Andachten und häufigen Abendmahlsbesuch. Das ist zunächst alles. Von den Kommilitonen werden sie weidlich ausgelacht und als "heiliger Klub" verhöhnt. Wegen ihres strikten Programms und ihres methodischen Vorgehens nennt man sie auch spöttisch "Methodisten". Dieser Name soll ihnen für alle Zeiten anhängen, 1729 noch ein Spitzname, zweihundert Jahre später ein Ehrenname für dreissig Millionen Gläubige in aller Welt.

Erfolgloser Missionsversuch

Die Brüder Wesley werden zu Pfarrern der "Church of England" ordiniert, und im Jahre 1735 gehen sie nach Amerika in den Staat Georgia, um dort unter den Indianern zu missionieren. Ihr jüngerer Freund George Whitefield folgt ihnen wenig später nach. Während der Überfahrt schon machen sie die Bekanntschaft von Herrnhuter Missionaren, und sie sind tief beeindruckt von der selbstverständlichen und schlichten Frömmigkeit dieser Männer, die sich besonders in einem schweren Sturm bewährt, in dem die beiden Engländer allen Mut verlieren. In Amerika ist ihrer bleiben ihre Missionsbemühungen erfolglos, und so kehren sie bald ziemlich frustriert ins Mutterland zurück. Sie spüren, dass der Grund für das Scheitern ihrer Mission in ihnen selbst liegt, und John Wesley spricht es aus: "Wir gingen nach Amerika, um die Indianer zu bekehren. Jetzt aber müssen wir fragen, wer bekehrt uns?

Die Herrnhuter-Missionare

Auch in England treffen sie wieder einen Herrnhuter Missionar namens Peter Böhler. Er macht ihnen klar, dass sie den falschen Weg eingeschlagen haben: "Ihr wolltet aus eigener Kraft vollkommen sein, aber nur der Glaube an Jesus Christus, der die Sünde vergibt, schafft ein neues Leben". In diesen Tagen machten beide Brüder das entscheidende Erlebnis. John Wesley berichtet selbst davon: "Am Abend des 24. Mai 1738 ging ich - an sich sehr ungern - in eine Gesellschaft, wo man Luthers Vorrede zu dem Brief an die Römer las. Ungefähr ein Viertel vor neun, beim Lesen der Stelle, wo er die Veränderung schildert, welche Gottes Kraft durch den Glauben an Jesus Christus im Menschen bewirkt, fühlte ich mein Herz auf wundersame Weise erwärmt. Ich fühlte, dass ich für mein Seelenheil mein Vertrauen einzig und allein auf Christus setzen müsse, und ich hatte plötzlich die Gewissheit, dass er alle meine Sünden von mir genommen und mich erlöst habe." Das ist das klassische Beispiel für das persönliche Bekehrungserlebnis, wie es im Methodismus fortan eine gewichtige Rolle spielen sollte.

Im Sommer des gleichen Jahres reist John Wesley nach Deutschland und besucht für vierzehn Tage die Herrnhuter Brüdergemeine. Wieder empfängt er starke Eindrücke, aber zugleich stösst er sich an manchen Eigentümlichkeiten der Herrnhuter und rückt innerlich davon ab. Als er nach England zurück kommt, ist seine eigene Überzeugung gefestigt und abgerundet. Er hat zur Selbständigkeit gefunden.

Menschen kommen in Scharen

John Wesley beginnt zu predigen, und mit ihm predigen sein Bruder Charles und sein Freund Whitefield. Da alle drei weitgereiste Männer sind und ebenso lebendig wie volkstümlich zu reden verstehen, kommen die Zuhörer in hellen Scharen. Wo immer sie auf einer Kanzel stehen, ist die Kirche überfüllt. So können sie sich bald vor Einladungen zu Gastpredigten hin und her in den Gemeinden kaum mehr retten. Je begeisterter ihre Hörer von dieser völlig neuen, mitreissenden Art der Predigt sind, desto misstrauischer wird man innerhalb der anglikanischen Geistlichkeit. Es dauert nicht lange, und man verbietet ihnen die Kirchen und versagt ihnen die Kanzeln. Da geht George Whitefield als erster auf die Strasse. Hunderte, Tausende, Zehntausende strömen zusammen, wenn er spricht.

"Dann überwand ich mich …"

John Wesley folgt seinem Beispiel nur zögernd. "Ich konnte mich", so schreibt er, "zuerst nicht recht mit dieser sonderbaren Methode befreunden, aber dann überwand ich mich und verkündete auf der Landstrasse die frohe Botschaft von der Erlösung." Die Wirkung dieser Predigten ist gewaltig. Unter freiem Himmel, auf riesigen Plätzen, in eigens aufgeschlagenen Hallen lauschen Unzählige seinen Erweckungspredigten. Schonungslos werden Freidenkertum und religiöse Gleichgültigkeit gegeisselt, eindringlich wird das Gericht Gottes geschildert, bezwingend wird zur Umkehr gerufen, mit beredten Worten die Kraft der Gnade und der Sündenvergebung verkündigt. Und die Menschen stehen wie gebannt, erschüttert, aufgewühlt bis zur körperlichen Reaktion. Und wenn die Prediger aufrufen, sich "erwecken" zu lassen, sich ganz der Gnade Gottes auszuliefern, dann drängen sich die Hörer herzu und sinken in die Knie.

Webseiten:
Freikirchenverband in der Schweiz: www.freikirchen.ch
Freikirchenverband in Deutschland: www.vef.de

Quellen: Wegener: Die Kirche lebt/ Livenet.ch


Autor: Fritz Imhof

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