Kommentar

Paulus – die Gebeine oder das Leben?

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Szene aus dem Film "Paulus von Tarsus I" (Johannes Brandrup als Paulus).
Wenn die römische Kirche um den Völkerapostel einen Reliquienkult entwickelt, wie es ihr zuzutrauen ist, wird Paulus bald Anlass haben, sich im Grab umzudrehen.

Die Mitteilung des Vatikan, die Gebeine im untersuchten Sarkophag dürften von Paulus stammen, unterstreicht einerseits, dass die Bibel (im Gegensatz zu den Mythen der meisten Religionen) Facts berichtet. Die Apostelgeschichte des Lukas erzählt, wie der als Pharisäer geschulte Theologe das Evangelium vom auferstandenen Christus von Vorderasien nach Europa trug; sie schliesst mit seinem Hausarrest in Rom. Der Apostel Paulus wurde nach den ältesten Quellen unter Kaiser Nero in Rom hingerichtet.

Andererseits weckt die „Sensation" ungute Gefühle. Der Kult um die Gebeine von Menschen, die Gott durch seinen Geist erneuerte und zu herausragenden Taten befähigte, gehört zu den absonderlichen Verirrungen der Kirchengeschichte. Im Mittelalter erreichte der Kult seinen Höhepunkt, aber der unsägliche Rummel um Padre Pios sterbliche Überreste in Apulien zeigt seine Langlebigkeit an - dort, wo die Kirche ihn stützt. Das gläubige Italien will seinen Wundertäter verehren.

Gegen das urtümliche Verlangen, dem ‚Heiligen‘ nahezukommen und von ihm Segen zu empfangen, scheint auch mit der Aufklärung kein Kraut gewachsen zu sein (der Nimbus um international wirkende Heilungsprediger profitiert davon). Dem gegenüber ging es schon immer darum, dass Christinnen und Christen dem Auferstandenen folgen - nicht seinen wunderwirkenden irdischen Nachfolgern.

Paulus‘ Motto war „in Christus". Inspiriert von den Worten des Auferstandenen, der ihn vor Damaskus umgeworfen hatte, gestaltete er sein Leben so, dass es von ihm zeugte, dem Herrn über alle Mächte und Geister der Welt. „Ist jemand in Christus, so ist er neue Schöpfung": Das war Paulus abzuspüren.

Die Kühnheit seiner Unternehmungen beeindruckt die Menschen nach wie vor. Als jüdischer Intellektueller bekannte er sich zur gekreuzigten Unperson Jesus und scheute die Schmach des Ausgestossenen nicht. Er gab den Komfort auf, liess sich mit Nichtjuden ein und setzte für die jungen christlichen Gemeinden alles aufs Spiel. Lebensgefahr und Jahre hinter Schloss und Riegel gehörten dazu. Paulus blieb dran. Seine Briefe lassen in ein Kämpferherz blicken, in dem der Heilige Geist den Puls gibt, in dem aber auch der Widerstreit der Gefühle wogt.

Dieser Paulus ist neu zu entdecken, römischer Sarkophag hin oder her.

Artikel zum Thema: Archäologische Sensation in Rom: Knochen sollen von Paulus stammen

Datum: 01.07.2009

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