Kommentar: Vergiftet Religion die Welt?

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Wäre das Leben ohne die religiöse Dimension wirklich einfacher?
Was militante Gottlose in ihren Bestsellern behaupten, wird zum Talk-Futter. Eine TV-Runde bei Sandra Maischberger suchte Antworten, indem sie innerkatholische Kontroversen verhandelte.

Sähe die Welt ohne Religion besser aus? So polemisch die Frage, so schräg der Streit. Da Maischberger ausschliesslich Katholiken und Ex-Katholiken eingeladen hatte, geriet die Talkshow zu einer Debatte über die römisch dominierte Kirche. „Ich hab mich unheimlich vor dem Teufel gefürchtet“, sagte der Kinderbuchautor Janosch, ein Jesuitenzögling, der den auf Kinder und Jugendliche ausgeübten Zwang anprangerte und in seinen alten Tagen gar nichts Bestimmtes mehr glauben will. Dagegen empfand Peter Scholl-Latour, zur selben Zeit in einem strengen Internat geschult, die Kirche „als etwas Schützendes“. Er habe sich nicht vor der Hölle gefürchtet, sie sich auch nicht ausgemalt, sagte der mit 83 erstaunlich vitale Star-Reporter.

Angst machende Hölle

Vom Angriff der Gottlosen (Dawkins, Hitchens und Co.) war in der Runde weniger die Rede als von Wunden, die die römische Kirche ihren Schafen zufügt. Der Ex-Katholik Horst Herrmann (1979 hatte Rom ihm die Lehrerlaubnis als Theologieprofessor entzogen) beklagte in kaltem Zorn Denk- und Gefühlstabus; die Angst vor dem Höllenfeuer habe ihn in schwere Gewissensnöte gebracht. Im Beichtstuhl seien Gläubige von Angst geschüttelt worden, nachdem sie am Fastentag Fleisch verzehrt hatten. Die Nonne Sr. Jordana, Sprecherin des ‚Worts zum Sonntag’, unterstützt vom Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek, verwies demgegenüber auf positive Gotteserfahrungen, auf die Freude, dass „Gott zu dir steht“, dass er konkret hilft und in der feiernden Gemeinschaft gegenwärtig ist.

Wohin driftet eine ‚Gesellschaft ohne Glaubenskern’?

Die von den militanten Gottesleugnern geführte Attacke wurde in der Frage aufgenommen, ob eine „Gesellschaft ohne Glaubenskern“, welche die letzten Fragen nicht mehr stellt (Matussek), riskanter sei. Sie wurde kaum andiskutiert – denn Sandra Maischberger schaltete den führenden Romkritiker Hans Küng zu. Dieser brachte den Hauptgehalt der Sendung auf den Punkt: dass die Kurie, die Kirchenleitung im Vatikan, „viel zu weit weg ist vom Evangelium“. Statt ihrem im Mittelalter geschaffenen Kirchenrecht zu gehorchen, solle die katholische Kirche Jesus von Nazareth ernst nehmen, sagte der weltbekannte Tübinger Theologe.

Er anerkannte die Dialogbereitschaft des amtierenden Papstes. Benedikt XVI., einst Professorenkollege, habe ihn nach 27 Jahren vatikanischen Schweigens (unter Johannes Paul II.) zu einem langen Gespräch empfangen, bei welchem nicht die Meinungsverschiedenheiten im Zentrum standen.

Protestanten als quantité négligeable

Christen ohne katholische Prägung brachte die Sendung keine zu Gehör. Die pointiert diskutierende Runde kam – wenig überraschend – nur beiläufig auf Protestanten zu sprechen. Dass die Reformation der Freiheit des einzelnen Christenmenschen unter Gott den Weg bahnte und ihre Vertreter trotz aller katholischen Anfeindung Europas Aufbruch in die Moderne lancierten, war kein Thema.

Heute hat – wenn Maischbergers Runde als Indikator gelten kann – Anderes Gewicht: Die Sinnlichkeit der katholischen Messe, die Geborgenheit, welche in der Weltkirche auch angesichts ihrer Tradition erfahren werden kann, und ihre medialen Events rücken sie in den Vordergrund. Die römisch regierte Kirche hat Profil, weil sich ihre Vertreter viel öfter als Protestanten querlegen und politisch unkorrekt auftreten. Sogar der Machtmissbrauch über Jahrhunderte trägt dazu bei: Viel Feind, viel Ehr.

Starke Gegendosis nötig

Dass dabei das positive, ermächtigende und beglückende Potenzial des christlichen Glaubens zu kurz kommt und verblasst, ist schade. Die Beschäftigung mit dem in seiner Tradition gefangenen Katholizismus droht den Blick aufs Wesentliche zu verstellen. Wenn Fernsehmacher wie in diesem Fall reisserisch fragen, ob Religion die Welt vergiftet, ist eine starke Dosis Glaube, Liebe und Hoffnung notwendig. Landauf landab wird sie gegeben, Gott sei Dank.

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Janosch
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Schwester Jordana
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Peter Scholl-Latour
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Horst Herrmann
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Matthias Matussek
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Hans Küng

Mehr zu den Diskussionsteilnehmern

Datum: 15.11.2007

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