Die Mönche im Wüstenkloster am Sinai gehen modernste Wege, um der grössten Handschriftensammlung der Welt gerecht zu werden.
Seit Jahrhunderten schlummern im Katharinenkloster im Sinai einzigartige Schätze. Direkt am Fusse des Mose-Berges befindet sich eine aussergewöhnliche Ikonensammlung. Doch weit bedeutender ist die Bibliothek. Es ist die älteste und grösste gewachsene Handschriftensammlung der Welt. Hier hatte 1844 Konstantin von Tischendorf uralte Pergamentblätter in einem Abfallkorb entdeckt. Die Seiten entpuppten sich als Teil einer griechischen Bibelhandschrift von 350 n. Chr.
1859 entdeckte Tischendorf weitere Teile dieser Handschrift mit dem gesamten Neuen Testament und grossen Teilen des Alten Testaments. Unter dem Namen Codex Sinaiticus wurde die griechische Handschrift weltberühmt. Es ist die älteste komplette Abschrift des Neuen Testaments.
Vergessene Kapelle
Im Mai 1975 wurde im Rahmen von Unterhaltsarbeiten in der Nordostmauer des Klosters ein Raum unter der St.-Georgs-Kapelle freigelegt. Er war in Vergessenheit geraten und zugemauert gewesen. Die Trümmer des eingestürzten Daches hatten alles mit Schutt und Abfall angefüllt. Bei den mühsamen Aufräumarbeiten wurden Bruchstücke von Pergamenthandschriften entdeckt. Drei Wochen vergingen mit der Bergung, Säuberung und ersten Sichtung der Funde.
Die Ausbeute war enorm. Sie umfasst 1148 Handschriften, bzw. deren Reste. Vieles davon sind Texte liturgischer Art. Für die Bibelforschung sind die über 70 neutestamentlichen Handschriften von grossem Interesse. Der wichtigste Fund stammt aber aus dem Alten Testament: Es sind 12 Blätter und ein Fragment aus dem Codex Sinaiticus, sowie Teile aus 4. und 5. Mose und aus dem Buch Richter.
47 grosse Kisten voller Fragmente
Ferner wurde ein Blatt aus dem Hirten Hermas entdeckt, einer Schrift, die die frühe Kirche gerne las, aber die nicht in den Kanon aufgenommen wurde. Die Bergung der Funde ergab 47 grosse Kisten voller Fragmente. Um nicht von Wissenschaftlern und Journalisten aus aller Welt überrannt zu werden, wollten die Mönche den Fund geheimhalten. Nur griechischen Gelehrten aus Athen waren die neuen Funde zugänglich. Aufgrund der Indiskretion eines griechischen Forschers erfuhr 1978 die Weltöffentlichkeit durch eine Meldung in der FAZ, dass im Sinai-Kloster «Aufsehen erregende Handschriften- und Ikonenfunde» gemacht worden seien.
1981 informierte der Erzbischof der Sinaiten, seine Eminenz Damianos, die Fachwelt auf dem Wiener Byzantistenkongress. Da aber keine Fotos veröffentlicht wurden, blieben die Informationen sehr vage. Das Professorenehepaar Aland von der Neutestamentlichen Textforschungsstelle in Münster konnte Ende 1981 nach langen Gesprächen den Erzbischof überzeugen, ihnen die neutestamentlichen Funde zugänglich zu machen.
Im Sommer 1982 arbeiteten die deutschen Textspezialisten während zwei Wochen fast Tag und Nacht im Kloster. Mit Mikrofilmen von 67 NT-Handschriften kehrten sie nach Münster zurück. Im Gepäck dabei war auch ein Exklusivvertrag zur Veröffentlichung der Funde. Aufgrund von Abstimmungsproblemen zwischen Münster und dem Kloster steht sie allerdings immer noch aus.
Im Arbeitsraum der Klosterbibliothek bedeckt ein schwerer roter Samtvorhang eine grosse Vitrine. Lichtgeschützt hinter Glas liegen so grossformatige, helle Pergamentblätter, biblische Schriften, 1700 Jahre alt. Die Schrift ist leicht verblasst, aber immer noch gut leserlich. Der untere Teil der Handschrift wurde durch Wasser beschädigt. Neben dem Codex Sinaiticus liegt der Codex Syriacus, die älteste syrische Evangelienschrift von ca. 380 n. Chr.
Dem Arbeitsraum angegliedert ist ein modernes Labor. Das uralte Kloster geht modernste Wege, um den Anforderungen um das Weltkulturerbe gerecht zu werden, denn das weltweite Forscher- und Medieninteresse an dem ältesten Kloster der Christenheit hält unvermindert an.
Labor mit Hightech
Doch für die Mönche stellt schon der immense Touristenandrang ein Problem dar. Denn eigentlich sind die knapp 20 Mönche hier, um in der Abgeschiedenheit ihre geistlichen Übungen abzuhalten und nicht, um alte Schriften zu hüten. Die alten Manuskripte brauchen besondere Pflege. Dafür ist das Labor mit Hightech ausgestattet: Computer mit Notstromaggregaten und ein digitales Fotostudio.
Mit Spezial-Digitalkameras werden die Handschriften Blatt für Blatt fotografiert. Das Ergebnis am Computer ist verblüffend. Die Handschrift ist viel klarer und bis in die kleinsten Details auf dem Bildschirm zu erkennen. «Wir werden der Fachwelt alle Fotos der Handschriften auf CD-ROM weltweit zugänglich machen», erklärt Bruder Justin, «dann brauchen die Wissenschaftler nicht mehr in unser Kloster zu reisen.» Künftig sollen via Internet sogar Eilanfragen nach einer bestimmten Textstelle in kürzester Zeit beantwortet werden.
Das Labor war und ist für Pilgergruppen geschlossen. Doch kurz vor Weihnachten eröffnete das Kloster ein Museum, in dem die wichtigsten Funde und bedeutendsten Ikonen für die Allgemeinheit ausgestellt sind.
Spekulationen und Sensationsberichte über die Bedeutung der alten Texte wird es immer wieder geben. Doch beim Betrachten der uralten Dokumente sollte man sich die Worte von Prof. Kurt Aland vergegenwärtigen. Er sagte als Fazit aus seiner Forschungstätigkeit: «Das Neue Testament ist hervorragend überliefert, besser als alle anderen Texte aus jener Zeit. Die Aussicht, dass sich Handschriften finden, die seinen Text grundlegend verändern, ist gleich Null.»•
Datum:
29.05.2002 Autor: Alexander Schick Quelle: factum Magazin
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