Ehemaliger Verdingbub Walter Steck

«Frommes Gesülze macht nicht satt»

Walter Steck hätte allen Grund ein Griesgram zu sein. Doch aus seinen Augen blitzt Schalk. Sein Humor und sein Glaube an Gott geben dem einstigen Verdingbub die Kraft zu leben.

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Szene aus dem Film «Der Verdingbub», der momentan in Schweizer Kinos läuft.
Walter Steck nippt an seinem Thymiantee: «Autsch, jetzt habe ich mir die Lippen verbrannt», klagt der 65-Jährige – um kurz darauf breit zu grinsen, denn der Tee ist schon lange kalt. Walter Stecks Erinnerungen an seine Zeit als Verdingkind jedoch noch warm. «Ohne meinen Humor wäre ich nicht mehr am Leben», erklärt Walter Steck. Wo er am Tisch sitzt, gibt es immer etwas zu lachen. Das erleben auch die Besucher des «Open Heart», einem Zürcher Quartiertreff von der Heilsarmee für Menschen in Not. Hier engagiert sich der Jungpensionär an manchen Wochenenden.

Leben ohne Liebe

Er kann ihnen nachfühlen, den Menschen, die im «Open Heart» ein wenig Nestwärme und Nahrung suchen. Auch Walter Steck lebt sehr bescheiden. Aber was er geben kann, das gibt er gerne.

Geboren 1946 in Rüti ZH, geben seine Eltern ihren Sohn aus unbekannten Gründen früh in fremde Obhut. «Walterli» leidet oft Hunger, muss hart anpacken und wird körperlich schwer misshandelt. Auch die Schulstunden werden ihm rationiert. Lieber nutzt man ihn als billige Arbeitskraft. Das Traurige: Fromme Leute fügen ihm jenes unsägliche Leid zu.

Wo ein Wille ist …

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Walter Steck
Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz macht Walter Steck seinen Weg. Er schliesst eine Gärtnerlehre ab, arbeitet auf zwei Bankinstituten («Ich wollte Krawatte tragen.») und in der Industrie. Doch es zieht ihn zu den Menschen. («Ich wollte etwas Soziales machen.») Er lernt Krankenpfleger, reist nach Lateinamerika, engagiert sich karitativ. Mit 35 Jahren gründet er in Horgen ZH die «Krankenpflege – Notruf Walter Steck AG». Er hat Erfolg, feiert das Leben – und trägt wieder Krawatte. Die Heirat mit einer Kolumbianerin und die Geburt seines Sohnes Mateo fallen in diese Zeit.

Gutmütigkeit mit Folgen

Doch Walter Steck meint es zu gut mit den Menschen und wird von einigen schamlos ausgenutzt. Er verliert Firma und Vermögen, ist seit zwölf Jahren geschieden. «Ich habe nie gelernt, mich zu wehren. Das ist ein Überbleibsel aus meiner Kindheit, mit dem ich zu kämpfen habe», erklärt Walter Steck. Mit bescheidensten Mitteln zieht Walter Steck seinen Sohn im Alleingang gross. Mateo, 17, ein begnadeter Saxophon-Spieler, ist sein ganzer Stolz. Etliche Notsituationen haben die beiden zusammengeschweisst. Mit unermüdlicher Vaterliebe – nicht mit Geld – ist dieses Band geknüpft.

Liebloses Geplapper

Über philosophische Literatur stösst Walter Steck eines Tages auf die Bibel. Er findet zum Glauben an Jesus Christus, schliesst sich einer Freikirche an und lässt sich taufen. Auf die Frage hin, wie er die durch Christen erlittene Schande mit seinem Glauben vereinen kann, antwortet er bestimmt: «Es waren Menschen, die mir das angetan haben, nicht Gott.»

Walter Steck ist ein belesener Mann, doch leeres Gerede kann er nicht ausstehen. «Wüssed Sie Herr Steck, sie müend halt alles am Herr Jesus anälege», habe ihm einmal eine tiefgläubige Frau geraten, als er Hunger und keinen roten Rappen hatte. «Frommes Gesülze macht nicht satt», ärgert sich Walter Steck. «Mir kommt da Jesus in den Sinn, der die Händler total wütend aus dem Tempel geschmissen hat (Die Bibel im Markus-Evangelium, Kapitel 11, Vers 15). Viele Christen vergessen oft, dass sie in ihrem eigenen Tempel aufräumen müssen. Sie sehen den Dreck immer nur bei den Anderen.»

Gelebter Glaube

Heute hat sich Walter Steck der Heilsarmee angeschlossen. «Hier gefällt es mir, sagt er. Da wird nicht gefaselt, da sind die Macher.» Er selbst lebe nach dem biblischen Leitspruch «Was ihr für einen der geringsten Mitmenschen getan habt, das habt ihr für mich getan.» (Jesus im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25, Vers 40). Einmal habe er eine Tasche voll vergünstigter Chlaus-Säckli gekauft und am Zürcher Stauffacher zusammen mit Mateo an Bedürftige verteilt. «Sie können sich das Leuchten in den Augen nicht vorstellen», erinnert sich Walter Steck und sinniert: «Es braucht so wenig, um Anderen eine Freude zu bereiten. Ich kann selbst noch so tief im Elend stecken. Solche Erlebnisse richten mich immer wieder auf.»

Zum Thema:
NZZ-Artikel über Walter Stecks Verdingzeit
Infos über den aktuellen Kinofilm «Der Verdingbub»
Infos über die aktuelle Ausstellung über Verdingkinder


Autor: Manuela Herzog
Quelle: Livenet

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