Vom Kriegsopfer über Alkohol und Drogen zum Pastor - das Leben von Gero Herrendorff hat kaum eine Klippe ohne Schiffbruch ausgelassen.
Meine Eltern stammten aus dem Baltikum. 1939 wurden sie nach Posen umgesiedelt. Dort kam ich zwei Jahre vor Kriegsende 1943 zur Welt. Als Zweijähriger erlebte ich 1945 meine erste Flucht vor den Russen von Posen nach Berlin.
Bei einem der vielen Tieffliegerangriffe erlitt ich einen ersten schweren Schock, dessen Folge ein starkes Stottern war. Ein zweiter Schock verstärkte das Stottern noch, als ich mit etwa 3 Jahren erlebte, wie meine Mutter von zwei russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Ich soll mit aller Kraft geschrien und am Bettchen gerüttelt haben.
Dieses Handicap prägte den weiteren Verlauf meines Lebens. Nach der Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft wurde die Ehe meiner Eltern geschieden. 1952 flüchtete meine Mutter mit meinem Bruder und mir und meinem heutigen Stiefvater nach Westberlin. Dies bedeutete für mich die endgültige Trennung von meinem Vater.
Meine Behinderung machte mir schwer zu schaffen und ich litt sehr darunter, mich nicht fliessend artikulieren zu können. Dieses Handicap verunmöglichte mir sogar meinen Wunschtraum, Seeoffizier (Kapitän zu See) zu werden. Nach der Schulzeit begann ich die Ausbildung zum Seemann. Irgendwann wurde mir dann klar, dass eine berufliche Offizierslaufbahn durch diese Behinderung wirklich ausgeschlossen war, und ich brach die Ausbildung ab. Dieses Scheitern gab den Ausschlag für meine Flucht in die Sucht.
Alkohol wirkte wie Medizin
Während einer Sprachtherapie mit 16 Jahren fand ich zu meinem Unglück heraus, dass ich mit Hilfe von Alkohol fast fliessend sprechen konnte. Nach einer zweijährigen erfolglosen Behandlung riet mir zu allem auch noch der Arzt, in Situationen, in denen ich zum Sprechen gezwungen wäre, doch die Hilfe von ein wenig Alkohol in Anspruch zu nehmen. Alkohol schien das einzige Mittel zu sein, das mir ganz konkret half.
So wurden meine Weichen damals falsch gestellt. Da ich enorme Mengen an Alkohol vertrug, steigerte sich mein Konsum rasch. Mit 22 Jahren war ich dem Alkohol total verfallen. Da die kritische Menge, die meinen Sprachfehler aufhob, ständig zunahm, sah ich mich auch nach anderen Hilfsmitteln um. Mehr als 2 Liter Whisky pro Tag konnte ich nicht verkraften.
In den Fängen des Suchtsystems - die Schlinge zieht sich zu
Ich begann, den Alkoholkonsum zu reduzieren, und glich den fehlenden Rest mit Medikamenten (Amphetaminen) aus. Dieser Doppelkonsum beschleunigte meine Sucht umso mehr, und ich sackte moralisch, sozial und physisch völlig ab.
Fragen, viele Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Woher, Wozu und Wohin begannen meine Sinne in Beschlag zu nehmen. Verzweifelt suchte ich nach Antworten. Doch fand ich keinen gangbaren Weg, weder bei den grossen Philosophen noch bei den Religionsstiftern, auch nicht in moralischen Programmen und schon gar nicht im Erkenntnisstreben der Wissenschaft. Da ich auf rationalem Weg keine Begründung für den Sinn meiner Existenz finden konnte, wandte ich mich mystischen Einflüssen zu und begann, halluzinogene Drogen zu konsumieren. Diese Trips und rauschähnliche Zustände verhalfen mir zu ganz neuen, grenzüberschreitenden Erfahrungen, aber die Frage nach dem Sinn meines Lebens blieb weiter ungelöst.
Ich begann, mich spiralförmig in diese Sinnlosigkeit hineinzusteigern. Meine Räusche nahmen an Stärke, Häufigkeit und Heftigkeit derart zu, dass ich kaum mehr aus dem Rauschzustand herauskam. Ich realisierte, dass ich mich auf diesem Wege langsam, aber sicher umbringen würde. Ja, ich spürte gar, dass ich dieses "Ziel" zwangsmässig bewusst ansteuerte.
Isolation als die grösste Falle
Die Menschen wurden zum Feindbild, und meine Wut und mein Hass wuchsen gefährlich ins Unermessliche. In wüsten Schlägereien versuchte ich mir etwas Luft zu verschaffen. Auch einige kleinere Siege, errungen durch widerliche okkulte Kraftspielchen, konnten meinem kaputten Selbstwertgefühl nicht mehr auf die Beine helfen. Verschiedene gerichtsmedizinische klinische Zwangsentzugs-Einweisungen blieben ohne Erfolg. Mit der Diagnose einer unheilbaren Polytoxikomanie wurde ich, als hoffnungsloser Fall, aus einer psychiatrischen Klinik entlassen. Ich selbst hatte mich aufgegeben. Ich befand mich in einem Zustand der totalen Sinn- und Hoffnungslosigkeit. In dieser Zeit war ich 10 Jahre verheiratet und habe aus dieser Ehe eine erwachsene Tochter. Die Ehe wurde Anfang 1976 wegen Zerrüttung geschieden. Danach lebte ich 10 Jahre allein. Einige Jahre nach der Scheidung starb meine erste Frau infolge schwerer Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit an Leberzirrhose.
Gott zeigt sich den Elenden besonders eindrücklich
Tief in meinem Elend versunken, hatte ich eines Abends ein aussergewöhnliches Erlebnis. Ich hatte eine Vision, in der ich eine regelrechte Gerichtsverhandlung erlebte, bei der ich zum Tode verurteilt wurde.
Aus dem Gitterfenster der Gefängniszelle sah ich, auf meine Hinrichtung wartend, wie in einiger Entfernung auf einem Hügel ein Holzkreuz errichtet wurde. Ich spürte, dass man mich jeden Augenblick abholen würde. Doch dann sah ich, wie ein anderer an dieses Kreuz geschlagen wurde. Der Schrecken blieb mir in den Gliedern stecken. Wie gebannt starrte ich auf dieses Geschehen. Danach kam jemand auf mich zu und erklärte: "Du bist frei, du kannst gehen!" Völlig verwirrt fragte ich stockend, warum ich denn jetzt plötzlich frei wäre. Die Antwort durchzuckte meinen ganzen Leib: "Ein anderer ging für dich an das Kreuz. Er nahm deine Strafe auf sich … Du kannst gehen!"
Darauf verschwand die Erscheinung, und das Kreuz begann sich in gleissendes Licht zu verwandeln. Mein ganzes Zimmer wurde davon erfüllt. Solch ein Licht sah ich bis dahin noch nie. Dann auf einmal durfte ich den Herrn der Herrlichkeit wahrnehmen. Ich erkannte, dass es Jesus Christus war, den ich am Kreuz für meine Schuld hängen sah. Er gab sich mir als mein Schöpfer und Erlöser zu erkennen, und mir war, als sagte er: "Ich habe für dich bezahlt. Willst du es glauben?"
Gott überliess mir die Entscheidung, ob ich seine Liebe erwidere
Jesus liess mir die Wahl, sein Opfer anzunehmen oder abzulehnen. Voll Ergriffenheit bat ich ihn, in mein Herz zu kommen. Es war ein unbeschreiblicher, wunderbarer Augenblick, als ich dann in dieses Licht hineingezogen und mein ganzer Leib selbst Licht wurde. Eine tiefe Gewissheit, vollständig erlöst worden zu sein und ewiges, unzerstörbares Leben aus Gott erhalten zu haben, durchflutete mein ganzes Sein. Ich wurde mit einem unbeschreiblichen Glück und Frieden erfüllt, und ich wusste, ich war frei, echt frei! Endlich hatte ich meine Antwort. Meine Suche war zu Ende. Ich konnte alle Dinge in einem neuen Licht sehen, und vieles wurde glasklar. Ich war geplant, gewünscht und tief geliebt von Gott. Diese Erkenntnis bewirkte ein unglaubliches Mass an innerer und äusserer Heilung.
Aller Hass auf die Menschen, alle Aggression und alle Wut waren wie weggeblasen. Anfang, Mitte und Ziel waren mir auf einmal klar. Dadurch, dass Gott mich annahm, so wie ich war, konnte ich das erste Mal in meinem Leben Ja zu mir sagen und mich selbst mit meiner kaputten Vergangenheit annehmen. Die Minderwertigkeitsbarriere wegen meines Stotterns war wie weggerissen. Ich konnte endlich ich selber sein, echt sein, einfach Gero sein und neu zu leben beginnen.
Eine neue Schöpfung - anfällig für das Alte
Ich war tatsächlich ein neuer Mensch. Mit dem Verstand konnte ich diesen Vorgang nicht fassen. Auch viele meiner alten Freunde waren sprachlos über meine plötzliche Wandlung und versuchten vergeblich, für diese Vorgänge eine plausible Erklärung zu finden. Für sie war ich ein lebendiges Wunder. "Wie kann ein so kaputter Mensch wie Gero sein Leben von einem Tag auf den anderen um 180 Grad wenden?" hörte ich sie sagen. Nähere Bekannte und Freunde bestätigten mir, dass ich in etwa einem Monat um 10 Jahre jünger aussah. Tatsächlich glaube ich heute an Wunder, denn ich bin eines! Ich danke Gott von ganzem Herzen. Ihm allein gehört mein Leben.
Mich beschäftigte von da an nur noch ein Wunsch: Ich wollte ausschliesslich und ganz für Jesus Christus leben und arbeiten. In den ersten Monaten nach meiner Wiedergeburt entfaltete ich einen unbändigen geistlichen Eifer. Bibelstudium, Fasten und Beten gehörten zu meinen tiefsten Bedürfnissen. Ich lernte verschiedene Gemeinden kennen, die in ihren eigenen Reihen zwar die Liebe Jesu praktizierten, sie aber nicht nach aussen trugen. Die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Denominationen machte mir schwer zu schaffen. Die gegenseitige Kritik, die Besserwisserei und Ablehnung liessen mich nirgendwo ruhen. So begann für mich eine lange und tragische Odyssee.
Weil ich die geglaubte Einheit nicht verwirklicht fand, begann ich ein schweres Misstrauen gegen jegliche Art von Christen zu entwickeln und zog mich zurück. Doch als "Solochrist" konnte ich nicht leben. Mit der ersten Zigarette begann eine fatale Entwicklung. Sukzessive geriet ich wieder in die Fallstricke der Sucht, bis ich stärker von Drogen abhängig war als je in meinem Leben zuvor. Heroin, Kokain, Mescalin, LSD, Pilzsubstanzen und dergleichen wurden für weitere eineinhalb Jahre meine täglichen Begleiter. Innerlich zerriss mich diese Entwicklung immer stärker. Zwar gab ich meinen Glauben an Gott nie auf, aber das Wissen um die Erlösung und die Unfähigkeit, danach zu leben, konnte ich bei klaren Sinnen nicht mehr ertragen. Eines Tages spürte ich bei einem LSD-Erlebnis, dass ich die Grenze vom Irrationalen definitiv überschritten hatte. Ich erlebte buchstäblich die Hölle. Es war Gottes unermessliche Gnade, die mich wieder zurückbrachte.
Eine erneute Rettungsaktion - Jesus gibt nicht auf
Ich wusste, dass dies die letzte Chance war, und traf eine neue, klare Entscheidung für den Weg mit Gott, diesmal aber mit den notwendigen Konsequenzen. In einer zweiwöchigen Fastenzeit erwachte mein Hunger nach Gottes Wort neu. Er erneuerte seinen Bund mit mir und liess mich erkennen, dass ich mich ganz und gar auf Gottes Wort allein verlassen sollte und nicht auf noch so grosse, plötzliche Erlebnisse.
Auf dem Weg zurück zu Gott lernte ich meine heutige Frau Anna kennen. Gott gebrauchte in genialer Weise ihre starke Abneigung gegen Drogen und ihr Suchen nach Gott, um mich wieder "nach Hause" zu holen. Anna ist mir eine grosse Stütze und gleicht viele meiner Schwächen aus. Mein Dienst als Pastor wäre für mich ohne sie schlichtweg nicht denkbar. Seit 1986 sind wir verheiratet und haben zwei süsse, gesunde Kinder.
Super, dass du auf diese Seite gelangt bist. Vielleicht hast du ziellos herumgesurft. Vielleicht hast du «gegoogelt». Wer du auch bist, ich ermutige...