Miteinander in die Arche: Bietet Kirche Familien Geborgenheit?
Je mehr Familien sich von der Kirche fernhalten, desto mehr wird ihr Familie zur Herausforderung. Die Zürcher Reformierten tasten sich an sie heran. Die jährlichen Kirchenpflegertagungen erleben mit „Familie – Lust und Last“ eine Rekordbeteiligung. Durch die Vielfalt familiärer Lebensformen scheint Familie auch als vielschichtige Chance auf.
Wird Glaube immer mehr in der Familie statt in der Kirche gelebt – und hat er sie statt Christus zum Inhalt? Diese Frage stellte die Winterthurer Stadträtin Maja Ingold am 21. Februar in einem Vortrag an der Kirchenpflegertagung auf boldern in Männedorf. Die EVP-Politikerin, die bis 2003 der Kirchensynode angehörte, meint gerade in der kommerzialisierten Weihnachtszeit zu beobachten, dass der Sinn des Lebens „nicht länger in etwas Grossem und Übergeordnetem gesucht wird, sondern im Kleinen und Individuellen. Und da ist die Familie nicht die schlechteste Wahl. Hier kann man etwas bewirken und Gutes für die nächste Generation tun.“
„Familie wird Religion“
An Weihnachten stünden bei der Schweizer Durchschnittsfamilie „weder das Jesuskind noch die Menschwerdung Gottes“ im Zentrum, sondern die Familienfeste. „Wenn etwas Spirituelles dabei mitschwingt, dann ist es die Familie, die zur Religion wird.“ Die Winterthurer Sozialvorsteherin skizzierte den Bruch mit der Vergangenheit, als die Kirche die Religion bestimmte, damit dem Leben einen Rahmen gab und Normen durchsetzte. Mit soziologischen Daten (Dubach/Fuchs
Wann tritt Familie an die Stelle der grösseren Gemeinschaft? Maja Ingold bei ihrem Vortrag.
2005) belegte sie, dass in der Familie Religion oft unabhängig von kirchlichen Vorgaben gestaltet wird. Nur noch für einen Teil der Bevölkerung sei die Kirche „die Heimat oder wenigstens eine nahe liegende Lebenswelt.“ Die Familie bildet „den entscheidenden Rahmen, aber auch den Filter für die ersten Begegnungen mit der Kirche.“
Nischen und Leerstellen
Maja Ingold mahnte die versammelten KirchenpflegerInnen, Pfarrer, Diakone und Katechetinnen, Bedürftige und Bildungsferne einzubeziehen. „Wer kommt nicht in die kirchlichen Familienveranstaltungen? Wer soll gar nicht kommen, weil es viel zu schwierig wird?“ Auch viele einheimische Familien seien sozial kaum integriert und nicht in der Lage, ihre Kinder zu fördern ohne Anleitung. Die Landeskirche richte sich meist an die Gut-Informierten und Gebildeten. „Sind wir nicht doch ein hochschwelliger, wenn nicht elitärer Insider-Verein?“
Familie – Kirche – Politik
Jüngere Familien hätten trotz Verarmungsgefahr keine Lobby, hielt Ingold fest und erwähnte die Alleinerziehenden. In der Migros sehe sie ein weiteres Spektrum von Menschen als in der Kirche. Wenn diese sehen wolle, was sie für Familien tun könne, müsse sie „in all die Nischen und Leerstellen blicken, die im Glanz von erfolgreichen Projekten gern vergessen werden“. Um ein Kind aufzuziehen, brauche es ein ganzes Dorf (so das afrikanische Sprichwort) – und auch die Kirche, die im Dorf bleibt! Die Kirche müsse überdies Familienpolitik betreiben.
Gab es je heile Familienwelt?
Viel ist möglich – packen wirs an! Andreas Manig im Workshop.
Die an sieben Wochenenden durchgeführte Kirchenpflegertagung im Studienzentrum boldern bei Männedorf konfrontiert mit der heutigen Familienvielfalt aus verschiedenen Blickwinkeln. Auch acht Workshops können zwei besucht werden. Darin geht es um die Entlastung von Familien mit Kindern und Jugendlichen, Feiern und Rituale, den Umgang mit Trennung, Familienbilder und soziale Milieus. Am 22. Februar diskutierte Pfr. Andreas Manig mit den Teilnehmerinnen, wie der Glaube mit Kindern zur Sprache gebracht, gelebt und gestaltet werden kann.
Dass diesmal eine Rekordzahl von über 800 Behördenmitgliedern und Angestellten der Zürcher Landeskirche nach Männedorf fährt, verwundert Pfr. Frieder Furler, den Verantwortlichen für Kinder, Familie und Unterricht, nicht: "Über 50 Prozent der Bevölkerung lebt in Haushalten mit Kindern und Jugendlichen. Die Formen der Familie haben sich in den letzten Jahrzehnten vervielfältigt. Die Aufgaben der Familie sind im Wandel begriffen." Das sind laut Furler drei gesellschaftliche Gründe, warum das Thema Familie auf grosses Interesse stösst. Und: "Von Seiten der Kirche wächst das Bewusstsein, dass die Familie innerhalb der Kirchgemeinde mehr Raum und Gewicht braucht, wenn die Kirche ihre ‚innere' Mission erfüllen will, den Glauben von Generation zu Generation weiter zu schenken."
Familienfreundliche Kreativität
Herausforderung und Chance: Kirchenrätin Helen Gucker, Pfr. Frieder Furler und Maja Ingold in Männedorf.
Vier Landeskirchen (SG, ZH, BE, AG), die familienfreundlicher werden und das Miteinander der Generationen stärken wollen, haben sich vor Jahren im Netzwerk ‚familien-kirche‘ verbunden. Die Zürcher Landeskirche setzt in der neuen Kirchenordnung ein Signal, indem sie sich im Artikel 6 verpflichtet, „für die Familie, für das Miteinander der Generationen und für eine kinderfreundliche Gesellschaft“ einzutreten.
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