Lesen und Schreiben sind die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Daran erinnert der «Welttag der Alphabetisierung» jedes Jahr am 8. September. Doch vielerorts ist dies noch immer ein Privileg. Ein niederschwelliges Programm für Alphabetisierung in Peru zeigt: Der Weg ist weit, aber die Perspektive gut.
Da nicht wenige Teilnehmerinnen des Alphabetisierungsprogramms alleinerziehende Mütter sind, bieten «mission 21» und ihre peruanische Partnerorganisation an einzelnen Standorten in Lima Horte mit Kinderprogramm während des Unterrichts für ihre Mütter an.
Ein Backsteinhaus an einem Steilhang im Distrikt Carabayllo, eine Slumgegend im Norden der peruanischen Hauptstadt Lima. Am Eingang zum Unterrichtsraum hängt ein Transparent mit der Aufschrift «Bienvenidos»: Willkommen zum Alphabetisierungsprogramm des evangelischen Entwicklungsdienstes ALFALIT in Peru zur Förderung von benachteiligten Frauen. «mission 21» unterstützt und begleitet dieses Entwicklungsprojekt. Denn für die christliche Organisation, ein Werk der evangelisch-reformierten Kirchen, haben alle ein Recht auf Bildung.
Eine einheimische Lehrerin Mitte dreissig – sie hat ursprünglich selber im Alphabetisierungsprogramm schreiben und lesen gelernt und das staatlich anerkannte Lehrdiplom erlangt – zeigt einer Kursteilnehmerin, wie man den Bleistift hält. Die erwachsene Schülerin schreibt zaghaft Buchstaben auf ein Blatt Papier. Ihre etwa gleichaltrige Kollegin, auch sie mit indigenen Gesichtszügen, schaut ihr gedankenversunken zu: Es ist nicht einfach, als Erwachsene von Grund auf schreiben und lesen zu lernen. Diese beiden Frauen sind keine Einzelfälle in Peru: Die öffentlichen Schulen in Peru sind schlecht. Drei Viertel der Menschen im südamerikanischen Andenstaat, die weder lesen noch schreiben können, sind Mädchen und Frauen.
Den Kindern bei den Hausaufgaben helfen
Der Grund, um am Alphabetisierungsprogramm teilzunehmen, ist oft ein ganz simpler. So sagt zum Beispiel Ana Balboa Zeballos: «Ich will mehr lernen, weil ich meine Enkel bei den Hausaufgaben unterstützen will. Kinder wollen immer alles wissen. Jetzt lerne ich, wie ich ihnen antworten soll.» Und Luzmila Herrera erzählt: «Es ist wichtig, ständig dazuzulernen. Es heisst ja auch, dass man nie zu alt ist, um etwas zu lernen. Viele von uns arbeiten ehrenamtlich im Quartier, zum Beispiel in der Kirchgemeinde, wo wir Kinder unterrichten. Deshalb müssen wir uns auch weiterbilden.»
100 bis 120 Frauen, von der Teenagerin bis zur Grossmutter, besuchen jedes Jahr solche Kurse, die in Volksküchen oder Gemeindezentren stattfinden. Seit gut zwei Jahren ist das Alphabetisierungsprogramm, das einen iberoamerikanischen Preis erhalten hat, auch im südlichen Departement Puno im karg besiedelten Hochland aktiv.
Das Alphabetisierungsprogramm von ALFALIT und «mission 21» versetzt keine Berge. Aber es kann Vieles bewirken im Leben der einzelnen Menschen: Denn wenn eine Frau lesen und schreiben kann, traut sie sich selber eher zu, Perspektiven für sich und ihre Familie zu entwickeln.