Prominente Protestanten und Katholiken in Deutschland fordern, dass ihre Kirchen zusammengehen. Längst verbinde sie mehr, als sie trenne, halten sie im Appell «Ökumene jetzt» fest.
Der Dom in Erfurt, wo Luther im Kloster lebte.
Den Initianten genügt nicht mehr, dass die Kirchen einander gegenseitig anerkennen: «Wir wollen nicht Versöhnung bei Fortbestehen der Trennung, sondern gelebte Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt.» Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, sagte bei der Vorstellung des Appells am 5. September, der Aufruf sei ein «Ausdruck unserer Ungeduld mit dem Zustand der ökumenischen Bemühungen». Laut Bundestagspräsident Norbert Lammert ist die Trennung der Kirchen nicht länger berechtigt, obwohl die Unterschiede zu anerkennen seien. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker meinte, Amtsinhaber beider Kirchen kämen in Sachen Ökumene «nicht recht vom Fleck».
Theologische Gründe hinfällig
Die nach 1517 eingetretene Kirchenspaltung sei heute politisch weder gewollt noch begründet, heisst es im Appell. «Reichen theologische Gründe, institutionelle Gewohnheiten, kirchliche und kulturelle Traditionen aus, um die Kirchenspaltung fortzusetzen? Das glauben wir nicht.» Offensichtlich gebe es mehr, das katholische und evangelische Christen verbinde als unterscheide. Zwar würden Abendmahl, Amt und Kirchen verschieden verstanden, «entscheidend ist jedoch, dass diese Unterschiede die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen. In beiden Kirchen ist die Sehnsucht nach Einheit gross. Die Folgen der Spaltung werden im Alltag von Christinnen und Christen schmerzlich empfunden.»
Kirchenleiter reagieren unterschiedlich
In einer ersten Reaktion warnte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, vor einer übereilten Kircheneinheit. Eine Überwindung der Kirchenspaltung sei nicht möglich ohne «solide theologische Verständigung». Die gegenseitige Anerkennung der Taufe sei ein Fortschritt. Dass die volle Einheit der Kirche «nicht absehbar ist», bezeichnete der Freiburger Erzbischof als schmerzlich. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sagte Vizepräsident Thies Gundlach, aus evangelischer Sicht sei die Reformation noch nicht vollendet. Auf Ebene der Gemeinde sollte «alles ökumenisch Mögliche und von beiden Seiten Gewollte» nicht nur zugelassen, sondern auch bestärkt und durch gemeinsame Zeichen belebt werden.
«Besondere Verantwortung im Land der Reformation»
Zu den 23 Erstunterzeichnern zählen neben Lammert, Thierse und von Weizsäcker der Journalist Günther Jauch, SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, die CDU-Minister Annette Schavan und Thomas de Maizière, die Grünen-Politikerin Antje Vollmer, der Maler Andreas Felger und der Soziologe Hans Joas. Sie fordern entschlossene Schritte, anlässlich des 50. Jahrestags des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) und im Blick auf die 500-Jahr-Feier der Reformation im Jahr 2017. «Als Christen im Land der Reformation stehen wir in der besonderen Verantwortung, Zeichen zu setzen und dazu beizutragen, den gemeinsamen Glauben auch in einer gemeinsamen Kirche zu leben.»
Bewusst keine konkreten Forderungen
Lammert sagte, Luther habe die Kirche erneuern, aber nicht spalten wollen. Nach Ansicht Vollmers muss die gemeinsame religiöse Praxis in vielen katholischen und evangelischen Gemeinden aus der Heimlichkeit heraustreten. Dies sei ein Appell an jeden einzelnen Christen. Thierse sagte, die Initianten hätten sich bewusst gegen konkrete Forderungen entschieden. Der lutherische Ökumene-Experte Friedrich Weber wertete den Appell als positives Signal, allerdings bleibe er zu unkonkret. Bis Freitag Nachmittag hatten bereits 2'000 Personen den Aufruf online unterzeichnet.