Evangelisation im 21. Jahrhundert aus der Sicht von Rom
Der soziale Wandel erschüttert die katholische Kirche in westlichen Ländern. Sie sucht daher Wege, um kirchendistanzierten Menschen das Evangelium neu nahezubringen. An der Bischofssynode in Rom gab es ernüchternde Analysen und Ratschläge, aber kein Patentrezept zu hören.
Die katholische Bischofssynode, die vom 8. – 28. Oktober 2012 dauert, erörtert «Die Neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens». 260 Kardinäle, Patriarchen und Bischöfe aus aller Welt überlegen mit 140 Beratern und Beobachtern, wie die römische Kirche den durch die westliche Säkularisierung ausgelösten Einbruch auffangen könnte. Laut dem spanischen Erzbischof Ricardo Blazquez Pérez «entfernen sich viele Menschen von der Kirche, manchmal auf Aufsehen erregende Art, manchmal auch stillschweigend. Was vor vielen Jahren in der Seelsorge noch ausreichte, ist heute nicht mehr genug.»
Gefordert: neuer Eifer
Was soll neu sein bei der katholischen Neuevangelisierung? Mehrfach wurde auf den Satz von Johannes Paul II. verwiesen, sie habe «neu in ihrem Eifer, neu in ihren Methoden, neu in ihren Ausdrucksformen» zu sein – nicht aber im Inhalt. Zum Abschluss der Plenumssitzungen am 17. Oktober unterstrich der Hauptberichterstatter, der Washingtoner Kardinal Donald William Wuerl, «dass jeder Christ per definitionem ein Handlungsträger der Evangelisierung ist».
Papst Benedikt XVI. hatte die Berufung aller Christen zur Heiligkeit betont. Wuerl: «Die Heiligen sind Evangelisten, die durch ihr Lebenszeugnis das Wort Gottes in die Welt tragen.» Der Papst eröffnete am 11. Oktober ein «Jahr des Glaubens». Im Gottesdienst rief er auf zu einer Neubelebung des Glaubens angesichts der «geistlichen Verwüstung», die eine Welt ohne Gott suche und eine innere Leere geschaffen habe.
Basler Bischof: auf die Laien hören
Der Schweizer Vertreter, der Basler Bischof Felix Gmür, forderte in seinem Votum eine vermehrte Berücksichtigung der Laien. Die Kirche müsse ihre bisherige Praxis im pastoralen Bereich überdenken und prüfen, ob Männern und Frauen mehr Verantwortung übertragen werden solle. Fähigkeiten, Erfahrungen und Vorschläge von Laien müssten ernst genommen werden. Die Bekehrung des Einzelnen müsse mit Reformen der Institutionen einhergehen.
Katholisch-orthodoxe Annäherung
Die römisch-katholische Kirchenleitung lässt auch Vertreter anderer Kirchen zu den Teilnehmern sprechen. Am 9. Oktober hatte der Aussenamtschef des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion, zu einer verstärkten Zusammenarbeit der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche aufgerufen. Nur so werde die christliche Antwort auf die Herausforderungen der modernen Gesellschaft wahrgenommen.
Aus Istanbul reiste der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. nach Rom. Er würdigte das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren im Oktober 1962 eröffnet worden war, als einen «Meilenstein der Veränderung». Es habe eine «Rückkehr zu den Ursprüngen» über Studien zu Liturgie, Bibel und den Kirchenvätern und die Hervorhebung der Rolle des Heiligen Geistes gebracht. Seither hätten katholische und orthodoxe Kirche einen «Dialog der Liebe» geführt. Mit Jesus als Eckstein und «der Tradition, die wir gemeinsam haben», sei es möglich, sich gegenseitig besser zu würdigen und «vollständiger den Leib Christi darzustellen».
«Unruhiger Geist der modernen Welt»
Der Brite Rowan Williams, Vorsitzender der anglikanischen Kirchen, würdigte das Konzil ganz anders: Die Kirche sei stark genug für die selbstkritische Hinterfragung gewesen, ob ihre Kultur und Strukturen angemessen waren, um die Glaubensbotschaft mit dem «komplexen, oft rebellischen, immer unruhigen Geist der modernen Welt» zu teilen. Auch 50 Jahre später mühe man sich mit denselben Fragen ab.
Als Vertreter der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen sprach der Bochumer Theologieprofessor Michel Weinrich. Dass man sich im Vatikan mit Neuevangelisierung befasse, bestätige für Reformierte, «dass es bei weitem mehr ist, was uns miteinander verbindet, als uns voneinander trennt. Was könnte eine engere Verbindung sein als das gemeinsame Vertrauen auf die Lebendigkeit des Wortes Gottes und des von ihm immer wieder neu ausgehenden Evangeliums?» Weinrich sagte weiter, es reiche nicht aus, «dass wir uns gegenseitig als Kirchen anerkennen, wenn sich diese Anerkenntnis in unserem Leben nicht wiederspiegelt.»
Jeder Christ erinnert an Jesus
Ins Synodethema nüchtern eingeführt hatte am 8. Oktober Kardinal Wuerl. Neuevangelisierung sei kein Programm, sondern eine Art zu denken, zu sehen und zu handeln, stellte Wuerl klar. Neuevangelisierung sei eine «Art Linse, durch die wir die Möglichkeit sehen, das Evangelium erneut zu verkünden». Es gelte, neues Vertrauen in die christliche Botschaft zu finden, die im schulischen und theologischen Bereich oft verdunkelt werde. Die Christen müssten das heute verbreitete «Peinlichkeits-Syndrom» überwinden, das mangelnde Vertrauen in die «Wahrheit des Glaubens und in die Weisheit des kirchlichen Lehramts». Zudem müssten sie mehr bereit sein, den Glauben mit Anderen zu teilen. Jeder Christ sei aufgerufen, in seinem konkreten Lebensbereich für ein neues Bewusstsein für Jesus zu werben.