Skandale um Kinder-Missbrauch erschüttern die katholische Kirche, aus verschiedenen Ländern kommen Fälle ans Tageslicht. Nun auch in Deutschland.
Die Zahl der Übergriffe sei in Deutschland höher als angenommen, der „Spiegel" berichtet, eine Umfrage bei allen 27 deutschen Bistümern habe ergeben, dass seit 1995 mindestens 94 Kleriker und Laien unter Missbrauchsverdacht geraten seien.
Die katholische Nachrichtenagentur „Kipa" schreibt von einem schmerzlichen Prozess: Für die Opfer, die teilweise jahrzehntelang aus Scham geschwiegen haben. Und auch für den zuletzt in die Schlagzeilen geratene Jesuiten-Orden: Vor zwei Wochen wurden die ersten Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt. Seither hat der Skandal auch die anderen beiden Schulen des Ordens erfasst: St. Blasien im Schwarzwald und das Bonner Aloisiuskolleg. Hinzu kommt die bis 1993 von Jesuiten geführte Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg.
„Aufklärung zwingend"
Der offizielle Kurs des Ordens scheint klar. Das öffentliche Bekenntnis einiger Opfer mache ein Untersuchungsverfahren zur vollständigen Aufklärung der Missbrauchsfälle „möglich und zwingend", betonte der ranghöchste Jesuiten-Vertreter in Deutschland, Pater Stefan Dartmann. Er entschuldigte sich bei den Opfern im Namen des Ordens. Und bat zugleich um Verzeihung für das, „was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigem und genauem Hinschauen und angemessenen Reagieren unterlassen wurde."
Schuld und Versagen
Dieses doppelte Eingeständnis von persönlicher Schuld Einzelner und dem Versagen der Ordensgemeinschaft trifft vor allem bei der jüngeren Jesuiten-Generation auf Zuspruch. Nur eine Aufklärung der Verbrechen „ohne Rücksicht auf den eigenen Ruf oder mögliche finanzielle Folgen" helfe jetzt weiter, schreibt der Rektor der Münchner Hochschule für Philosophie, Michael Bordt, in einem offenen Brief. In der Krise, so betont der 49jährige, stecke auch eine Chance. Hier könnten sich die Stärken des Ordens neu zeigen: die Verpflichtung zu Glaube und Gerechtigkeit, zu Wahrheit und Werten.
Mahnung zur Zurückhaltung Wie hoch im Kreis der älteren Patres die Emotionen gehen, zeigte jüngst eine Äusserung von Eberhard von Gemmingen. In einem Interview mit der „Heilbronner Stimme" verwahrte sich der ehemalige Chefredakteur von Radio Vatikan dagegen, die Jesuiten nun unter einen Generalverdacht zu stellen. Ihm käme die Stimmung vor wie zu Beginn der antisemitischen Pogrome gegen die Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Auch wenn der 73-jährige diesen Vergleich zurückzog: Die Sätze waren in der Welt und nötigten Jesuitenchef Dartmann zu einer öffentlichen Klarstellung. Seine rund 400 Mitbrüder ermahnte der Provinzial inzwischen, sich mit öffentlichen Wortmeldungen zurückzuhalten.
Unterdessen fordert der Skandal erste personelle Konsequenzen. In Bonn gab der Rektor des Aloisiuskollegs, Pater Theo Schneider, seinen Posten zu Wochenbeginn ab. Er halte seinen Rücktritt im Interesse einer lückenlosen Aufklärung für angeraten, hiess es. An der Schule kursierten seit längerem Gerüchte über ein Fehlverhalten eines Paters, der 40 Jahre lang in der Schule arbeitete und erst 2007 aus der pädagogischen Arbeit ausschied. Ob sich bei dem Beschuldigten der Verdacht auf sexuellen Missbrauch tatsächlich erhärtet, ist indes offen.
Vertrauensverlust
Die von den deutschen Jesuiten mit der Aufklärung beauftragte Anwältin Ursula Raue hat jedenfalls alle Hände voll zu tun. Inzwischen erscheint fraglich, ob sie ihren Bericht bis Mitte des Monats abschliessen wird. Und längst belasten die Vorfälle nicht nur die Bildungseinrichtungen des Ordens. Die Missionsprokur der Jesuiten in Nürnberg sah sich am Montag zu einer eigenen Erklärung veranlasst. „Wir verstehen gut, wenn Spenderinnen und Spender aufgrund dieser Vorfälle vom Orden enttäuscht sind oder gar ihr Vertrauen in den Orden und damit auch in unser Werk verloren haben."
Auf der am 22. Februar beginnenden Tagung der Deutschen Bischofskonferenz wollen sich die Oberhäupter der katholischen Bistümer mit dem kirchenweiten Missbrauchsskandal auseinandersetzen, der in der vergangenen Woche durch die Ereignisse an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg Auftrieb bekam.
„Warum wurde vertuscht?"
Der Leiter der Jesuitenschule Canisius-Kolleg, Klaus Mertes, will im Skandal um Schülermissbrauch die jahrelange Geheimhaltung stärker in den Mittelpunkt rücken. „Das Problem ist, dass sich die öffentliche Debatte schnell zuspitzt auf die Täter und dadurch der zweite Aspekt des Missbrauchs überhaupt gar nicht in den Blick kommt", sagte er in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die Frage sei doch, warum vertuscht werde. „Doch nicht, weil die Vertuscher pädophil sind!", betonte er. „Weil das vertuschende System Interessen hat und Ängste."
Mertes hatte im Januar Fälle von sexuellem Missbrauch im renommierten Canisius-Kolleg öffentlich gemacht. Demnach wurden zwischen 1975 und 1983 Schüler systematisch von drei Patres missbraucht. Die namentlich bekannten Täter sind nicht mehr an dem privaten Gymnasium tätig und haben den Jesuitenorden bereits Ende der 80er verlassen. Mertes hatte allen ehemaligen Schülerinnen und Schüler der fraglichen Jahrgänge geschrieben, um die Aufklärung voranzutreiben und sich im Namen der Schule bei den Opfern zu entschuldigen.
„Schuld aufgeladen"
„Die grosse Schuld, die die Institution auf sich geladen hat, ist, dass sie nicht genauer hingeschaut hat, als sie etwas davon hörte", sagte Mertes. Mehrere Opfer hätten bereits 1981 einen Brief an die Kirche geschrieben, der unbeantwortet geblieben sei. Dabei sei es um Missbrauchsfälle in Berlin, aber auch in Göttingen gegangen. Es gehe jetzt darum, dass die Opfer gehört würden. Er bekomme zwar sehr viel Unterstützung von Seiten der Kirche, aber es sei klar, dass eine solche Sache riesige Angst auslöse.
Zwar habe sich der Orden der Jesuiten in den vergangenen Jahren stark reformiert. Der Missbrauch-Skandal werde aber auf jeden Fall ein Einschnitt in die Geschichte der Jesuiten in Deutschland bedeuten, betonte Mertes. Allein schon, wenn man bedenke, was das für die Beziehung der Mitbrüder untereinander bedeute. „Ich werde mich auch nicht mit Fingerzeigen von meinem Mitbruder distanzieren, auch wenn er Täter geworden ist", sagte der Jesuit. „Die Taten sind verabscheuungswürdig, aber ich stehe neben ihm, er gehört zu mir."
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