Die Emmauskapelle an der A81 an der Tank- und Raststätte «Im Hegau».
Deutsche Kirchen feierten am Sonntag bundesweit den «Tag der Autobahnkirchen» begangen. «Autobahnkirchen sind Rastplätze für die Seele», sagte Pfarrer Ralf Steiner in einem vom ZDF übertragenen Fernsehgottesdienst aus der Autobahnkirche Vlotho-Exter in Westfalen. Der Mensch lebe «nicht von Butterbrot und Kaffee allein», sagte Steiner. Ein gutes Wort vom guten Hirten tue der Seele wohl.
Steiner warb für heilsame Unterbrechungen im Alltag als Gelegenheit, die Seele zu pflegen. Zum Auftanken des Wagens fahre man schliesslich auch ganz selbstverständlich von der Autobahn ab, so der Pfarrer in seiner Predigt im ZDF. In der alltäglichen Hektik fehle oftmals die Zeit zum Erinnern oder um über sich selbst nachzudenken.
«Manchmal merkt man überhaupt erst, wenn man mal eine Pause macht, wie müde oder wie beladen man eigentlich ist», sagte Steiner. Umwege führten deshalb oft besser zum Ziel oder könnten helfen, das Ziel neu zu bestimmen.
37 Autobahnkirchen
Die erste Autobahnkapelle wurde 1958 auf Initiative eines katholischen Augsburger Fabrikanten an der Autobahn München-Stuttgart gebaut. Als evangelisches Gegenstück entstand ein Jahr später eine weitere Autobahnkirche im ostwestfälischen Vlotho-Exter. Von den derzeit 37 Autobahnkirchen sind 18 evangelisch, zwölf ökumenisch und sieben in katholischer Trägerschaft. Sie werden von rund einer Million Menschen im Jahr besucht. Zum Aktionstag in den Autobahnkirchen im gesamten Bundesgebiet wurden Andachten und Reisesegen für Autofahrer und Mitreisende durchgeführt.
Dank für Schutz
«Lieber Gott, danke, dass du meine Eltern beschützt. Fahr bitte mit meinem Vater immer im Auto mit», schrieb ein Junge vor wenigen Tagen in das Anliegenbuch der evangelischen Autobahnkirche im nordrhein-westfälischen Vlotho-Exter. Philipp gehört zu der rund eine Million Menschen, die jedes Jahr in die Kirchen und Kapellen an deutschen Autobahnen einkehren: Sie wollen zur Ruhe kommen, rasten, nachdenken, ein Gebet sprechen, eine Kerze anzünden.
Im Sommer täglich 100 Gäste
«Immer wieder bringen die Besucher den Dank für eine sichere Reise und die Bitte um Schutz für liebe Menschen zum Ausdruck», sagt Pastor Ralf Steiner aus dem ostwestfälischen Exter. Seine schmucke Dorfkirche unweit der A 2 wird nicht nur von den Einheimischen, sondern jährlich auch von 32.000 automobilen Reisenden aufgesucht. Er findet es «schön, zwei Gemeinden zu haben» - die ansässige und die, die unterwegs ist.
Die Autobahnkirchen seien «Rastplätze für die Seele», sagte Steiner am Sonntag im ZDF-Fernsehgottesdienst. Für Pastor Steiner und seine Kolleginnen und Kollegen in den 37 deutschen Autobahnkirchen und -kapellen beginnt mit den Sommerferien die Hochsaison. In Vlotho-Exter verdoppelt sich die Besucherzahl von täglich 50 Gästen auf 100, dazu kommen drei bis fünf Reisebusse pro Woche. Für Gruppen, die sich anmelden, hält Steiner Andachten und führt durch die in ihren Ursprüngen aus dem 17. Jahrhundert stammende weiss getünchte Kirche.
Besucher um 7 Uhr
Die ersten Besucher steuern das Gotteshaus schon morgens um sieben an. Männer in Schlips und Kragen entsteigen ihren schweren Limousinen: Geschäftsleute, die einen harten Tag vor sich haben und «hier noch mal zehn Minuten auftanken wollen», so Steiner.
Überhaupt sind Männer unter den Gästen der Autobahnkirchen in der Mehrheit, fanden Forscher der Katholischen Fachhochschule Freiburg heraus. Zwei Drittel der Kirchenbesucher sind über 50 Jahre alt. Den grössten Anteil der Gäste stellen Urlauber, gefolgt von Fahrern, die zu Verwandten oder Freunden unterwegs sind, und beruflich Reisenden. Fast alle gehören einer christlichen Kirche an - überwiegend der katholischen - allerdings halten zwei von fünfen eher Distanz zu Kirche und Gemeinde.
Die evangelische Autobahnkirche Kavelstorf liegt an der A19 Rostock-Berlin
Spontane Besuche
Je zur Hälfte haben die Besucher den Stopp an der Kirche geplant oder fahren spontan von der Autobahn ab, nachdem sie eins der Hinweisschilder gesehen haben. Etliche werden dann zu «Stammkunden», so wie das Ehepaar aus Soest, das auf dem Rückweg von Rügen stets Station in Exter macht: «Danke für diesen Kraftort Autobahnkirche», schrieben sie in das Anliegenbuch.
Wie Krause berichtet, sind es stets örtliche Initiativen aus Gemeinden oder von Privatleuten, die sich dafür einsetzen, eine Kapelle zu bauen oder ein bestehendes Gotteshaus für die zusätzliche Funktion als Autobahnkirche zu öffnen. Die evangelischen Landeskirchen oder katholischen Diözesen müssen den Vorhaben aber zustimmen, ebenso das Bundesverkehrsministerium.
Besucherzahl steigt
Die Besucherzahl in den Autobahnkirchen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Für Ralf Steiner ist das eine Folge des allgemein steigenden Verkehrsaufkommens und des Zwangs zu mehr Mobilität im Berufsleben. Die mobile Gesellschaft sei «immer auf Achse», ohne Rast und Ruhe. «Jedes Auto muss regelmässig zur Tankstelle, aber was ist mit unserer Seele?», fragt der Pastor. Er möchte die Gäste der Autobahnkirche nicht bloß «fitmachen für den ganz normalen Wahnsinn des Alltags».
Wer in Exter Rast macht, soll verändert - und sicherer - weiter fahren. «Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken», verkündet der Bibelvers am Altarbogen der alten Dorfkirche. Darüber will Steiner am Sonntag im Fernsehgottesdienst predigen.
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