Mehrheit der Schweizer für aktive Sterbehilfe

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Über die Hälfte der Schweizer - wie auch der Deutschen - könnte sich vorstellen, die Selbsttötung eines Kranken zu unterstützen; noch mehr scheinen Sterbehilfe-Organisationen zu befürworten.

"Was würden Sie tun, wenn ein schwerkranker naher Verwandter oder guter Freund Sie fragen würde, ob Sie ihm beistehen könnten, wenn er sich mit einem Todesmedikament das Leben nimmt?" So lautete eine Frage, die rund tausend Schweizern vorgelegt wurde. - Fast zwei Drittel, 61 Prozent, wären bereit, ihn beim Selbstmord beizustehen, 36 Prozent würden diesen Wunsch ablehnen. *

Die Umfrage führte das Meinungsforschungs-Institut Isopublic im Auftrag der Zeitschrift "reformiert" im Juli 2008 durch. Dabei zeigte sich auch, dass die Arbeit von Sterbehilfe-Organisationen für annähernd drei Viertel der Befragten eine zulässige "Hilfe im Notfall" ist. 72 Prozent waren dieser Meinung. Alte Menschen, Katholiken und Deutschschweizer zeigten sich dabei skeptischer als Junge, Reformierte und Welsche. Die Mitglieder von Freikirchen heben sich mit nur 48 Prozent Zustimmung vom Gesamtergebnis ab.

Gegen vorschnelle "Lösungen"

Zur Selbsttötung als "allerletzter Möglichkeit im Notfall" bekannten sich 58 Prozent der Menschen; unter den 15- bis 34jährigen waren es 51. Eine "Sünde" ist dieser Schritt, der Umfrage zufolge, nur für ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung.

Für den Zürcher EVP-Kantonsrat Gerhard Fischer (Bäretswil) zeigen diese Ergebnisse in "erschreckender" Weise, dass sich besonders die befragten Jugendlichen der Tragweite dieser Thematik "zu wenig bewusst" seien.

Suizidbeihilfe werde von den betreffenden Organisationen als "Lösung für einen schnellen schmerzlosen und vor allem problemlosen Tod" propagiert. Demgegenüber betont Fischer, dass dies "keine wirkliche Hilfe" sei, weder für die Betroffenen noch für die Hinterbliebenen. Gegensteuer versprächen eine "aktive liebevolle Zuwendung von Mitmenschen" und die gezielte Schmerzlinderung.

Linderung vor Tötung

Der Vorsitzende der deutschen Ärztevereinigung "Marburger Bund", Rudolf Henke, bestätigt diese Einschätzung laut einem Pressebericht vom November 2007. Er berichtet von Sterbewilligen, die sich nach Linderung ihrer Beschwerden ihre Meinung eindeutig geändert hätten.

Allein die Organisation "Dignitas" führte im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 141 Selbstmord-Begleitungen durch - nur 6 davon an Schweizern. Die meisten "Kunden" kommen aus Deutschland. Für Fischer zeigt das eine unwürdige und menschenverachtende Praxis, mit der nicht zuletzt ein "beträchtlicher Imageschaden" für die Schweiz einhergehe.

Rechtsprechung in anderen europäischen Ländern

Ähnlich liberale Regelungen kennen in Europa nur Belgien und die Niederlande. Durch aktive Sterbehilfe kamen in Belgien, offiellen Angaben zufolge, im Jahr 2007 fast 500 Menschen ums Leben; die Staatliche Sterbehilfe-Kommission schätzt die Dunkelziffer auf weit darüberliegend.

In Deutschland hat sich der Bundesrat Anfang Juli 2008 für ein Verbot der gewerbsmässigen und organisierten Sterbehilfe ausgesprochen. 14 der 16 deutschen Bundesländer stimmten dafür, den neuen Straftatbestand der komerziellen Sterbehilfe zu schaffen. Mit Art. 115 des Strafgesetzbuches wäre der in der Schweiz indirekt schon vorhanden, denn darin wird eine Suizidbeihilfe nur dann für straffrei erklärt, wenn im Einzelfall keine selbstsüchtigen Beweggründe nachzuweisen sind.

Der Zürcher Regierungsrat zu "Dignitas"

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Gerhard Fischer
Bei Ansätzen zwischen 5- und 7000 Franken pro "Begleitung" ist es für EVP-Mann Fischer klar, dass "Gewinnabsichten dahinterstecken und auch rechte Gewinne eingesackt werden". Auch für Prof. Hans Giger von der Uni Zürich sei der Straftatbestand der betrieblich organisierten Sterbebegleitung erfüllt, wie er in einem von Fischer zitierten Gutachten festhält.

Der Zürcher Regierungsrat ist anderer Ansicht. In seiner Stellungnahme vom 7. Mai 2008 schreibt er, dass sich diese Zahlen "mit Blick auf die Refinanzierung verschiedener Administrations- und anderer Aufwendungen nachvollziehen" liessen. Er deckt damit das Geschäftsgebahren von "Dignitas" - gibt allerdings zu, dass "der Kostendeckungsgrad nicht restlos beurteilt werden" könne.

Fischer plädiert dafür, Menschen nicht bei ihrer Selbsttötung, sondern in ihren Lebenskrisen beizustehen und sie in ihren Problemen und Nöten ernst zu nehmen. Ausserdem sei Sterben "ein wichtiger Teil unseres Lebens" und müsse daher "gelebt werden".

* Eine fast zeitgleich in Deutschland durchgeführte Befragung brachte ein ähnliches Ergebnis: 58 Prozent der Deutschen würden einem schwerkranken Menschen auf Wunsch aktive Sterbehilfe leisten.

Weiterführende Links:
Fraktionserklärung der Zürcher EVP zu Sterbetourismus und Sterbehilfe (PDF)
Die Stellungnahme des Zürcher Regierungsrates vom Mai 2008 (PDF)
Sterbende mit Hoffnung begleiten
Sterbetourismus in die Schweiz - kein ethisches Problem?

Psychiater in der Suizid-Diskussion: "Gerade jetzt dezidiert zum Leben stehen"
"Sterbende brauchen Lebenshilfe"

Kommentar von Lothar Mack

Nur zwei Bemerkungen:

1. Wenn die im Artikel erwähnten Hintergründe zur Sterbehilfe einer Mehrheit der Bevölkerung bekannt wären - hätte dann die Befragung vom Sommer nicht auf jeden Fall zu anderen Ergebnissen geführt? Zeugt die weitverbreitete Zustimmung zur Suizid-Begleitung also vor allem von Unkenntnis oder gar von einer Geringschätzung des eigenen und fremden Lebens?

2. Es ist doch merkwürdig, dass in der Berichterstattung über Sterbehilfe die höchst aktive Sterbehilfe gegenüber jährlich Zehntausenden von Ungeborenen notorisch unerwähnt bleibt.

Datum: 06.09.2008
Autor: Lothar Mack
Quelle: Livenet.ch

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