Nach dem Ausbruch schwerer Kämpfe rund um Somalias Hauptstadt Mogadischu spricht die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) von einer «Endzeitstimmung». Sie fordert die Einrichtung humanitärer Schutzzonen für Flüchtlinge.
Tausende von Zivilisten seien auf der Flucht. «Es herrscht Endzeitstimmung, jeder rechnet mit der baldigen Einnahme Mogadischus durch die radikal-islamischen Rebellen», erklärte GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius. In den vergangenen zwei Tagen seien erneut mehr als 30 Menschen bei Gefechten in der Hauptstadt getötet worden. Insgesamt mussten nach Angaben der GfbV seit Januar mehr als 82‘000 Zivilisten vor den Kämpfen zwischen islamistischen Milizen und Soldaten der Übergangsregierung fliehen.
Die Europäische Union müsse endlich die Realität wahrnehmen und dürfe die dramatische Lage in Somalia nicht länger beschönigen. «Dringend muss sich die EU dafür einsetzen, dass alle Konfliktparteien Mindeststandards des humanitären Völkerrechts beachten», so Delius. Der willkürliche Beschuss von Wohnvierteln sei ein Kriegsverbrechen und könne von der internationalen Staatengemeinschaft nicht hingenommen werden.
Grenzen schliessen sich
Unterdessen finden laut GfbV somalische Flüchtlinge immer seltener Aufnahme im Nachbarland Kenia und im nahe gelegenen Jemen. So habe Kenia im Januar die Bewachung der Landesgrenze im Norden verstärkt, um den Zustrom von Neuankömmlingen aus Somalia zu unterbinden. Auch die Regierung des Jemen habe einen Aufnahmestopp angekündigt. Im vergangenen Jahr flohen laut GfbV rund 800‘000 Menschen vor der Gewalt in Somalia.
Dieser Aufnahme zum Trotz: viele Somalis leben auf der Schattenseite (Foto Tahir Turk).
Christlicher Leiter erschossen
Islamische Extremisten erschossen den Leiter einer christlichen Gemeinde, berichtet das Hilfswerk für verfolgte Christen «Open Doors». Das Attentat geschah ausserhalb der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Die Terroristen bedrohten auch seine Frau.
Hintergrund des Anschlags ist, dass der Gemeindeleiter einst vom Islam zum Christentum wechselte. Militante der islamistischen Gruppe Al-Shabaab brachten deshalb den 41-jährigen Pastor Mohammed Ahmed Ali (ein in arabischen Ländern geläufiger Name) um.
Auch Witwe bedroht
Ali verliess sein Haus in Hodan, das in einem der Aussenbezirke Mogadischus liegt. «Wir warteten den ganzen Tag auf ihn, aber er kam nicht», sagte seine Frau Armina Ibrahim Hassan. Die Bluttat, die eben erst bekannt wurde, ereignete sich am 1. Januar. «Erst am Tag darauf erfuhren wir von seinem Tod.» Am 3. Januar wurde auch Hassan, die für eine NGO arbeitet, bedroht: «Wir wissen, für wen du arbeitest, wo du wohnst und dass du zu den Christen gehörst. Wir werden dich töten, wie wir deinen Mann getötet haben.»
Hassan floh mit ihrem einzigen Kind nach Kenia, wo sie mehrere Tage im Dadaab-Flüchtlingslager verblieb, ehe sie am 20. Januar Nairobi erreichte. «Ich bin froh, dass ich Kenia sicher erreichte - ich habe alles verloren, meinen Mann und meinen Besitz.» Al-Shabaab beobachte Somalis, die für NGOs arbeiten, deren Embleme mit dem christlichen Glauben in Verbindung gebracht werden.
Ali hatte im Jahr 2000 durch seinen Onkel Ali Mohammed Nur zum christlichen Glauben gefunden. Hassan wurde 2005 Christin, sie arbeitete für verschiedene NGOs.
Somalia liegt am Horn von Afrika.
Todesstrafe für Abfall vom Islam
Im vergangenen Jahr spürten Militante in Somalia mindestens 15 Christen auf und töteten sie wegen ihrem Glauben; darunter auch Frauen und Kinder, so etwa Hussein (12) und Abdi Rahaman Yusuf (11), die Söhne einer christlichen Familie.
Radikal-islamische Milizen wie Al-Shabaab und die rivalisierende Hizbul-Islam kontrollieren den Hauptteil des Südens Somalias und bekämpfen den somalischen Präsidenten Sharif Ahmed und seine Regierung in der Hauptstadt Mogadishu. Ahmed und sein Parlament verabschiedeten im April 2009 die Einführung der Scharia. Für den «Abfall vom Islam» ist die Todesstrafe vorgesehen. Zwar sieht die «Transitional Federal Charter of the Somali Republic» die Religionsfreiheit vor, aber in der Praxis wird dieses Recht wenig respektiert, denn die Charta etabliert auch den Islam als die nationale Religion. Kein Gesetz darf dem Islam widersprechen.
Nur wenige Christen leben in Somalia. Wegen der unerbittlichen Verfolgung praktizieren sie ihren Glauben im Geheimen. Einige wenige Christen leben in Puntland und Somaliland. Weitere somalische Christen flüchteten in benachbarte Länder.
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