Am 30. November 2011 ist Chander Mani Khanna gegen Kaution aus dem Gefängnis in Srinagar entlassen worden. Der Pfarrer hatte in Srinagar Ex-Muslime im Gottesdienst getauft. Ein Video der Taufe gelangte auf Youtube; darauf zitierte ihn der Mufti der Region zu sich.
Die Verhaftung von Khanna, Pfarrer der Nordindischen Kirche in Srinagar, wirft ein grelles Licht auf die prekäre Lage der Christen im Kashmirtal. Khanna wurde am 19. November 2011 von der Polizei verhaftet, nachdem der Mufti des islamisch geprägten Gebiets ihn stundenlang verhört und bedroht hatte.
Eingeschüchterte Minderheit
John Dayal, Sprecher des Allindischen Christenrats, forderte in der Folge Khannas Freilassung. In einer detaillierten Stellungnahme schildert er die bedrückenden Umstände, in denen Christen im Kashmirtal leben. Mit Verweis auf einen Bürgerrechtler schreibt Dayal, islamische Scharfmacher wollten die Regierung von Jammu und Kashmir herausfordern. Im Gegensatz zum grössten Teil der Muslime, die die Bildungs- und Sozialarbeit der Christen schätzten, bedrohten sie die kleine Minderheit: Am 26. Februar 2011 brannte eine dritte christliche Schule nieder. «Die Gemeinschaft als ganze hat viel gelitten – und geschwiegen», gemäss Dayal aus Angst, weitere Gewaltakte zu provozieren.
Gewagter Schritt nach Srinagar
Chander Mani Khanna hatte es gewagt, von Jammu nach Srinagar, in die umkämpfte Hauptstadt des Kashmirgebiets, zu gehen. Der Pfarrer wirkte an Versöhnungsinitiativen im Tal mit; er ist in christlichen Kreisen hoch geachtet.
Nachdem das Tauf-Video von Muslimen gesehen worden war, zitierte Mufti Bashir-ud-Din, der oberste islamische Richter der Gegend, ihn zu sich, verhörte ihn während sieben Stunden und stiess Drohungen aus. Laut einem Bericht erschien der Pfarrer vor dem islamischen Gericht nicht unter Zwang, sondern um die Gemüter zu beruhigen.
Die folgende Verhaftung durch die Polizei könnte laut John Dayal vom Interesse der Regionalregierung motiviert sein, von ihren eigenen Problemen abzulenken. Die Polizei durchsuchte Khannas Kirche und nahm ihn unter dem Vorwurf fest, Streit zwischen den Religionsgemeinschaften angezettelt zu haben.
Dayal protestiert gegen die Gleichgültigkeit in der Öffentlichkeit: «Die Zivilgesellschaft in Srinagar ist tot – und in Indien schweigt sie.» Der Bischof der Nordindischen Kirche PK Samantaroy hat Anschuldigungen, Khanna habe Muslime zum Religionsübertritt verleitet, entschieden zurückgewiesen.
Braut sich ein Sturm zusammen?
«Die Zivilgesellschaft schweigt»: John Dayal, furchtloser Fürsprecher der indischen Christen.
Auf dem Spiel steht das Existenzrecht der verschwindenden christlichen Minderheit im Kashmirtal. Gespräche täten not, schreibt Dayal, um Gerüchte zu stoppen, nach denen die Christen das Tal verlassen müssten. «Etwa 400 Christen arbeiten in Schulen und Spitälern, wenige als Beamte.»
Ein führender liberaler Muslim stellte die Frage, was denn das islamische Gesetz und ein Scharia-Gericht im säkularen indischen Staat zu bestimmen hätten. Kashmir unterscheidet sich vom Rest Indiens, wo die Minderheitensituation Christen und Muslime einander näher bringt. Um das strategisch bedeutende Berggebiet haben Indien und Pakistan vier Kriege geführt.
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