Am Mittwoch feiert Indien den 65. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. John Dayal gehört zu den unbestechlichen Kämpfern für Toleranz und die Rechte der Minderheiten. Im Gespräch mit Livenet nimmt der christliche Bürgerrechtler kein Blatt vor den Mund.
Mittagshitze in Rajasthan: Frauen tragen die Bürde des Alltags.
Die Inder leiden am Versagen der Regierungen und Beamten. Sie stöhnen unter den Infrastrukturmängeln – letzthin waren 600 Millionen Menschen ohne Strom. Sie stossen sich an der Korruption, die alle Verwaltungsbereiche durchdringt. Bei ihrem Treiben hätten die indischen Politiker irgendwann die Menschen vergessen, sagt John Dayal; sie seien mit sich selbst beschäftigt.
Leidenschaftliche Liebe zu Indien
John Dayal ist so alt wie Indien: 1947 wurde er geboren. Als Kind eines Beamten kam er weit im Riesenland herum, später arbeitete er als Journalist. Heute kämpft der Katholik als Generalsekretär des Allindischen Christenrates für ein offenes Land, das den Werten seiner Gründer nachlebt. Unverblümt kritisiert er seine geliebte Heimat, plädiert leidenschaftlich für die Würde aller und findet sich nicht mit Unrecht und Ausbeutung ab.
Indien hat 1200 Millionen Menschen, besitzt Atomwaffen und verfolgt ein Weltraumprogramm. Da empören Dayal die schreienden sozialen Gegensätze: Arme werden unsichtbar, fallen durchs Netz – «eine grosse Tragödie». Von den staatlichen Mitteln, die für Arme eingesetzt werden, erreichte nach einem Eingeständnis des 1991 ermordeten Rajiv Gandhi bloss ein Sechstel die Bedürftigen. Heute komme noch ein Zwanzigstel den Armen zugut.
«Jeder leckt am Eis»
Ist bereit, den höchsten Preis zu zahlen für ein freies Indien: John Dayal.
Dayal kennt und nennt die Faktoren, die dazu beitragen: «Korruption, Bürokratie, Abläufe, Verzögerungen, Mittelmänner, Kapitalismus, Monopole. Jeder leckt am Eis. Das beunruhigt sehr.» Der Bürgerrechtler geht davon aus, dass sich bereits Zehntausende verarmte Bauern aus Verzweiflung das Leben genommen haben. «Wenn einer die Wucherzinsen nicht mehr zahlen kann, sendet der Banker, der ihn in den Ruin getrieben hat, einen Trupp zum Bauernhaus. Der Bauer wird zusammengeschlagen, sein Sohn entführt, seine Tochter vergewaltigt. Ihm bleibt nur der Suizid.»
Krieg gegen die eigene Bevölkerung
Die ausweglose Armut, Bedrückung und Rechtlosigkeit in zahlreichen Landgebieten haben der maoistischen Rebellenbewegung der Naxalites Auftrieb gegeben. «Neun Gliedstaaten Indiens sind beinahe im Bürgerkrieg.» Der Staat bekämpft die Rebellion militärisch, wobei Brüder gegeneinander aufgebracht, unschuldige Junge gefoltert und Christen als Maoisten angeschwärzt werden. Krieg gegen die eigenen Leute – laut Dayal ein Schandfleck für das Land, das zu den grossen Mächten der Welt gehören will.
Hochstehende Verfassung, kostbare Pressefreiheit
Positiv vermerkt John Dayal die Freiheit der Presse. Und dass die indische Verfassung, die Klammer um das Riesenland, bis heute überlebt hat, als Basis für Rechtsstaatlichkeit, trotz «Inseln der Gesetzlosigkeit». Er fordert Anpassungen, die die Rechte der Bürger stärken und den Unterschichten ein Sicherheitsnetz bieten.
Unabhängigkeit der Justiz stärken
Seit langem steht die Ankündigung der Hindu-Partei BJP im Raum, die säkulare Verfassung, die Indien unabhängig von Religionen bestimmt, abzuändern. Die relative Unabhängigkeit der Justiz – Folge der britischen Kolonialherrschaft und höchst bemerkenswert in Asien – steht auf dem Spiel.
Das Oberste Gericht sollte von der Politik abgeschirmt und näher mit den Alltagsfragen konfrontiert werden, „dem Schmerz der Menschen Indiens“. Dazu müsse der Zugang erleichtert, die Gebühren gesenkt werden. Dayal erinnert an Gerichtsvorsitzende, die aufgrund einer einfachen Postkarte einer Witwe ein Verfahren gegen die Regierung einleiteten. „Das sollte die Norm sein.“
Woran Gliedstaaten zu messen sind
Mehr liegt drin: Mädchen in einem südindischen Steinhauerdorf.
Viel kommt auf die Juristenausbildung an. In manchen Staaten weigerten sich Anwälte, von Hindu-Chauvinisten eingeschüchtert, Muslime, Christen und Dalits zu verteidigen. Dayal misst die Gliedstaaten daran, wie sie Vergehen gegen Arme, Kastenlose und religiöse Minderheiten bestrafen, wie sie gegen Unternehmen vorgehen, die sich Ressourcen unter den Nagel reissen, wie sie Landarbeiter schützen und Mittellosen Nahrung zukommen lassen.
Zivilgesellschaft unter Trommelfeuer
Dass die Medien zunehmend von Mächtigen unter Druck gesetzt werden, fordert die Zivilgesellschaft heraus. Nach Dayals Einschätzung wird sie «mit jedem Tag schwächer». Die Hauptschuld daran trügen die Hindu-Chauvinisten mit einem nationalistischen Trommelfeuer, das seit 25 Jahren anhalte.
«Ein rechter Teil der indischen Zivilgesellschaft – einfache Leute, Richter, Lehrer, Anwälte, Journalisten – glaubt heute tatsächlich, dass Indien nur für Hindus sein sollte. Und dass alle Nicht-Hindus zu Bürgern zweiter Klasse mit beschränkten Rechten herabgestuft werden sollten.» Im Gliedstaat Orissa ist die Zivilgesellschaft laut Dayal tot.
Hindutva – wie HIV
Ein Slum in Delhi.
Die Hindutva-Ideologie, auf welche Hindus eingeschworen werden, wird vom Bürgerrechtler mit dem HI-Virus verglichen: «Sie dringt ein in Regierungen und Institutionen, steckt sie an, schwächt sie und raubt ihnen ihr Immunsystem. Sie steckt Menschen an, ohne dass sie es merken, auch solche, die gar nicht zu den Risikogruppen gehören. Und es gibt vorderhand kein Gegenmittel.»
Der Mann auf der Strasse merkt laut Dayal nicht, wie stark religiöse Ausgrenzung und ideologische Hetze den öffentlichen Raum vergiften. Entscheidungsträger und Eliten leugneten die Wirkung weithin, obwohl der zerstörerische Einfluss von Hindutva im multireligiösen, komplex geschichteten Indien unübersehbar sei.
Ein Land der Minderheiten
Die grösste Demokratie der Welt braucht nach Ansicht von John Dayal eine Reinigung und Stärkung. Die Minderheiten (Christen: unter 3 Prozent) dürften nicht klein beigeben – für «Menschen wie uns» sei das Land geschaffen worden, hält er fest. «Wir müssen die Zivilgesellschaft auf unsere Seite bekommen.» Die Instrumente des Rechtsstaats und die Justiz seien zu stärken.
Den Preis zahlen
Sorge macht Dayal, dass die Hindu-Nationalisten mit Spenden auch aus dem Ausland Hunderttausende Schulen eröffnen. Wohlmeinende, tolerante Bürger unternähmen nichts dagegen. Dabei hätten die Fanatiker vor allem eines im Sinn: ihre Ideologie des Hasses auf Muslime und Christen zu verbreiten.
Der Hinduismus der Brahmanen habe die buddhistischen Gemeinschaften in Indien im 7. und im 14. Jahrhundert vernichtet. «Nun, im 21. Jahrhundert, löschen sie zum dritten Mal Minderheiten aus.» Aber ihr Ziel werden die Hindus nicht erreichen, sagt Dayal, der jahrelang unter Polizeischutz lebte. Er ist entschlossen: «Leute – auch ich – sind bereit, für unsere Freiheit zu sterben.»
Bereits die frühen Christen waren nach neuen Forschungsergebnissen Netzwerker und nutzten ein modern anmutendes Kommunikations- und Briefsystem. Dies...