Gesellschaft und Glaube

«Jugendliche sind hungrig nach Lebenserfahrung»

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Jugendliche und Glaube: Wichtig ist die Auseinandersetzung
Jugendliche und Spiritualität - wie passt das zusammen? Es brauchen nicht immer Massenevents zu sein, findet Michael Felder, Pastoraltheologe in Freiburg: Wichtig sei es, den Jungen zuzuhören und auch bereit zu sein, sich in der Auseinandersetzung von ihnen verändern zu lassen.

Kipa hat mit dem Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) über die Jugendspiritualität gesprochen. Am Freitag, 11. Juni, organisierte Felder in Freiburg eine Tagung zu diesem Thema.

Kipa: Wieso machen Sie die Jugendspiritualität zum Thema Ihrer Tagung?
Michael Felder: Die Idee ist, das Thema von der Sozialform her zu beleuchten, aber auch von der Ästhetik her. Es war mir wichtig, Referenten einzuladen, die nicht nur reflektieren, sondern die in der Praxis tätig sind. Ich bin begeistert über die Infrastruktur der Jugendpastoral in der Schweiz. Auch die bereits auf die Tagung hin eingegangenen Feedbacks zeugen von einer sehr lebendigen Jugendarbeitsszene.

Der Lehrstuhl der Pastoraltheologie in Freiburg soll ein Forum reflektierter Praxis werden, wo sich Praxis und Reflexion miteinander verbinden. Seelsorger erhalten hier die Gelegenheit, über ihren Berufsalltag nachzudenken. Die Universität kann der Praxis den Rücken stärken, ohne den Anspruch der Belehrung aufzustellen.

Wie begegnet das Generationenproblem innerhalb kirchlicher Jugendarbeit?
Grundsätzlich ist es eine Chance für die Kirche, wenn Generationen zusammen kommen. Spiritualität könnte helfen, die überall stattfindende Segmentierung in der Seelsorge abzuschwächen.

Der Verlebendigungsprozess von Generation zu Generation ist eine Aufgabe, der man immer von neuem gerecht werden muss. Sich mit diesen ständig neuen Herausforderungen zu arrangieren, ist das Proprium der Jugendarbeit. Jugendliche sind stark eingebunden in das Zeitgeschehen, da sie sehr rezeptiv sind. Da wird oft etwas ausprobiert und auch wieder verworfen, das gehört mit hinein in das Alter. Bei Erwachsenen besteht stärker ein bestimmtes Reservoir an Deutungsmustern.

Unter den Jugendlichen selbst ist es wichtig, dass jene, die bereits länger dabei sind, lernen, sich zurückzunehmen zugunsten derjenigen, die nachrücken. Sind die Hierarchien unter den Jugendlichen zu extrem, geben die Zaungäste am Rande irgendwann auf.

En miniature sind auch bei den Jugendlichen die drei Generationen vorhanden - die Altvorderen, die mit einem Bein bereits in neuen Kontexten stehen, die aktuelle Leitungsgruppe, erfahren und eingespielt, und die aus der Kindheit Herauswachsenden, die nicht mehr nur betreut werden wollen, sondern sich eine aktivere Rolle zutrauen.

Was charakterisiert eine für Jugendliche typische Spiritualität?
Es ist schwierig, einen gemeinsamen Nenner für alle Jugendlichen zu finden. Eine soziologische Einteilung in Milieus oder eine Klassifizierung in verschiedene Typen ist problematisch und trotzdem notwendig: Um überhaupt ein Programm für Jugendarbeit oder Ähnliches entwerfen zu können, muss man das natürlich tun.

Man darf nie vergessen, dass hinter der Frage «wie Jugendliche ticken» unverwechselbare Individuen stehen. Innerhalb der Gruppe bestehen zu können, diese Sorge fördert allerdings schon gruppenspezifisches Verhalten. Grundsätzlich wird auf der anderen Seite auch nichts ausgeschlossen. Traditionelles kann neben Trendigem stehen.

Wichtig ist, dass Form und Inhalt übereinstimmen. Spiritualität bekommt einen stark ästhetischen Aspekt, sie sollte stimmig sein. Das hat nichts mit Oberflächlichkeit zu tun. Auch bei Spiritualität stellen sich die Jugendlichen mit einem feinen Fingerspitzengefühl die Frage: Passt das zu mir?

Wie geht man um mit Pubertierenden, die zunächst grundsätzlich gegen alles sind?
Das ist das Alter der Gärung, der Entwicklung und der Reifung, das geht nur mit einem greifbaren Gegenüber: Diese Auseinandersetzung läuft selten abstrakt ab, sondern oft über konkrete Menschen wie Religionslehrer und Jugendarbeiter. Die Auseinandersetzung ist oft spielerisch, kann aber auch aggressiv wirken, da der eigene Selbstwert noch gefunden werden muss.

Es ist wichtig, als Kirche dieser Selbstauseinandersetzung der Jugendlichen zu begegnen und nicht auszuweichen. Gerade Religion hängt sehr stark mit dem Selbstbild zusammen. Natürlich kann es bei existenziellen Fragen, die an den eigenen Kern rühren, zu heftigen Reaktionen kommen.

Dies ist ein nicht immer leichter Balanceakt: einerseits mit den Jugendlichen zu sein, ganz bei ihnen, und gleichzeitig eine Art Gegenüber zu bilden, das sich leitend einmischt. Es gibt da kein Ausweichen. Im gegenseitigen Sich-Zumuten können auf beiden Seiten auch neue Stärken wachsen.

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Michael Felder, seit September 2009 Professor für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.
Welche Qualität ist für Jugendseelsorger unaufgebbar?
Es braucht sonst keine aussergewöhnliche Begabung, aber emotionale Reife und einen gelassenen Selbststand: Man darf sich von Opposition nicht sogleich im eigenen Persönlichkeitskern bedroht fühlen.

Auch müssen Jugendliche die Person hinter den Worten spüren. Merken sie nicht, dass einem der eigene Glaube etwas bedeutet, sind sie schnell weg. Sie sind hungrig nach Lebenserfahrung - das ist wiederum eine Brücke zur Spiritualität, zum «Leben in Fülle».

Es ist wichtig, als Seelsorger seine im Leben gereiften Überzeugungen mit der Offenheit für Veränderung mit in den Dialog einzubringen. Dialogisch sein bedeutet auch, von der Jugend zu lernen. Wer immer gleich klarstellen muss, wer hier eigentlich das sagen hat, wird von Jugendlichen nichts hören.

Es ist selbst eine spirituelle Weisheit, der heilige Benedikt hat das schon in seiner Ordensregel in etwa so formuliert, dass auch bei wichtigen Fragen, die Jungen etwas beizutragen haben. Ottmar Fuchs, der Tübinger Pastoraltheologe, nannte das bereits vor vielen Jahren die «prophetische Dimension» des Jugendalters.

Gibt es eine übermässige Betonung des Eventcharakters in der Jugendspiritualität?
Dass bei Jugendlichen ständig was los sein muss, ist ein Vorurteil, der Regler steht nicht immer auf Vollgas. Es gibt verschiedene Beispiele, wo Jugendliche in einem Moment der Ruhe Dinge nachklingen lassen: Da können sie sich selbst wieder besser spüren.

Zunächst erfolgt eine Konzentration auf sich, dann aber auch eine Weitung, ein Loslassen, in dem der andere, auch das Ganze, wieder in den Blick kommen kann. Man muss nicht immer von aussen Impulse setzten. In Jugendlichen fängt auch vieles ganz von allein im Innern an, sich zu regen.

Neben dem Inszenierten haben sie auch grossen Spass am Improvisierten, das heisst am Unvorgesehenen. Das kindliche Staunen ist noch lebendig. Nach wie vor ist vieles neu und aufregend und muss verarbeitet werden. Sie sind nicht schon jene Routiniers, als die sie die Unterhaltungsindustrie vorgibt. In dieser Ruhe entsteht ein Raum, in dem ein Dialog mit Gott beginnen kann. Es braucht nur den Mut, dies zuzulassen.

Wann ist Jugendsprache Gebetssprache?
Jugendsprache ist bildreich, oft werden Dinge neu kombiniert. Wenn man die Psalmen anschaut, da ist dieselbe experimentelle Energie vorhanden. Jugendsprache ist nicht Gossensprache, sie ist durchaus poetisch.

Jugendsprache ist gegen Scheinheiligkeit, falsche Feierwürde und Prüderie. Sie kann auch die Einstellungen Erwachsener verändern. Sprache, die einem nicht gefällt, zu verbieten, hat ausserdem noch nie funktioniert.

Wie ist das Verhältnis der Jugend zum Rituellen und zu Formen?
Am Phänomen Harry Potter gibt es einen Aspekt, der genau die jugendliche Faszination für Rituelles und ehrwürdig Formelles widerspiegelt. Die Internatsbewohner halten gewisse Codes ein, so tragen sie Uniformen und halten sich an "britisch" strenge Regeln. Jugendliche mögen Formen, die echte Feierlichkeit wiedergeben.

Hier gilt für mich das Kriterium der Kritik Jesu, die er immer wieder formuliert hat, wenn sich Formalitäten über den ursprünglichen Inhalt stellten. Für ihn gilt, dass eine sinnvolle Form für den Menschen da zu sein hat und nicht der Mensch für die Form. Das heisst, wenn die Form dem Glauben nicht mehr auszudrücken hilft, darf man sie auch verändern.

Entgegen dem Eindruck, dass es heute nicht mehr so wichtig sei, besteht durchaus auch bei Jugendlichen der Wunsch eines ehrfurchtvollen Vollzugs von Rituellem. Es ist ein Faszinosum für Jugendliche. Eine Rolle einzunehmen in einem althergebrachten und generationenübergreifend geachteten heiligen Spiel, das wird auch heute wieder gerne angenommen.

Liturgisches Empfinden gibt es bei vielen Jugendlichen auch heute, nicht nur zur Zeit der liturgisch beeinflussten Jugendbewegung eines Romano Guardini. Aber die Kirchenmauern müssen offen bleiben, damit die Spiritualität lebendig bleibt. In Sprache, Tönen und Bildern kann dann etwas Wunderbares entstehen. Kirche ist dann nicht nur jugendgerecht, sondern selbst jugendlich.

Autor: Mateja Zupancic

Datum: 16.06.2010
Quelle: KIPA

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