Neuinterpretation von Kunst- und Musikwerken

Browns Umdeutungen erstrecken sich auch auf die Welt der Kunst. Er behauptet nämlich, dass es Leonardo da Vinci selbst gewesen sei, der das grosse Geheimnis sichtbar werden liess, als er Das Letzte Abendmahl malte: Alle, die richtig hinsehen, könnten es erkennen: "Dass Jesus und Maria Magdalena ein Paar waren, schleudert da Vinci dem Betrachter in seinem Abendmahl geradezu ins Gesicht" (S. 335).

Obwohl die Darstellung des Apostels Johannes zur Rechten Jesu in da Vincis Meisterwerk zugegebenermassen weibliche Züge trägt, entsprach dies der Art des Künstlers, jüngere Männer zu malen, wie auch seine Porträts von Johannes dem Täufer und anderen belegen. Überdies konnte der grosse Künstler kaum an Maria Magdalena gedacht haben, denn sonst müssten vierzehn Personen auf seinem Fresko und nicht nur Jesus mit den Zwölfen zu sehen sein. Wenn die Gestalt zur Rechten Jesu wirklich Maria Magdalena ist, fragt man sich: Wo ist der fehlende Johannes?

Was Leonardos Mona Lisa ("La Gioconda") betrifft, so stellt das Gemälde kein androgynes Selbstporträt dar, wie Brown behauptet. Vielmehr ist darauf eine Person porträtiert, die wirklich gelebt hat - Madonna Lisa, die Frau von Francesco del Giocondo. Ihr "rätselhaftes Lächeln" (S. 164) geht nicht auf ihren Namen zurück, der angeblich ein Anagramm des ägyptischen Fruchtbarkeitsgottes Amon und der ebenfalls dafür zuständigen Göttin Isis umfasst. Hier liegt Brown völlig daneben, als er sich an die Interpretation eines Kunstwerks wagt (S. 167).20

Auch die Musik ist von solchen Umdeutungen nicht ausgenommen. Im US-amerikanischen Original des Romans schreibt Brown, dass Richard Wagner mit seiner Oper Parsifal Maria Magdalena und der Blutlinie Jesu Christi Anerkennung zolle. Darin werde die Geschichte eines jungen Ritters erzählt, der sich auf der Suche nach Wahrheit befinde (vgl. S. 523). Obwohl es stimmt, dass der junge Ritter in der Oper nach dem Heiligen Gral - d.h. dem traditionellen Gral - sucht, ist damit nicht seine Umdeutung ä la Brown gemeint.

Fussnote:
20: Wer keine fiktiven, sondern korrekte Details aus dem Leben von Leonardo da Vinci sucht, lese V.P. Zubov, Leonardo da Vinci (Cambridge: Harvard University Press, 1968); Patrice Boussel, Leonardo da Vinci (Secaucus: Chartwell, 1980); Kenneth Clark, Leonardo da Vinci (New York: Viking, 1988); und Sherwin B. Nuland, Leonardo da Vinci (New York: Viking, 2000).
(Anmerkung des Übersetzers: Im deutschsprachigen Bereich bieten sich u.a. folgende Bücher an: Daniel Arasse, Leonardo da Vinci, Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2002; Serge Bramly, Leonardo da Vinci. Eine Biographie, Hamburg: Rowohlt Verlag, 1995 [in Bezug auf allgemeine Lebensbeschreibungen]; und Frank Zöllner, Leonardo da Vinci, 1452-1519. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen, Köln: Taschen Verlag, 2003 [in Bezug auf sein künstlerisches Schaffen].)
Im Blick auf eine gute ergänzende kritische Stellungnahme zu Sakrileg siehe Sandra Miesel, "Dismantling The Da Vinci Code", http://www. crisismagazine.com/September2003/feature1. htm.


Quelle: Fossilien: Stumme Zeugen der Vergangenheit

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