Mit dem ersten Buch der Bibel hat das Zürcher Schauspielhaus am 14. September die Saison eröffnet. Der Dramaturg Lukas Bärfuss empfindet «Demut vor diesem Text, aus dem wir alle entstammen».
Für den Berner Oberländer Autor bestand die grösste Herausforderung darin, den Text unvoreingenommen zu lesen und «die Geschichten und die Entwicklung der Beziehungen zwischen Gott und den Menschen zu verstehen». Der jüdischen Website Tachles sagte Bärfuss, nichts sei «dauerhafter als die Geschichten, die Menschen sich erzählen». Die Geschichten der Genesis (1. Mose) stellten einen Grundkatalog an erzählerischen Strategien dar. «Und immer wieder die Dramatik der Flucht, des Wegschickens. Alle müssen fort von dort, wo sie zu Hause sind, und das erzeugt automatisch Spannung.»
«Globale kulturelle Bedeutung»
Unter Regie von Stefan Bachmann haben die Schauspieler mit dem Text der Genesis in der Einheitsübersetzung geprobt. Die Überforderung fördere die Kreativität, sagt Bärfuss. Auch beim Zuschauer: «Es gibt jedenfalls keine vorgefassten Meinungen. Die Genesis hat eine globale kulturelle Bedeutung, jeder bringt seine Meinung in den Theatersaal und gleicht sie mit der Inszenierung ab.»
Ein Text – drei Religionen
Im Rahmenprogramm der Aufführung im Schiffbau wollen die Gestalter mit den Besuchern über die Genesis diskutieren. Lukas Bärfuss freut sich auf das Gespräch mit Rabbiner Marcel Ebel, Imam Sadaqat Ahmed und Pfarrer Niklaus Peter. Er hofft, dass die verschiedenen Lesarten des Buches zum Ausdruck kommen. «Geschichten schaffen eine eigene Wirklichkeit. Wer Sprache kontrolliert, kontrolliert auch das Denken.»
Verzweiflung und Hoffnung
Laut Bärfuss soll die Zürcher Inszenierung kein Bildersturm sein. «Das wäre langweilig, denn der Text ist zu gross und zu schön dafür. Und die Schönheit ist das, was mich von allem Anfang an interessiert, die Poesie und der Rhythmus, die darin enthalten sind.» Die Schönheit der Genesis erzeuge bei ihm Demut, auch «Demut vor der Konzeption, die unsere Gesellschaft ordnet, wie wir die Dinge trennen und wie wir sie verbinden». Der Text der Genesis zeige, «was Verzweiflung und Hoffnung bedeuten».