Liegestuhl, Garten, heile Welt – Peter und Heidi Berdat hätten es haben können. Doch sie zogen den Umzug in ein soziales Problemquartier der Stadt Basel vor. Warum nur? Und mit welchen Folgen?
Heidi und Peter Berdat
Eingekeilt zwischen Rheinhafenbahnhof und Wiesendamm, etwas zurückversetzt, liegt die gelbe Backsteinsiedlung «Wiesengarten» am Giessliweg 61. Hier sind Heidi und Peter Berdat zuhause. Gleich neben der Moschee. Üblicherweise zieht man als Schweizer eher weg von hier. Sie sind 1998 den umgekehrten Weg gegangen.
Eine heile Welt verlassen
Wie kommt es, will ich wissen, dass die Eltern von vier flügge gewordenen Kindern ihre idyllische Wohnung mit herrlichem Blick auf die Vogesen an der Eptingerstrasse verlassen – und in das lärmige und multikulturelle Kleinhüningen ziehen? Peter, pensionierter Vermessungszeichner, schmunzelt. «Wir hatten es in Grossbasel wirklich sehr schön. Fünfeinhalb-Zimmer-Wohnung, grosser Kinderspielplatz, einfache Verbindungen zu den Quartierschulhäusern, eine Viertelstunde Fussweg zu unserer Gemeinde, der Gellertkirche. Dazu ein Hauskreis, in dem alle vier Eltern mit demselben Treppenhaus miteinander verbunden waren. In der Gemeinde fielen mir Gottesdienstbesucher auf, die aus Kleinhüningen kamen. In der Folge empfand ich immer stärker, dass Gott uns sagen möchte: Zieht nach Kleinhüningen und teilt euer Leben und euren Glauben mit den Menschen dort!»
Heidi, Primarlehrerin im Ruhestand, erinnert sich ebenfalls. «Peter hatte mir nichts von diesen Eindrücken gesagt. Es war 1996, als Jesus mir in einer Morgengebetszeit in der Gellertkirche den Gedanken Kleinhüningen! einpflanzte. Ich wehrte mich erst innerlich dagegen. Nein, sagte ich, mir gefällt es hier wo ich wohne! Aber der Gedanke liess mich nicht mehr los. Schliesslich erzählte ich Peter davon. Wir staunten, dass Gott unabhängig zu beiden von uns geredet hatte.»
Ein Abenteuer
Von nun an ist Kleinhüningen das Thema für Berdats. Längst nicht alle Freunde und Bekannte können sie verstehen. Gewiss, das ist ein Abenteuer. Aber Kleinhüningen ist ein Industrie-, Hafen-, Multikulti- und Problemquartier. Und dessen quartierübliche Gewohnheiten sind weit entfernt von Berdats «heiler» Welt in Grossbasel. Sorgfältig prüfen sie die Idee, holen Rat ein: Beim Gemeindepfarrer, in der Seelsorge und bei Freunden. Und natürlich wird auch das in den Gottesdiensten kennen gelernte junge Ehepaar, Irene und Thomas Widmer-Huber, einbezogen. Es wohnt am Giessliweg 72 nahe beim Haus der Stadtmission, wo früher die Kommunität «Steppenblüte» beheimatet war, und leitet eine Wohngemeinschaft. Er ist Theologe, sie ausgebildete Gemeindediakonin. In intensiven Gesprächen mit diesem Paar wird Berdats bewusst, dass die grosse Mehrheit im Hafenquartier mit ihren vielschichtigen Problemen und Nöten kaum oder gar nicht mit der Liebe und Vergebung Gottes berührt worden ist. All diese Gespräche führen zur Entscheidung. Peter und Heidi steigen gestaffelt aus ihrem bisher starken Engagement in der Gellertkirche aus. Einzig die Arbeit in der Kirchensynode behält Peter bei. Gemeinsam mit Irene und Thomas Widmer gründen sie einen Hauskreis in Kleinhüningen.
Zuerst Fragen und Zweifel
Ganz ohne innere Kämpfe läuft dieser Prozess aber nicht ab. Wird ihre Ehe diesen Schritt gut bestehen? Werden ihre Kräfte reichen? Doch immer wieder erleben sie Ermutigung und Zuspruch. So hörte Heidi in den Worten des Propheten Jesaja einmal die Stimme Gottes. Dort steht: «Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschliessen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.»
1998 findet der Umzug nach Kleinhüningen statt. Gewisse Dinge sind gewöhnungsbedürftig. Nachts ist es oft laut: Musik, Lärm auf der Strasse, Streit. Aber man gewöhnt sich daran. Peter erzählt: «Zuerst regst du dich auf, aber dann denkst du: Ein guter Grund, um für die Menschen zu beten.» Einen Hauskreis gründen, ist eine Sache, der Versuch, ein ganzes Quartier mit dem Evangelium anzusprechen, hingegen eine ganz andere. Statt vieler weiterer Worte, bittet mich das Ehepaar, ihnen zu folgen. Wir verlassen die Wohnung und überqueren den Giessliweg. Ein moderner Bau in rotbraun gehaltenen Tönen, begrüsst uns. Der grosszügige offene Platz davor signalisiert schon: Kinder willkommen! Wir betreten das Gebäude und gehen die Treppe nach unten. Bis vor ein paar Jahren hat hier alles noch ganz anders ausgesehen. Heidi und Peter erinnern sich, wie es angefangen hat.
Die «Vision» nimmt Gestalt an
Im Herbst 1997 entsteht aus einer Vision von Irene Widmer ein Kinderclub, geleitet von ihr und mit Heidi als eine der Mitarbeiterinnen. Vorher bestand ein Kinderhüteprogramm für bastelnde Frauen. Es gibt Spiele, biblische Geschichten, Singen und Basteln. Später werden die Aktivitäten auf den Samstagnachmittag verlegt, um noch mehr Kinder erreichen zu können. Und mit dem Hintergedanken, dass berufstätige Ehemänner mithelfen können. Zudem wird das Programm so umgestaltet, dass auch Kinder aus nichtchristlichem Hintergrund einen einfachen Zugang finden können. Mit Hausaufgabenhilfe für Migrantenkinder sowie mit einem offenen Haus probieren Berdats Menschen zu begegnen.
Ein Jahr später bereits erlebt eine grösser gewordene Schar von Schulkindern die erste Kinderwoche. Die Arbeit wächst. Die Stadtmission ergänzt die von einem ehrenamtlichen Mitarbeiterteam geleitete Kinderarbeit mit einer angestellten teilzeitlichen Fachkraft. Die folgenden Jahre bringen einen Energie- und Ideenschub. Mittagstisch, Spieltreff, Hausaufgabenhilfe und Bibellesegruppe. Das Leitungsteam wird weiter verstärkt. Ein starkes Team formiert sich. Berdats werden zu geistlichen Eltern und begleiten ehrenamtlich den Prozess nach besten Kräften. Ein radikaler Schnitt geschieht mit dem mutigen Entscheid der Stadtmission, das alte Gebäude abzureissen und zu ersetzen. Zehn neue Wohnungen sorgen für Finanzen, während im Untergeschoss grosszügige Räume für Kinder und Jugendliche entstehen.
Ein Stück Heimat verschenken
Genau da sind wir jetzt angekommen. Ein paar Kinder spielen Fussball vor dem modernen Gebäude. Im Foyer erinnern uns Schuhfächer und Kleiderhaken mit Jacken daran, dass gerade die «Spielbox» begonnen hat. «Boxen» gibt es viele: Lunchbox, Ufzgibox, Megabox, Bibelbox. Bereits haben sich etliche Kinder eingefunden und spielen eine Treppe tiefer im hellen Saal an verschiedenen Tischen. «Hallo Heidi! Hallo Peter!», rufen einige spontan. Man kennt sich. Die Atmosphäre ist hell und freundlich. Nach einem Rundgang durch die Räumlichkeiten verabschieden wir uns. Toll!, denke ich, wenn Senioren ihre Zeit nicht für Ferien auf Teneriffa verbringen, sondern fremden Kindern ein Stück Heimat verschenken.
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