Bluesdiakon Reto Nägelin

«Sehnen nach dem Leben, für das es geschaffen wurde»

Der Blues habe ihn gefunden und nicht umgekehrt, sagt Bluesdiakon Reto Nägelin. Regelmässig lädt der Biker zu Blues-Gottesdiensten in die Wasserkirche in Zürich, die Fabrikkirche in Winterthur oder einmal pro Jahr auf die Zürichsee-Fähre. Wir unterhielten uns mit dem Mann, der dem Alltagsblues Worte verleiht.Reto Nägelin, sie kapern einmal pro Jahr eine Fähre auf dem Zürichsee, zwecks Gottesdienst mit Bikern. Wie sieht ein solcher «Mogoz» aus?

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Reto Nägelin
Die Biker treffen sich um 14 Uhr am Fährensteg in Horgen. Dort fährt dann auch ein kleiner Lastwagen mit der Band auf die Fähre und alles wird bereit gemacht. Um 14:30 legt dann die Fähre ab. Auf dem See gibt es Livemusik und einen Input mit Bezug zum Biken, also zum Beispiel «Ritter in der heutigen Zeit» oder «Gute Christen fahren zur Hölle».

Sie sind Blues-Diakon, was unterscheidet sie von einem anderen Diakon?
Als Diakon verstehe ich mich als jemanden der die Verbindung, die Connection zwischen Gott und der Welt herstellt. Ich mache dies durch den Blues. Als Diakon bin ich auch ein Diener oder «Sorger» und diene den Menschen durch Gottes Liebe und sorge mich um sie. In diesem Sinne bin ich ein «Blues-Diener» und der Blues ist nichts anderes als ein Zugang zum Boden unserer Seele: Seelsorge.

Wie wurden Sie zum Blues-Diakon?
Das tönt jetzt sehr fromm, aber es ist tatsächlich so: ich weiss es nicht. Der Blues hat mich gefunden. Irgendwann merkte ich, dass ich in Geschichten über den Blues einen Zugang zu den Menschen und ihren Herzen finde. Ich bin kein Musiker aber ich kann durch das Blues-Gefühl und meine Worte über den Blues den Menschen einen Zugang zu Gott, Glauben und sich selber geben. Also mache ich das und ich denke dazu wurde ich berufen.  

Sie organisieren Blues-Gottesdienste, wie sehen diese aus und wie kommen sie an?
Die Gottesdienste folgen der ganz normalen Zürcher Gottesdienstliturgie und doch sind sie ganz anders. Dies liegt sicher am Liveblues von den unterschiedlichsten Musikern. Das Besondere ist aber wohl das der Gottesdienst ganz wie der Blues total unaufdringlich und doch sehr herzlich ist. Er ist sehr «Unplugged», sehr «Pure» und sehr «Roots».

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Impression von einem Blues-Gottesdienst in Zürich mit Reto Nägelin (rechts)
Auf Ihrer Webseite sagen sie, dass sie bei Gottesdiensten Geschichten erzählen über den ewigen Durst, das verlorene Paradies und der Wert der Sehnsucht. Können Sie hier eine kurz notieren?
Kennen sie das Gefühl am Sonntagabend oder auch am Montagmorgen, dieses eklige Gefühl, das einem so melancholisch macht? Unser Herz erinnert uns daran, dass das Leben nicht so ist wie es sein sollte ... Es erinnert uns daran, dass wir nicht mehr im Paradies sind. Aber es weiss auch etwas, dass längst hinter allen Verletzungen und Enttäuschungen verloren gegangen ist ... Es sehnt sich nach dem Leben für das es geschaffen wurde.

Was begeistert Sie am meisten an Gott?
Das ich ihm nichts vormachen muss. Er liebt mich und kennt mich so wie ich bin. Ich kann wütend auf ihn sein oder auch enttäuscht. Alles lässt er zu und zeigt mir in allem seine Liebe.

Wie sind Sie Christ geworden?
Als Jugendlicher war ich im Cevi und die Geschichten über die Bibel und diesen liebenden Vater faszinierten mich. Nach einer Rückfrage bei meinem damaligen Leiter, wie ich den mehr von diesem Gott erfahren könne, sagte er, ich solle Bibel lesen, dort stehe alles drin. Und das tat ich, ich las sie einige Male durch und fand dort einen liebenden Vater und einen beeindruckenden, älteren Bruder.

Warum sind Sie Christ? Was bringt der Glaube an Jesus? Was macht den Unterschied aus?
Warum bin ich Christ, weil es mir etwas bringt? Eine spannende Frage … Was bringt es einen Menschen zu haben, der dich liebt? Was bringt ein Partner oder eine Partnerin, was bringt die Liebe?  Ich glaube nicht dass es darum geht, was es mir bringt. Ich brauche das oben Beschriebene alles nicht und es «bringt» oft ja auch mehr Sorgen als Freude – aber ich will nicht sein ohne! Ein Vater der mich bedingungslos liebt und ein Bruder der immer für mich da ist – wer will das nicht?

Beschreiben Sie ein besonderes Erlebnis, das Sie mit Gott gemacht haben:
Die Frage passt zur letzten. Ich habe einige spannende Erfahrungen mit Gott gemacht. Einmal habe ich einen Brief von ihm bekommen und einmal eine Playstation. Es war damals als eine neue Konsole auf den Markt kam. Sie war restlos ausverkauft und es gab Vorbestellungen für die nächsten drei Monate. Auf dem Weg zur Diakonenausbildung lief ich an einem Shop vorbei und dachte so bei mir, Gott das wär doch jetzt echt cool so eine Playstation. Mutig ging ich in den Laden – keine Chance. Auf dem Nachhauseweg führte mein Weg noch an einem anderen Shop vorbei. Im Schaufenster stand sie. Ich ging einfach daran vorbei. Erst ein paar Meter weiter stoppte ich und fragte mich, soll ich Fragen gehen – nichts ist unmöglich … Also ging ich rein und fragte. Der Verkäufer meinte auf meine Frage, ob sie noch eine haben nur «Was denkst du denn?» Ich wollte bereits gehen, da rief er mir nach: Warte es ist eine mehr gekommen als bestellt. Willst du sie? Zufall oder ein Vater der mich schlicht und einfach liebt?

Eine Stärke, die Sie durch den Glauben gewonnen haben ...  und eine Schwäche, die Sie durch den Glauben besser in den Griff bekommen haben ...
In der Schulzeit, wenn ich Vorträge halten musste, bekam ich Fieber. Alles an mir hatte so Angst vor Menschen zu sprechen, dass mein Körper reagierte. Heute kann ich spontan vor tausend Leuten eine Bluesgeschichte erzählen. Der Weg war wirklich nicht einfach und brauchte enorm viel Demut und Vertrauen. Doch heute bin ich jeden Tag dankbar für diese Stärke.

Ein Tipp, wie man Gebet und Bibellesen interessant gestalten kann ...
Gebet macht doch dann Sinn wenn ich – so wie David in den Psalmen – einfach alles Gott hinwerfen kann, ihm sagen wie ich mich fühle und wie ich so zu seinem Handeln stehe. Ich habe die Bibel schon einige Male durchgelesen. Aber nicht einfach so. Ich stellte immer eine Frage die mich durch das Lesen begleitete. Zum Beispiel: ist Jesus Gott selber oder Gottessohn oder ist der Heilige Geist und der Geist Gottes dasselbe? So las ich immer wieder neue Aspekte und es fielen mir Dinge auf, die ich vorher übersehen hatte.

Steckbrief

Zivilstand, Kinder: ledig, keine
Beruf: Bluesdiakon und Leiter der Takano-Fachstelle der EMK Schweiz
Wohnort: Rüschlikon
Werdegang, Ausbildungen: Schule, Lehre zum Elektromonteur, Ausbildung zum Diakon an der Diakonenschule Greifensee, MAS-Studium Sozialmanagement an der ZHAW
Berufe: Elektriker, Jugendarbeiter bei der Landeskirche & Snowboardlehrer, Leiter des Netzwerk-C beim Cevi Zh-SH-GL, Geschäftsführer bei YPoM – Cevi für Erwachsene, Leiter der Takano-Fachstelle der EMK-Schweiz und freischaffender Bluesdiakon (Referent, Organisationsentwickler, Mediator, Autor und vor allem Wort-Künstler)
Hobbys: Reiten, Grillieren, Snowboarden, Gamen, Motorradfahren
Welche Gemeinde oder Kirche besuchen Sie? Verschiedenste, Zuhause bin ich in der EMK Züri4.
Funktion oder Mitarbeit in Gemeinde? Leiter der Takano-Fachstelle der EMK Schweiz (Takano ist die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen der EMK-Schweiz)
Lieblingsbibelstelle: Viele, eine meiner Liebsten ist Römer 8: «Nichts, aber auch gar nichts kann dich trennen von der Liebe Gottes.»
Lieblingsmusik oder -Musikgruppe?: Natürlich liebe ich Blues, aber auch Country und Irish gefällt mir ganz gut. Hauptsache echte Instrumente.

Webseite:
Bluesdiakon
Mogoz

Datum: 24.07.2012
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Jesus.ch

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