«Nein, der Fussball ist keine Ersatzreligion»

Die Kirchen sollen auch während der Euro jede Chance nutzen, um bei den Menschen zu sein. Das meint Bundesrat Samuel Schmid, der momentan als Sportminister stark im Rampenlicht steht. Und sie hat die Menschen an biblische Werte zu erinnern.

Andrea Vonlanthen konnte im „Magazin ideaSpektrum Schweiz“ ein Interview mit Bundesrat Samuel Schmid machen. Darin äussert er sich in zur Euro 08 und zu seinem Einsatz auf der Kanzel.

Andrea Vonlanthen: Herr Bundesrat, was reizt Sie persönlich an der Euro?
Bundesrat Samuel Schmid: Ganz einfach: Ich schaue gerne Fussball. Und nun haben wir die einmalige Chance, die besten Mannschaften Europas bei uns zu Gast zu haben - zusammen mit Hunderttausenden von Besucherinnen und Besuchern. Aber die Euro 08 ist ja viel mehr als nur Fussball! Ich freue mich auf das Fest!

Sie sprachen im ökumenischen Gottesdienst zur Euro im Zürcher Grossmünster. Wie fühlt sich der Sportminister auf der Kanzel?
Auf einer Kanzel zu stehen, ist für einen Laien jedes Mal etwas Besonderes. Leider sind es oft traurige Momente. Ich erinnere mich an die Trauerfeier für die Tsunami-Opfer oder an die Gedenkfeier für die an der Jungfrau verunglückten Rekruten. Im Grossmünster war es zum Glück ganz anders. Es war eine würdige, stimmige Feier, um den Volunteers Danke zu sagen.

In Ihrem Kanzelwort zur Euro bezeichneten Sie die Zehn Gebote als Leitplanken für das Leben der Gläubigen. Für wen sind sie wohl schwerer einzuhalten: für den Politiker oder den Fussballer?
Die Zehn Gebote sind Leitplanken für Christen, ob Politiker oder Fussballer oder Hausfrau oder Lehrerin. Aber sie sind für alle schwer einzuhalten, weil wir Menschen nicht vollkommen sind. Du sollst nicht lügen... Du sollst nicht ehebrechen... Du sollst nicht...

In einer Wiener Euro-Ausstellung steht: «Für den Fussballfan ist das Spiel der Gottesdienst.» Ist der Fussball also doch eine Ersatzreligion für die Massen?
Nein, er ist keine Ersatzreligion. Das kann er gar nicht sein. Aber er ist für viele Menschen ein ganz wesentlicher Lebensinhalt. Mit seiner Mannschaft fiebert man mit, Tag für Tag, und am Wochenende pilgert man ins Stadion und hofft und betet für den Sieg...

«Fussball ist dem Fan Glaube, Liebe, Hoffnung», sagten Sie im Euro-Gottesdienst. Warum wirkt sich dieser Dreiklang nicht positiver aus?
Fragen Sie so, weil Sie an die negativen Seiten des Fussballs, an Hooligans und Krawalle, denken? Der Dreiklang von Glaube-Liebe-Hoffnung hat etwas zutiefst Friedliches. Und das ist genau das, was sich 99,9 Prozent der Euro-08-Besucher wünschen: Ein friedliches Fussballfest.

Die Gewalt gehört immer mehr zur Begleiterscheinung des modernen Fussballs. Ist das Problem nur mit vermehrter Polizei und allenfalls gar mit Armeekräften zu lösen?
Wenn es darauf einfache Antworten gäbe! Ich habe im letzten Jahr einen Runden Tisch zum Thema «Gewalt im Sport» versammelt. Alle Sportverbände haben sich auf eine Charta geeinigt. Gewalt im Sport ist ein vielschichtiges Gesellschaftsproblem. Die Polizei kann nur die vordergründigen Erscheinungen bekämpfen. Ansetzen müssen wir langfristig in der Erziehung, bei den Jungen. Ihnen müssen wieder verstärkt Werte wie Respekt und Toleranz vermittelt werden.

Die Kirchen beschäftigen sich auffallend stark mit der Euro 08. Was erwarten Sie von diesem Engagement?
Die Kirchen müssen jede Gelegenheit nutzen, um Menschen abzuholen. Im Juni 2008 heisst das, sie müssen bei den Volunteers sein, bei den Fussballfans, bei den Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt. In den spielfreien Tagen werden sich diese unsere Städte ansehen, unsere Museen, unsere Tierpärke, unsere Shoppingmeilen. Und als Orte der Stille, als Oasen der Einkehr, auch unsere Kirchen. Deshalb ist es gut, dass die Kirchen während der Euro 08 offen stehen!

Welches ist die beste Botschaft der Kirchen an die Fussball-Gemeinde?
Ich erstelle keine Hitparade! Die Kirche ist am Ball seit 2008 Jahren, und sie hat uns auch heute und in Zukunft an Werte zu erinnern, wie sie in den Zehn Geboten und in den Seligpreisungen unmissverständlich formuliert sind.

Welche Erfahrungen haben Sie mit gläubigen Sportlern gemacht?
Persönlich keine. Aber ich lese immer wieder von Sportlerinnen und Sportlern, die aus ihrer tiefen Gläubigkeit kein Geheimnis machen. Das beeindruckt mich.

Wo sehen Sie den grössten Nutzen der Euro 08 für unser Land?
Die Schweiz wird in vielerlei Hinsicht Nutzen ziehen, sicher auch volkswirtschaftlich. Mit Blick auf die Euro 08 haben wir verschiedene modernste Stadien bauen müssen, das ist ein nachhaltiger Effekt. Und vielleicht gelingt es uns, den Ruf der etwas kleinkrämerischen, humorlosen und auf sich selbst fixierten Menschen zu korrigieren.

Unsere Besucher sollen und werden uns als offen und hilfsbereit erleben, unser Land als landschaftliches Paradies, unsere Umwelt als intakt, unsere Infrastruktur als weltklassig. Wenn sie später wiederkommen, dann profitiert das Tourismusland Schweiz! Und nicht zu unterschätzen: Bund, Kantone und Gemeinden haben bei der Organisation dieses Grossanlasses eng zusammenarbeiten, tausend Probleme lösen müssen. Das tat dem Zusammenhalt unseres Landes gut. Diesen Geist müssen wir in die kommende Zeit hineintragen.

Wo und wie werden Sie nach dem grossen Rummel der Euro Stille und Besinnung suchen?
Im Juli beginnt auch im Bundesrat die sitzungsfreie Zeit. Ich freue mich auf den Rückzug in die Familie, auf lange Wanderungen und viel Schlaf, auf liegengebliebene Bücher und anderes mehr.

Datum: 07.06.2008
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: idea Schweiz

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