"Nicht alles, was ein Moslem tut, ist islamisch"

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Den hartnäckigen Klischees aus "1001 Nacht" setzt der Arabist Hartmut Fähndrich mit seinen Übersetzungen von zeitgenössischer arabischer Literatur eine alltägliche Sicht des Nahen Osten entgegen. Im Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen plädiert er für einen Abbau der beidseitigen "Überislamisierung". "Die Religion ist nämlich nicht der einzige Faktor, der Normen und Verhalten prägt." Viel lieber als einen Dialog der Religionen sähe Fähndrich deshalb einen "Dialog unter Menschen".

Stephan Moser: Sie sind Dozent für Islamwissenschaft an der ETH Zürich. Doch diese offizielle Bezeichnung ihrer Tätigkeit mögen Sie nicht sonderlich. Wieso nicht?
Hartmut Fähndrich: Weil der Begriff Islamwissenschaft Ausdruck ist der verkürzten und einseitigen Art, wie der Nahe Osten im Westen wahrgenommen wird. Unser Blick auf die arabische Welt erfolgt primär durch die Brille der Religion, wir setzen den Nahen Osten automatisch mit dem Islam gleich und betrachten alle Araber in erster Linie als Muslime. Das finde ich fatal.

Wieso?
Es ist eine Verengung der Perspektive, die der vielfältigen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation im arabischen Raum nicht gerecht wird. Zum einen leben im Nahen Osten auch Christen, vor allem aber ist der Islam längst nicht für alle Araber der einzige oder entscheidende Identifikationsfaktor. Viele meiner arabischen Bekannten und Freunde bezeichnen und fühlen sich als Araber oder Ägypter und nicht in erster Linie als Muslime. Ausserdem sind auch nicht alle Normen, Werte und Verhaltensweisen im arabischen Raum "islamisch", sondern auch durch Traditionen, Politik und soziale Situation bedingt.

Und die im Westen verbreitete Vorstellung des Islams als eines homogenen Blockes...
... ist falsch. Dahinter verbirgt sich auch viel diffuse Angst. Der Westen könnte wohl viel unverkrampfter mit Muslimen umgehen, wenn uns bewusst wäre, wie vielfältig und auch zerstritten die islamische Welt ist. Innerhalb des Islams gibt es Fundamentalisten genauso wie liberale Reformer und Menschen, die dem Religiösen distanziert gegenüber stehen.

Auch bekennende Atheisten?
Es gibt Araber, für die Religion keine Rolle spielt und die das im privaten Gespräch auch betonen. Aber sich öffentlich als Atheist zu bekennen, ist heute in der arabischen Welt noch undenkbar. Die gesellschaftliche Erwartung und der Druck, sich zu einer Religion - nicht unbedingt der islamischen - zu bekennen, ist in der arabischen Welt dazu noch zu stark. Ausserdem muss, wer sich atheistisch äussert, auf Grund der in vielen Ländern existierenden Blasphemieartikel auch mit einer gerichtlichen Verurteilung rechnen. In dieser Beziehung sollte sich noch einiges ändern: Auch in einem arabischen Land sollte es möglich sein, sich öffentlich als nicht gläubig zu bekennen.

Sie haben sich einen Namen gemacht als einer der ganz wenigen Übersetzer, die regelmässig Werke von zeitgenössischen arabischen Autorinnen und Autoren ins Deutsche übertragen. Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser kulturellen Vermittlertätigkeit?
Ich möchte der arabischen Welt eine Stimme im deutschsprachigen Raum verleihen und den europäischen Lesern einen anderen Einblick in diese Welt vermitteln, als sie ihn sonst bekommen. Es ist ja in der Regel eine kleine Gruppe von deutschsprachigen Nahost-Experten, die mit ihren Sachbüchern und Medienauftritten unser Bild vom Nahen Osten prägen. Europäer erklären uns - manchmal mit zweifelhafter Kompetenz - den Nahen Osten, Araber hingegen kommen bei uns kaum je zu Wort!

Gleichzeitig gibt es zwischen Marokko und dem Irak so viel spannende zeitgenössische Literatur, die einem westlichen Publikum kaum bekannt und auch erst bruchstückhaft zugänglich ist. Deshalb beschäftige ich mich auch nicht als Wissenschafter mit arabischer Literatur, sondern übersetze sie mit einem gewissen missionarischen Eifer. Mit jedem übersetzten Buch habe ich die Gewissheit, einige hundert oder bestenfalls gar einige tausend Leser zu erreichen. Wissenschaftliche Studien hingegen würden über einen engen akademischen Kreis hinaus kein Echo finden.

Woran liegt es denn, dass in den westlichen Medien keine arabischen Experten zu Wort kommen und Bücher arabischer Autoren nur geringe Auflagen erreichen, während "europäische" Nahost-Bücher zu Bestseller werden?
Unter anderem daran, dass wir durch unsere Schulbildung und unsere Kultur eine fixe, aber falsche Vorstellung davon haben, wie der Orient und die Araber zu sein haben. Unser Nahost-Bild ist bis heute stark durch die europäische Romantik geprägt: Die Welt von "1001 Nacht", die Düfte und Farben, das Harem, der Dolch im Gewand des Arabers als Symbol für seine Hinterhältigkeit - diese Klischees prägen und trüben unseren Blick auf die arabische Welt heute noch und erschweren damit auch die differenzierte Auseinandersetzung mit der arabischen Welt.

Inwiefern?
Die meisten Leute wollen ihre Vorstellungen und Klischees erfüllt sehen und sind nicht bereit, sich auf etwas einzulassen, das diesem Bild widerspricht. Vielleicht erinnern Sie sich an den Skandal um den Journalisten und Autor Gerhard Konzelmann, der einige Jahre zurück liegt. Konzelmann, der als Nahost-Experte für das ZDF arbeitete, konnte nachgewiesen werden, dass er für seine Sachbücher ganze Passagen aus "1001 Nacht" einfach abgeschrieben hatte! Seine Bücher aber wurden zu Bestsellern. Die Leute fanden eben ihre lieben Klischees bestätigt. Auch bei Lesungen mit arabischen Autoren in Europa spüre ich oft Enttäuschung beim Publikum, weil die zeitgenössische arabische Literatur ihre Erwartungen vom märchenhaften Orient nicht erfüllt.

Was gewinnt der europäische Leser, der sich auf die Lektüre von heutiger arabischer Literatur einlässt?
Unter anderem die Gewissheit, dass die Araber nicht ständig mit dem Koran herumfuchteln, wie man das hierzulande manchmal meint. Die Gleichsetzung von arabischem Raum und Islam wird relativiert: Zwar kommt der Islam in arabischer Literatur vor, aber behandelt werden keine spezifisch islamischen Themen, sondern Themen der menschlichen Existenz im arabischen Raum. Das gibt einen neuen Zugang: Für die meisten Europäer sind Araber zuerst einmal Muslime, für mich sind es Menschen, die unter bestimmten Bedingungen leben und von bestimmten Traditionen geprägt sind - bei denen das Islamische eine gewisse Rolle spielt.

Bei der Lektüre merkt man auch, wie ähnlich - trotz aller Unterschiede - das Leben im Nahen Osten und in Europa ist. Ich habe in den 90er-Jahren bewusst eine ganze Reihe von Autobiographien aus dem arabischen Raum übersetzt, um genau dies zu verdeutlichen. In diesen Lebenserinnerungen habe ich immer wieder Muster gefunden, die mich an mein eigenes Aufwachsen im Deutschland der 50er erinnerten: Das Spielen der Kinder, der Moscheebesuch am Freitag dort, der sonntägliche Kirchbesuch hier, der religiöse Eiferer in der Moschee, meine Nachbarn in Tübingen, die mir als Kind die Hölle heiss gemacht haben...

Gab es bei der Beschäftigung mit diesen Autobiographien Dinge, die Ihnen diese Vertrautheit und doch auch Fremdheit besonders deutlich machten?
Es hat mich zum Beispiel überrascht, dass die Kinos, die im Libanon und in Bagdad der 50er-Jahre eröffnet wurden, dieselben Namen trugen wie bei uns in Deutschland. Regelrecht schockiert hat mich hingegen, dass in gewissen Gegenden noch in derselben Zeit Kinder mit ihren Eltern darüber stritten, ob die Erde rund sei oder nicht. Die Eltern beharrten darauf, dass die Erde eine Scheibe sei, wie sie es wörtlich dem Koran entnommen zu haben glaubten. Die Kinder hingegen hatten in der Schule gelernt, dass die Erde eine Kugel ist.

Sie haben verdeutlicht, wie stark unser "Wissen" über den Nahen Osten und den Islam von Klischees und fixen Erwartungen geprägt ist. Äussert sich das auch im Umgang mit Immigranten aus der arabischen Welt?
Absolut. Man glaubt zu wissen, wie diese Menschen sind und wie sie funktionieren. Auch hier ist die "Überislamisierung" von Muslimen durch Europäer das Problem. Wir tendieren dazu, für jegliches von unseren Normen und Vorstellungen abweichende Verhalten bei muslimischen Immigranten den "Islam" verantwortlich zu machen. "Die sind eben so, weil sie Muslime sind", lautet die einfache Erklärung für alles.

Diese "Überislamisierung" gibt es auch auf muslimischer Seite. Gerade einfachere Muslime tendieren dazu, ihr Verhalten als typisch muslimisch zu legitimieren, weil das der Diskurs ist, den sie kennen. Dass dieses abweichende Verhalten ganz verschiedene Ursachen haben kann, wird dabei von beiden Seiten übersehen.

Und welche Konsequenzen hat diese "Überislamisierung"?
Mit der beidseitigen Überislamisierung werden vor allem die konservativen Tendenzen innerhalb des Islams als typisch oder wahrhaftig "islamisch" festgeschrieben. Das bringt den Islam generell in Gefahr, Ablehnung als rückwärtsgerichtete Religion mit für hiesige Verhältnissen unangemessenen Verhaltensformen zu wecken. Häufig sind es ja jene Verhaltensweisen, die bei Gesprächs- und Dialogrunden als spezifisch islamisch hingestellt werden, die ihre Herkunft aus sozial und wirtschaftlich benachteiligten Regionen nicht leugnen können.

Das schadet jenen liberalen Muslimen, die durchaus froh sind, nicht mehr in der islamischen Welt leben zu müssen, weil sie in Europa ihren Glauben ihren Vorstellungen entsprechend leben können - und nicht wie es der Staat oder die Sozialkontrolle durch die Nachbarn ihnen vorschreibt.

Können Sie ein Beispiel für diesen Prozess nennen?
Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Bekleidung. Manche Musliminnen propagieren das Tragen eines Kopftuches als islamische Pflicht, viele gläubige Musliminnen hingegen lehnen das ab, weil sie finden, dass für sie Religion nichts mit Bekleidung zu tun hat. In den letzten Jahren haben die Medien die konservative Auslegung, was "islamisch" ist, kritiklos übernommen und schreiben nun vom "islamischen Kopftuch". Richtiger wäre es, den Begriff "das von manchen Leuten als islamisch bezeichnete Kopftuch" zu verwenden. Damit würde man all jenen anders denkenden Muslimen einen Gefallen tun, die eben kein Kopftuch tragen und sich doch als Muslime fühlen.

Sie haben an anderer Stelle vorgeschlagen, statt einem Dialog der Religionen einen Dialog unter Menschen zu führen. Was meinen Sie damit?
Ich denke, die Überreligionisierung des Menschen verstellt den Blick auf den einzelnen Menschen und ist irgendwie auch nicht mehr zeitgemäss. Wir Menschen von heute haben vielfältige Identitäten, viele verschiedene Faktoren prägen unsere Identität - Religion kann einer dieser Faktoren sein, aber meiner Ansicht nach sollte er nicht als das zentrale Identifikationsmerkmal verwendet werden.

Einen Dialog unter Menschen zu führen hiesse dann, dass sich Menschen begegnen würden, die zwar unterschiedliche Vorstellungen haben, was das Religiöse angeht, aber gewisse gemeinsame Erfahrungen und Probleme, die als Basis für einen Dialog dienen.

Hartmut Fähndrich (59) übersetzt seit rund 20 Jahren Werke der zeitgenössischen arabischen Literatur ins Deutsche. Im Schweizer Lenos-Verlag betreut er seit 1983 eine eigene Reihe für arabische Literatur. Neben seiner Übersetzer-Tätigkeit ist der aus Deutschland stammende Arabist als Dozent für arabische Sprache, Kultur und Geschichte an der ETH in Zürich angestellt und führt Kulturreisen in den arabischen Raum und die Türkei durch. Fähndrich studierte Islamwissenschaften und vergleichende Literaturwissenschaft in Tübingen und Los Angeles. Er lebt in Bern.

Autor: Stephan Moser

Datum: 08.05.2003
Quelle: Kipa

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