„Ohne die Aussicht auf ein ewiges Leben fehlt dem menschlichen Fortschritt in dieser Welt der grosse Atem." Im lange angekündigten Rundschreiben zu sozialen, wirtschaftlichen und Zukunfts-Fragen stellt Papst Benedikt XVI. aktuelle Entwicklungen in den Rahmen einer katholisch-christlichen Geschichtsauffassung. Mehrfach klagt er darüber, dass Leben verhindert und verneint, malträtiert und manipuliert wird.
„Die Liebe in der Wahrheit, zu deren Zeugen sich Jesus gemacht hat, ist der hauptsächliche Antrieb für die wirkliche Entwicklung eines jeden Menschen und der gesamten Menschheit." So beginnt die neue Enzyklika des deutschen Papstes, die an die katholische Welt und alle Menschen guten Willens gerichtet ist (lateinischer Titel: Caritas in veritate). Das Lehrschreiben wurde am Dienstag, einen Tag vor dem G8-Gipfel, veröffentlicht.
Wahrheit - oder Widerstreit der Interessen
Die Liebe und die Wahrheit gehören zusammen, schreibt der Papst: „Ein Christentum der Liebe ohne Wahrheit kann leicht mit einem Vorrat an guten, für das gesellschaftliche Leben nützlichen, aber nebensächlichen Gefühlen verwechselt werden." Die Entwicklung des menschlichen Zusammenlebens braucht die Wahrheit, erklärt der Papst, weil sonst das soziale Handeln ein Spiel privater Interessen und Machtansprüche werde, mit zerstörerischen Folgen für die Gesellschaft. Für das moralische Handeln gebe es zwei Massstäbe: die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl. Die Kirche, so Benedikt in der Einleitung zum 79 Kapitel umfassenden Schreiben, setzt sich für eine Gesellschaft ein, in der die Menschen als Mass gelten und in der ihre Würde und ihre Berufung respektiert werden.
Gottes Ruf - menschliche Entwicklung
Gleich im ersten Kapitel unterstreicht der deutsche Papst, was Paul VI. betont hatte: die „starken Verbindungen ... zwischen der Ethik des Lebens und der Sozialethik". Er leitet menschliche Entwicklung von Berufung ab: „Entwicklung ist Berufung", denn „sie wird von einem transzendenten Ruf geboren". Entwicklung sei nur dann wirklich umfassend, wenn sie sich auf die Förderung jedes Menschen und aller Menschen ausrichte. „Der christliche Glaube befasst sich mit Entwicklung und zählt nicht auf Privilegien oder auch Machtpositionen, sondern nur auf Christus." Unterentwicklung rühre nicht zuletzt vom „Mangel an Brüderlichkeit zwischen Menschen und Völkern" her. „Die immer mehr globalisierte Gesellschaft bringt uns einander nahe, aber macht uns nicht zu Brüdern". Einsatz seit nötig, damit sich die Wirtschaft zu „voll humanen Zielen entwickelt."
Globalisierung und ihre Schattenseiten
In der Folge bespricht Benedikt XVI. Globalisierungs-Probleme: enthemmte Profitmaximierung auf Kosten der Armen, Finanzspekulation, Migrationsströme sowie die ungeregelte Ausbeutung der Rohstoffe. In absoluten Zahlen wachse der Welt-Reichtum, aber die Unterschiede mehrten sich, es entstehe eine neue Armut. Der Papst nimmt eine Kritik des Südens gegen die reichen Länder auf: „eine zu strenge Anwendung des Rechtes auf geistiges Eigentum, speziell im medizinischen Bereich." Die Zivilgesellschaft müsse sich an der nationalen und internationalen Politik beteiligen, wünscht der Papst. Er erinnert die Regierenden, dass „das erste zu schützende und zu hoch zu schätzende Kapital der Mensch ist, die Person in ihrer ganzen Integrität." Angesichts der Globalisierung des kulturellen Lebens warnt der Papst vor einerseits vor kulturellem Eklektizismus, in dem die Kulturen „im Wesentlichen als gleichwertig betrachtet werden", anderseits vor einer „kulturellen Verflachung", der „Vereinheitlichung der Lebensstile".
„Antigeburtsmentalität"
Globalisierungs-Probleme: enthemmte Profitmaximierung auf Kosten der Armen.
In seinem Schreiben unterstreicht Benedikt, dass der Respekt vor dem Leben auf keine Weise getrennt werden kann von der Entwicklung der Völker. In Teilen der Welt werde Geburtenkontrolle praktiziert, die dahin führe, dass „die Abtreibung zur Verpflichtung wird". In den entwickelten Ländern sieht der Papst eine „Antigeburtsmentalität verbreitet, die man oft auch als kulturellen Fortschritt auf andere Staaten übertragen möchte". Er fährt fort: „Es besteht der begründete Verdacht, dass die Entwicklungshilfe manchmal verbunden wird mit einer Gesundheitspolitik, die tatsächlich die Pflicht zur Geburtenkontrolle einschliesst."
Sorge machen dem Papst auch Gesetze zur Euthanasie. „Wenn sich eine Gesellschaft sich auf eine Leugnung und die Unterdrückung des Lebens zu bewegt - so seine Warnung - findet sie am Ende keine „Motivationen und Energien", „um sich im Dienst des wahren Guten des Menschen einzusetzen". In der Folge fordert der Papst religiöse Freiheit, denn „Gewalt bremst echte Entwicklung". Staaten, die die Gottlosigkeit förderten, entzögen ihren Völkern „die geistlichen und humanen Ressourcen" und hemmten so ihre Entwicklung.
Markt, Geschenk, Umwelt
Entwicklung muss, wenn sie echt menschlich ist „dem Prinzip des Geschenks Platz machen". Das gilt insbesondere für den Markt. „Ohne interne Formen der Solidarität und gegenseitigem Vertrauen", so Benedikts Mahnung, kann der Markt seine eigene wirtschaftliche Funktion nicht erfüllen". Der Markt müsse „seine moralischen Energien von anderen Subjekten beziehen" und dürfe die Armen nicht als „Last, sondern als Ressource sehen."
Der Papst unterstreicht: Der Markt ist von Natur aus nichts Negatives - doch von den Menschen moralisch zu handhaben. Die traditionellen Prinzipien der Sozialethik (Transparenz, Anstand und Verantwortung) dürften nicht vernachlässigt werden. Für eine gute Entwicklung sind Markt, Staat und Zivilgesellschaft - die drei aufeinander bezogen - vonnöten. Markt und Politik brauchen „Personen, die offen sind für das gegenseitige Sich-Schenken". Die Staaten sind laut dem Papst „berufen Politiken zu betreiben, die die Zentralität der Familie fördern".
Die Wirtschaft komme nicht aus ohne eine „Ethik, die den Menschen liebt", und habe ökologisch zu funktionieren. Die internationale Gemeinschaft muss daher „internationale Wege finden, um die Ausbeutung der nicht erneuerbaren Ressourcen zu zügeln". Auch diesen Punkt verbindet der Pontifex mit Lebensrechtsfragen: „Wenn man das Lebensrecht und das Recht auf einen natürlichen Tod nicht respektiert", dann endet das „menschliche Gewissen darin, einen Begriff von einer Ökologie des Menschen zu verlieren" - und auch für die Umweltökologie.
Die Menschheit eine Familie
Im fünften Kapitel formulierte der Papst Leitlinien für die Zusammenarbeit der Völker. Deren Entwicklung hänge davon ab, dass sie sich als eine einzige Familie sähen. Die christliche Religion könne zur Entwicklung dann beitragen, wenn „Gott auch einen Platz im öffentlichen Leben findet". Wenn das Recht auf öffentliches Bekenntnis der eigenen Religion in Abrede gestellt wird, dann nimmt die „Politik ein unterdrückendes und aggressives Gesicht an."
Globalisierung erfordert „Weltautorität"
Zusammen mit der technologischen Entwicklung sind die Kommunikationsmittel berufen, die Würde der menschlichen Person und der Völker zu fördern.
Unter dem Gesichtspunkt der Zusammenarbeit fordert Benedikt eine Reform der UNO und der „wirtschaftlichen und finanziellen internationalen Architektur". Er verlangt eine „echte politische Weltautorität", die sich „kohärent an die Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität" hält. Die Autorität müsse effektive Macht haben. Er fordert einen höheren „Grad an internationaler Orientierung", um die Globalisierung zu leiten.
Was die Technik nicht darf
Abschliessend behandelt der Papst die Perspektiven und Verheissungen der Technik, namentlich im Umgang mit dem Leben. Er warnt vor der prometheischen Annahme, der zufolge die „Menschheit meint, sich selbst neu erschaffen zu können, indem sie sich der Wunder der Technologie bedient." Technik könne keine absolute Freiheit haben. Zusammen mit der technologischen Entwicklung sind die Kommunikationsmittel berufen, die Würde der menschlichen Person und der Völker zu fördern.
Gerade auf dem Feld der Bio-Ethik, so der Papst warnend, wird sich „Vernunft ohne Glaube in Illusionen der eigenen Allmacht verlieren". Das katholische Oberhaupt erschreckt eine „systematische eugenische Geburtenplanung".
Abschliessend hält er fest, dass die Entwicklung geistliches Wachstum umfassen muss, über das materielle hinaus. Der Mensch brauche ein neues Herz, um die materialistische Vision der menschlichen Geschehen zu überwinden. Die Christen sollen sich aktiv und im Gebet für eine Entwicklung zum Guten einsetzen.
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