Die neue Sozialenzyklika von Benedikt XVI. stösst in Deutschland weitgehend auf positive Resonanz. Sozialethiker zeigten sich dagegen skeptisch besonders gegenüber der vom Papst geforderten neuen politischen Weltautorität.
Nach Bundeskanzlerin Merkel begrüsste auch der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geissler den Text «Caritas in veritate» («Liebe in Wahrheit»). Er bezeichnete das Dokument als «klare radikale Alternative zur jetzigen Wirtschaftsordnung». Die Enzyklika komme genau zur richtigen Zeit. «Die Botschaft lautet: Die Menschen müssen nicht dem Kapital dienen, sondern das Kapital den Menschen.» Allerdings würden die «kriminellen Aktivitäten in Teilen der Finanz- und Wirtschaftswelt» in dem päpstlichen Lehrschreiben in einer harmlosen Sprache kritisiert.
Für Entwicklungshilfe
Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sieht mit der neuen Enzyklika die zentralen Anliegen der Entwicklungspolitik unterstützt. Die Enzyklika sei «ein Dokument der Dringlichkeit» und ein «Weckruf», sagte Wieczorek-Zeul in Berlin. Mit Blick auf den G-8-Gipfel im italienischen L'Aquila hob die Ministerin auch den Aufruf in der Enzyklika hervor, die Industrieländer müssten ihre Zusagen zur Finanzierung von Entwicklungshilfe einhalten. Wieczorek-Zeul stellte sich hinter die Forderung des Papstes, zur Lösung der globalen Probleme ein weltweites Gremium zu schaffen, in dem auch die Armen eine Stimme haben.
Huber gegen Weltautorität
Auch Geissler begrüsste den Vorschlag des Papstes, eine «politische Weltautorität» zu schaffen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, erklärte dagegen, er sei nicht der Auffassung, dass eine einzige Instanz eine Art Weltethos repräsentieren könne. Vielmehr müsse man die Pluralität der Werte und Religionen ernst nehmen, das Gemeinsame erkennen und den Konsens in ethischen Fragen zu stärken versuchen.
Weniger Arbeit, mehr Armut
Der katholische Sozialethiker Bernhard Emunds vermisst in der neuen Papst-Enzyklika «das grosse Thema und die Leidenschaft». Eine systematische Auseinandersetzung mit den Ursachen der Wirtschaftskrise und den notwendigen politischen Konsequenzen suche man in dem Lehrschreiben «Caritas in veritate» vergeblich, sagte der Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts. Zu den «Perlen» der neuen Enzyklika rechnet Emunds, dass der Papst Armut auf fehlenden Zugang zur Erwerbsarbeit beziehungsweise schlecht bezahlte Arbeit zurückführe. Positiv wertete der Wirtschaftswissenschaftler auch die Kritik des Papstes an der Ausbreitung eines «rein betriebswirtschaftlichen Denkens» und an der «kosmopolitischen Manager-Klasse», deren einziger Massstab die Vermögensinteressen der institutionellen Anleger seien.
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