"Gleichung Kapitalismus und Calvin geht nicht auf"

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Calvin
Oft wird der Kapitalismus der frühen Neuzeit mit den Lehren von Jean Calvin in Verbindung gebracht. Für den Historiker Volker Reinhardt von der Universität Freiburg ist das ein "mehrfaches Missverständnis". Trotzdem hätten die Vorstellungen und Lehre des Reformators trotzdem Europa, sagte Reinhardt der Nachrichtenagentur Kipa.

Kipa: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie derzeit wird der Kapitalismus häufig verurteilt. Als Urvater dieser Wirtschaftsform gilt der Reformator Johannes Calvin. Stimmt das?

Volker Reinhardt: Also, Kapitalismus und Calvin, diese Gleichung geht nicht auf. Das ist ein mehrfaches Missverständnis, das auf den grossen deutschen Soziologen Max Weber zurückgeht. Calvin ist kein Vordenker des europäischen Kapitalismus. Das hemmungslose Gewinnstreben war ihm genauso verdächtig wie die Faulheit, die Tatenlosigkeit des Menschen. Auch bei der Zinsfrage stand Calvin auf einem durchaus konservativen Standpunkt.

Wie hat der Calvinismus Europa geprägt?
Geprägt hat der Calvinismus Europa in ganz anderer Hinsicht. Er hat wohl am stärksten von allen Konfessionen das Bewusstsein des Menschen dafür geschärft, dass er auf Erden ist, um seine Pflicht zu tun - in erster Linie vor Gott, aber sicherlich auch vor den Mitmenschen und für sie. Dazu gehörte für Calvin auch der Aufbau von sozialen Diensten. Nach dem Motto ´Fordern und Fördern´ sprang das von ihm geprägte Gemeinwesen ein, wenn jemand unverschuldet in Armut lebte. Aus einem solchen pflichterfüllten Leben haben sich für Calvin aber keine Ansprüche ergeben, die sich auf Status, Rang oder Privilegien niederschlugen.

Was würde er denn heutigen Politikern, Wirtschaftsbossen, aber auch Kirchenvertretern mit auf den Weg geben?
Nach Calvin ist der Mensch nicht gründlich verbesserungsfähig. Auch die göttliche Gnade, die den Erwählten zuteil wird, hebt die Sündenschuld des Menschen nicht auf, er wird an seinem Lebensende nur nicht von ihr verschlungen. Calvin würde die Gier der Reichen, die Unersättlichkeit derjenigen, die ohnehin schon zu viel haben, anprangern. Er würde vermutlich zu mehr Disziplin anraten, zudem Kontrollen, ´Check and Balances´, so viel Aufsicht wie möglich, um das Ausufern der Gier zu verhindern.

Datum: 13.07.2009
Autor: Birgit Wilke
Quelle: KIPA

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