Thesenanschlag in Frankfurt

«Christen sollten aus aktuellem Finanzsystem aussteigen»

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In Oberbayern kann man lokal mit dem «Chiemgauer» bezahlen - die Regiogelder könnte Vorbild für eine kirchliche Währung sein. (Foto: chiemgauer.info)
Mit einem Thesenanschlag à la Martin Luther hat der Initiativkreis 9,5 in Frankfurt auf sich aufmerksam gemacht. Kurzerhand nagelte die Gruppe ihre «9,5 Thesen gegen Wachstumszwang und für ein christliches Finanzsystem» an die Tür der Frankfurter Paulskirche.

«Wir können die strukturellen Ungerechtigkeiten des aktuellen Finanzsystems nicht länger hinnehmen, Christen sollten aus diesem System aussteigen», erklärte Gudula Frieling, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Dortmund. Die Initiative fordert die Einführung einer kirchlichen Zweitwährung. Man wolle einen «biblisch gebotenen, ökonomisch zukunftsfähigen und für Christen gangbaren Weg aus der Krise der Finanz- und Weltwirtschaft weisen», so der Anspruch.

Wachstum auf tönernen Füssen

Dass Deutschlands neue Regierung in ihrer Regierungserklärung unverdrossen vom Prinzip Wachstum spricht, können die Mitglieder der Initiative 9,5 beim besten Willen nicht nachvollziehen. «Dieses Wachstum, das hier als Hoffnungsschimmer in Zeiten der Krise propagiert wird, steht auf tönernen Füssen», sagt Frieling. Für die vier Mitglieder des Initiativkreises steht fest, dass der Zwang zum Wirtschaftswachstum aus dem derzeitigen Zins-System resultiert.

Wirtschaft unter permanentem Wachstumszwang

Durch die Zinsen wachse das Geldvermögen und setze auch die Wirtschaft unter einen permanenten Wachstumszwang. Die Vermögenszuwächse der einen müssten jedoch von den anderen erwirtschaftet werden.

«Das Geld wird auf einen kleinen Kreis von Leuten umverteilt», erklärt Frieling. «Diejenigen, die Geld haben, können daraus systematisch mehr Geld machen.» Allerdings weise schon die Bibel darauf hin, dass Christen keine Zinsen nehmen sollten. «Es gibt eine riesige Diskrepanz zwischen den Gerechtigkeitsvorstellungen der Bibel und den realen finanziellen Aktivitäten, an denen jeder Mensch beteiligt ist», erläutert Frieling die Hintergründe ihrer Forderung nach einer kirchlichen Zweitwährung.

«Regiogeld» bleibt in der Realwirtschaft

Als Vorbild für eine solche Währung sieht der Initiativkreis die vermehrt auftretenden «Regiogelder». Eine der erfolgreichsten regionalen Währungen Deutschlands ist der «Chiemgauer», der im Jahr 2003 in Oberbayern eingeführt wurde und sich mit dem Euro verrechnen lässt. «Der Chiemgauer hat sich bei uns rasend schnell verbreitet», berichtet Klaus Kopp, Mitglied im Vorstand des Chiemgauers e.V.. «Aktuell sind 428.499 Chiemgauer im Umlauf, das entspricht der gleichen Eurosumme», erklärt er. Das Regiogeld habe den Vorteil, dass es im Finanzmarkt nicht zum Spekulationsobjekt werde, sondern in der Realwirtschaft bleibe und zudem den regionalen Handel unterstütze.

Die Umlaufsicherung des Geldes, die sonst durch Zinsen gewährleistet ist, wird bei regionalen Währungen durch andere Modelle ersetzt. «Damit das Geld nicht zurückgehalten wird, fällt nach drei Monaten eine Gebühr an, wenn der Chiemgauer nicht ausgegeben wurde», erklärt Kopp.

Kirchliche Währung einführen?

So wie beispielsweise der «Chiemgauer» als Verrechnungsmittel den Handel und die Kultur der bayrischen Region stützt, könnte eine kirchliche Währung nach Meinung der Initiative 9,5 zunächst zwischen kirchlichen Akteuren wie Klöstern, Pfarreien und Verbänden oder in einzelnen Bistümern eingeführt werden. Eigenen Angaben zufolge hat der Initiativkreis sich mit seiner Idee bereits an «Bischöfe, Kirchen und Ordensleitungen» gewandt. Deren Reaktionen seien jedoch abwartend bis ablehnend gewesen, weshalb man nun an die Öffentlichkeit gehe.

Webseiten:
www.9komma5thesen.de
www.chiemgauer.info

Datum: 09.11.2009
Quelle: Kipa

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