Schmerz und Trauer

Bitte ein Medi!

Wer ist krank – und wer nur niedergeschlagen? US-Psychiater wollen tiefen seelischen Schmerz mit Appetitlosigkeit und schlaflosen Stunden als starke Depression diagnostizieren. Von berufener Seite gibt es Einspruch.

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Mit dem «diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen» DSM klassiert die Amerikanische Psychiatervereinigung Störungen und Krankheitsbilder. Das DSM liegt aktuell in vierter Version vor; es wird weltweit verwendet, um Normalität und seelische Krankheit voneinander abzugrenzen. Für die fünfte Ausgabe des DSM, die 2013 erscheinen soll, wird eine Ausweitung der Diagnose Depression erwogen.

 

Mit Freunden trauern…

Der Psychiater Allen Frances, der die Arbeitsgruppe für die vierte DSM-Version (1994) leitete, wendet sich in der New York Times entschieden gegen diesen und andere Vorschläge. Wenn jemand Frau oder Kind verlöre und dann tief niedergeschlagen wäre, würde er als depressiv erkrankt eingestuft. «Das wäre ein umfassendes Für-Krank-Erklären (medicalization) normaler Gefühlsregungen, und es würde zur Überdiagnose und Überbehandlung von Menschen führen, die sich sehr wohl erholen, wenn man sie mit Angehörigen und Freunden trauern lässt, wie Menschen es immer getan haben.»

 …oder mit Pillen vergessen?

Allen Frances sieht schon die Pharmafirmen, die den Ärzten beibringen wollen, wie sie Trauer mit einer Zauberpille beheben können. Hinter dem Vorschlag fürs DSM-5 nimmt der frühere Psychiatrie-Chef der Duke University durchaus gute Beweggründe an. Es gebe Trauernde, die klare Symptome seelischer Krankheit entwickelten. Sie sollten rasch behandelt werden können. Aber dazu biete das DSM-4 Handhabe genug. «Was für DSM-5 vorgeschlagen wird, ist eine radikale Ausweitung der Grenzen psychischer Krankheit. Die Psychiatrie würde dadurch in den Bereich des normalen Schmerzes eindringen.»

Schmerz und Trauer gehören zum Leben

Frances warnt davor, dass Patienten aufgrund solcher Diagnosen keine Stelle oder Krankenversicherungen mehr bekommen. Die Placebo-Rate unnötiger Behandlungen wäre die höchste in der Medizingeschichte. Die Trauerrituale von Jahrtausenden wären bedroht. Frances hält fest: «Schmerz gehört unvermeidlich zum Leben – der Preis, den wir alle zahlen für die Fähigkeit, andere Menschen zu lieben… Lasst uns den Schmerz erleben, den wir fühlen müssen – ohne dass wir für krank erklärt werden.»
 

Datum: 18.08.2010
Quelle: Livenet / New York Times

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