Nur ein gerechter Frieden ist ein echter Frieden. Diesem Thema widmeten sich Referenten auf zweiten Ökumenischen Kirchentag in München. In einem Jahr soll es auf Jamaica vertieft werden.
Wie sieht der Einsatz für einen gerechten Frieden aus angesichts von militanten Bewegungen und Krieg in Afghanistan, von Gewalt auf der Strasse und auf dem Bildschirm? Ein Forum auf dem zweiten Ökumenischen Kirchentag in München befasste sich mit dieser Frage. Damit stimmte man die Teilnehmer zugleich auf die Konferenz des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) im kommenden Jahre ein. Sie soll im Mai 2011 in Kingston auf Jamaica stattfinden.
«Das Engagement für den Frieden ist uns als Kirchen und als Christen in die Wiege, oder besser gesagt in die Krippe gelegt», erklärte Martin Schindehütte, Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das Konzept vom «gerechten Frieden» stellt dabei den Gegenentwurf zu dem des vermeintlich «gerechten Krieges» dar.
Gerechtigkeit für Afghanistan?
Die Runde in München diskutierte die Frage: «Wie baut man Frieden?» Darüber gebe es «faktisch keine Diskussion in der Gesellschaft», bemängelte der katholische Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, und sorgte sich darum, dass der Krieg rehabilitiert werden könnte. Mit Blick auf Afghanistan sagte er: «Wir werden keinen Frieden bauen, solange es noch strukturelle Gewalt gibt.» Man müsse die Frage stellen: «Wie schaffen wir Gerechtigkeit in Afghanistan?» Das könne aber nicht gelingen, solange man viel mehr Geld für den militärischen Einsatz ausgebe.
Sicherheit ohne Frieden wird Unterdrückung
Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, ergänzte, mit Militär schaffe man keinen Frieden, denn «Sicherheit ist nicht Frieden». Zwar gebe es ohne Sicherheit keinen Frieden, «aber Sicherheit ohne Frieden wird Unterdrückung». Olav Fykse Tveit, Generalsekretär des ÖRK, erklärte, das Konzept des gerechten Friedens lasse sich auch auf andere Zusammenhänge als die deutsche Afghanistan-Debatte anwenden, beispielsweise auf die Gewalt in der «Demokratischen Republik Kongo», oder auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.
Zu Letzterem hätten die Kirchen in Deutschland einen wichtigen Beitrag zu leisten, weil sie aus der eigenen Geschichte wüssten, wie wichtig der Respekt vor den Menschenrechten sei. Sie könnten deshalb die Probleme der Palästinenser nachvollziehen. Zugleich wüssten sie um die besondere Verantwortung der Christen gegenüber den Juden und pflegten den sorgsamen Umgang miteinander: «Die deutschen Kirchen können verstehen, warum dieser Konflikt so schwierig zu lösen ist, aber auch dass er wirklich gelöst werden muss.»
Frieden im Alltag ...
Im Laufe der Dekade zur Überwindung von Gewalt von 2001 bis 2010 hätten die Kirchen einen Friedensbegriff entwickelt, bei dem der Friede zwischen den Völkern nur ein Aspekt sei. Um ihm Dauer zu geben, brauche es noch mehr: eine Erziehung zum täglichen friedlichen Miteinander, ein Ende der Gewalt durch ausbeuterische wirtschaftliche Strukturen und ein Ende des zerstörerischen Umgangs mit der Schöpfung.
Als Erfolgsbeispiel nannte Nikolaus Schneider den fairen Handel. Er habe mit dem Verkauf einiger Produkte in Kirchengemeinden nach dem Gottesdienst begonnen und inzwischen in der Gesellschaft allgemein Fuss gefasst. Zur Friedenserziehung sagte Nicolau Jemusse Luis, Leiter des Programms «Schwerter zu Pflugscharen» im Christenrat von Mosambik: «Ich möchte Sie herausfordern: Kaufen wir keine Spielzeugwaffen für unsere Kinder mehr, sondern sammeln wir alle Spielsachen ein, die Waffen darstellen, und vernichten sie.»
... statt Übungen effizienten Tötens im Spielzimmer
Gisela Mayer stimmte diesen Äusserungen zu. Sie ist Mutter eines Opfers des Amoklaufs in der Schule von Winnenden im März 2009. Gemeinsam mit anderen trauernden Eltern hat sie eine Initiative für ein friedlicheres Umfeld für Kinder gegründet. «Was sind wir nur für Wesen, dass wir das Üben von effizientem Töten als Freizeit und Sport verstehen?» fragte Mayer, und fügte hinzu: «Was brauchen unsere Kinder, damit sie Gewalt nicht brauchen?» Von der Friedenskonvokation erhofft sie sich eine «klare Stimme» der Kirchen» zu dem täglich neuen Ringen um den Frieden.
Die Erfahrungen der Kirchen während jener Dekade fliessen auch in eine ökumenische «Erklärung zum gerechten Frieden». «Sie soll ein Versuch sein, das Gelernte zu bewahren,» erklärte Konrad Raiser, der die Redaktion der Erklärung koordiniert. Ziel der Dekade sei es gewesen, «die Friedenshoffnung vom Rand ins Zentrum des kirchlichen Lebens zu rücken», erläuterte er. Sie war 2001 in Berlin symbolisch eröffnet worden.
22. Mai 2011: Friedensgebete rund um die Welt geplant
Zum Abschluss des Friedensforums in München wurden die Teilnehmer zu einer christlichen Friedenswelle im Mai 2011 aufgerufen. Sie sollten sich wie die Hirten von Bethlehem auf den Weg machen und am Sonntag der Friedenskonvokation, dem 22. Mai 2011, die Friedensbotschaft weitertragen und gemeinsam für den Frieden beten, meinte EKD-Auslandsbischof Schindehütte. «Von Jamaika wird eine Welle ausgehen: nicht eine La-Ola-Welle, sondern eine Ora-et-Labora-Welle. Wir wollen gemeinsam beten und arbeiten für den Frieden», erklärte Schindehütte.