Kommentar

Die G 20 und Europas Ersatzreligion

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G 7, G 8, G 20: Wird so die Welt regiert? Oder nur die Unfähigkeit der Politik, Probleme zu lösen, verdeckt? Gewöhnt hat man sich daran, dass mit der Kanzlerin, Sarkozy und dem Römer Cavaliere auch Herr Medwedew aus dem Kreml anreist.

Wenn das G-8-Treffen ausserhalb Torontos dem ungezwungenen Austausch diente, war der Aufwand für das Gipfeltreffen der grossen Industrie- und Schwellenländer in der Stadt jedenfalls gigantisch - und in keinem Verhältnis zum Ertrag: Eine Milliarde Dollar soll die Tagung gekostet haben, für die Gastgeber Kanada 19‘000 Sicherheitskräfte aufbot.

Positiv ist, dass die G-8-Staaten das «Millennium»-Programm der Vereinten Nationen gegen Mütter- und Kindersterblichkeit mit noch einmal 5 Milliarden Dollar unterstützen. Die zugesagte Summe, kleiner als erwartet, kann vor dem Hintergrund der gebrochenen Zusage des G-8-Gipfels 2005 gesehen werden, die Afrikahilfe um jährlich 25 Milliarden Dollar zu steigern.

In der G 20 laden die grossen westlichen Industrieländer die Riesen der Staatenwelt an den Tisch: Miteinander hat man 85 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, 80 Prozent des Welthandels und zwei Drittel der Weltbevölkerung.

Auch die Chinesen waren dabei, die mit ihrem nicht marktgerechten Wechselkurs die halbe Weltwirtschaft in Schieflage bringen. Barack Obama hofft die Arznei dagegen Herrn Hu bei einem Staatsbesuch noch etwas wirkungsvoller empfehlen zu können; verabreichen kann er sie nicht, wenn die Amerikaner weiterhin über ihre Verhältnisse leben.

Bemerkenswert: Die grossen Schwellenländer, Japan und Kanada wehrten sich gegen Vorstösse für eine Regulierung des Finanzsektors. Dass ein Jahrzehnt nach der Asienkrise gerade in demokratisch regierten Ländern die schlimmsten Exzesse passierten, muss zu denken geben.

Das Versagen der Finanzbranche unterminiert die Fähigkeit des Westens, der Welt den Weg zu weisen, und lässt sein freiheitliches Wertesystem in der globalen Achtung noch tiefer sinken.

Von den Interessengegensätzen im «relativ grossen Klub» schreibt der NZZ-Kommentator: «Aufstrebende Länder mit guten Wachstumsaussichten und vergleichsweise soliden Staatsfinanzen haben andere Prioritäten als etablierte reiche Industrieländer, die riesige Schulden, schwere Sozialsysteme und schlechte Wachstumsprognosen aufweisen und deren Politiker Gleichgesinnte suchen, um ihre Umverteilungs- und Hochsteuer-Systeme vor internationalem Wettbewerb zu schützen.»

Die Armen der Welt (und ihre reichen, korrupten Eliten) stehen den Anspruchsgesellschaften des Westens gegenüber. «Der Anspruch gegenüber dem Kollektiv ist zur europäischen Ersatzreligion geworden», hält der Bankier Konrad Hummler fest. In den G 20 stehen die Europäer mit dieser Ersatzreligion im Abseits, auch wenn ihre Sorgen die Verhandlungen dominierten. Niedergang des Kontinents der Wohlstandsverwöhnten?

Datum: 28.06.2010

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