Für die einen war es ein geschickter Schachzug zur langfristigen Erhaltung der Macht, für die anderen ein folgenschwerer politischer Fehler - in jedem Fall ist es eine Zäsur: Die Ernennung der ersten muslimisch-gläubigen Ministerin in Deutschland.
Es gab und gibt viel Aufregung und Diskussionen über die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan, über ihr Nein zu Kreuz und Kopftuch in Schulen und ihre Vereidigung, die sie mit den Worten «so wahr mir Gott helfe» beschloss.
Es ist zwar bemerkenswert, aber nicht so entscheidend, dass eine Muslimin ein Ministeramt in Deutschland erreichte. Wichtiger ist die Frage des freien Miteinanders der Menschen, die unterschiedlichen Glaubens sind oder sogar dezidiert atheistisch eingestellt sind. Christen sollten jederzeit für ein Klima der Freiheit einstehen, dass Menschen sich im Blick auf Weltanschauung und Religion jederzeit frei entscheiden können. Das ist ein hohes demokratisches Gut und das ist - christlich gesprochen - schlicht eine Frage der Liebe.
Die Christen sehen sich in der heutigen Zeit hierzulande vor einem doppelten Auftrag: Sich klar und verständlich zu Jesus zu bekennen und das Miteinander der Menschen aktiv mit zu gestalten; und damit für eine Gesellschaftsordnung einzutreten, in der die freie Wahl des Glaubens jederzeit möglich ist und Glaubensüberzeugungen nicht ins Private abgedrängt werden.
Die Menschheitsgeschichte, wie sie die Bibel beschreibt, begann damit, dass der Mensch die Wahl hatte und sich für die verbotene Frucht und gegen Gottes Gebot entschied. Damit war Fluch und Schuld verbunden, aber nichts desto trotz liess Gott den Menschen gewähren auf seinem (falschen) Weg. Und dennoch warb er weiter um ihn, bis zu dem Punkt, dass er seinen Sohn Jesus schickte, um ihn zurück zu gewinnen.
Wie mag man sich die Haltung von Jesus zur Frage der Freiheit beim Glauben vorstellen? Jesus liess den reichen Jüngling ziehen, der seinen Wohlstand nicht aufgeben wollte. Er hatte in seinem engsten Kreis einen Mann, der ihn nicht verstand und dem religiösen Establishment ans Messer lieferte. Jesus sagte auch offensichtlich nichts gegen die Jünger, die nicht ihm, sondern Johannes folgten. - So gesehen respektiert und ehrt Jesus die Freiheit und die Wahl jedes Menschen.
Man sollte sich einmal auf die Anfänge des Christentums besinnen: Damals konkurrierte die brandneue Glaubensrichtung aus Galiläa, die auf den Juden Jesus zurückging, mit zahllosen Kulten, Anschauungen, Philosophien und Götzendiensten. Und das Christentum behauptete sich in dieser Konkurrenzsituation, und zwar lange bevor mit der Zugehörigkeit zur christlichen Kirche auch Vorteile verbunden waren. Das Christentum behauptete sich nicht nur in der heute kaum vorstellbaren religiösen Konkurrenzsituation, sondern sogar gegen unerbittliche und gewalttätige Verfolgung.
Heute wird die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland - nicht nur im Blick auf die Missbrauchs-Skandale - zusehends kleiner. Die Zeit der Volkskirche in Deutschland, im Sinne einer Mehrheitskirche, ist schon lange vorbei. Demgegenüber wird die Zahl der Muslime in Deutschland stark wachsen, und zwar selbst dann, wenn es zu keinen weiteren Zuwanderungen kommt, denn türkischen Familien haben mehr Kinder als deutsche.
Dessen ungeachtet, können und sollen Christen in diesem pluralistischen Staat ihre Stimme erheben, für Überzeugungen und Werte einstehen, und wo immer möglich, auch Verbündete dafür suchen, um Mehrheiten zu erreichen.
Im Übrigen ist bei uns etwas möglich, wofür es in der Türkei keinen Raum gibt: dass sich ein hoher Politiker bei seinem Amtseid auf Gott beruft. Auch das ist ein Verdienst der politischen Ordnung und Kultur Deutschlands. Dass sich Menschen demütig vor Gott und der Verantwortung ihm gegenüber beugen.
Für Aygül Özkan ist dieser Gott «Allah», den sie mit dem Gott der Juden und Christen wohl weitgehend gleichsetzt. Das kann man als «willkommene Schnittmenge» der drei Religionen betrachten, oder aber auch als starke Verwischung von Unterschieden. Denn der Gott, an den die Christen glauben, hat einen Sohn, den er schickte und hingab und er sandte seinen Geist, um die Kirche zu leiten und zu bevollmächtigen. Dieser Gott, dem man in drei göttlichen Personen (Vater-Sohn-Geist) begegnen kann, hat kaum etwas mit dem Gott gemein, den Mohammed verkündigte.
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