Die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) wird wieder die Kanzlerin stellen. Noch halten diejenigen still, die einst wegen des «C» in die CDU eingetreten waren oder die Partei in der Vergangenheit vor allem wegen der christlichen Grundorientierung gewählt hatten. Der Sieg kann nicht darüber hinwegtäuschen: Angela Merkel kann zwar weiter regieren. Sie hat es jedoch nicht vermocht, ihren Kanzlerinnenbonus in Prozentpunkte umzumünzen. Stattdessen erzielte die CDU/CSU ihr zweitschlechtestes Ergebnis bei Bundestagswahlen. Einer der Gründe ist die Unzufriedenheit, wie man in letzter Zeit das «C» politisch umsetzte.
Angela Merkel hat im Wahlkampf immer wieder die «christliche Verantwortung in der Gesellschaft» betont. In einem Leserbrief wurde dieses Reden so kommentiert: «An ihren Früchten werdet Ihr sie erkennen. Bei 26 Prozent Armen in Deutschland ist das alles nur Heuchelei.» Nicht ganz so krass kommt langsam auch Kritik in diese Richtung aus der eigenen Partei auf.
Viele Mitglieder der CDU klagen über den Verlust von christlichen Werten in ihrer Partei. Martin Lohmann, Publizist aus Bonn wollte der Kanzlerin am Rande einer Diskussionsrunde persönlich ein Exemplar seines Buches «Das Kreuz mit dem C - wie christlich ist die CDU?» überreichen. Dafür hatte sie «leider keine Hand frei».
Das «C» ist für viele zu einer Provokation geworden, ja sogar zu einer grossen Lüge einer politischen Partei. In wichtigen Fragen handle sie ausgesprochen unchristlich, sie wolle den Sozialstaat abbauen, beute die Natur aus und exportiere Waffen. Auch ein Lohndumping als Wettbewerbselement zuzulassen zeuge nicht unbedingt vom «C».
Manche sehen in dem «C» auch einen anmassenden Versuch, das politische Leben nach den Prinzipien einer bestimmten Religion gestalten zu wollen. Einige wollen also mehr «C», andere wollen es streichen, weil sie finden, dass Moral in der Politik ohnehin nichts verloren habe.
Das Wort «christlich» im Namen einer politischen Partei kann man überhaupt nur durch zweierlei rechtfertigen: Erstens ist das Menschenbild des Evangeliums eine unverzichtbare Voraussetzung für eine ethisch relevante Politik. Zweitens muss man sich der Fehlerhaftigkeit des eigenen Tuns auch in der Politik immer bewusst sein, aber dennoch einen Anspruch aufrechterhalten und sich ständig anstrengen, ihm gerecht zu werden. Man könnte es auch umgekehrt sagen: Wenn das «C» im Namen der CDU gestrichen wird, gibt man einen Anspruch auf. Womöglich strengen sich die Verantwortlichen und Mitglieder dieser Partei dann überhaupt nicht mehr an, christlichen Grundwerten in der Politik zu entsprechen.
Was bedeutet das für die CDU, wenn sie einem «christlichen Menschenbild» folgen will, das sie auf ihren Parteitagen beschwört? Angela Merkel wird neu eine Antwort darauf finden müssen. Die christlichen Wähler, die sich mit simpler C-Rhetorik haben gewinnen lassen, schwinden. Im neuen Programm wird die Partei also die Frage beantworten müssen: Was ist eigentlich christliche Politik? Es gäbe eine christliche Verantwortung - und die beginnt damit, dass sich die Union ernsthaft fragt, wozu das verpflichtet.
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